Sachbücher Junge Prinzen, alte Vorurteile
Sie hatten ihn mit falschen Versprechungen in die Fremde gelockt, ihn mit Liebe wie List immer wieder hingehalten und schließlich wie eine Geisel gegen politische und finanzielle Forderungen den europäischen Großmächten angeboten. Cem Sultan, dritter Sohn von Mehmed II. und legitimer Nachfolger des Eroberers von Konstantinopel auf dem Thron des Osmanischen Reichs, war mit seiner Flucht nach Westeuropa 1482 zum bedauernswerten Spielball von Kreuzrittern, Fürsten und Päpsten geworden.
Mit dem packend erzählten Schicksal des "kleinen Prinzen", dem großen Verlierer im Streit um das Erbe des Sultans, führt Jürgen Gottschlich seine Leser ein in die jahrhundertelange Geschichte, die Europa und die Türken verbindet. Dass der Autor dem jungen Cem aber 40 Seiten widmet und ihm so arg viel Bedeutung beimisst, hat wohl mit der politischen Botschaft Gottschlichs zu tun:
Der Istanbul-Korrespondent der "Tageszeitung" ("Taz") will "die heutige Legende" vom Kultur- und Glaubenskampf des "muslimischen Morgenlands gegen das christliche Abendland" widerlegen. Für Gottschlich "vertraten die Osmanen ihre Machtinteressen in Europa diplomatisch wie militärisch in wechselnden Koalitionen, ganz wie die anderen europäischen Mächte auch". Den für ihn eindeutigen und engen Europa-Bezug der Türkei hat er denn gleich in den Titel seiner Arbeit aufgenommen.
Gottschlichs Buch kommt daher auch einem - zumindest indirekten - Plädoyer für die Aufnahme Ankaras in die Europäische Union gleich, etwa wenn er den agilen Internationalisten Daniel Cohn-Bendit auftreten und argumentieren lässt. Der Ober-Grüne im Europaparlament, der bereits 1994 mit dem heutigen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan das Gespräch suchte, gilt in Brüssel als einer der vehementesten Fürsprecher der Türkei.
Das Kapitel "Der Islamist" über die Polit-Karriere Erdogans wiederum offenbart die ungestüme Lust des alten "Taz"lers an der Zuspitzung. Den starken Mann in Ankara als "Joschka vom Bosporus" zu bezeichnen zeigt, dass nicht alles, was hinkt, auch ein Vergleich ist. Zwar hat sich Erdogan ebenso aus der politischen Peripherie in die so genannte Mitte vorgearbeitet wie der bündnisgrüne Außenminister Fischer; auch verfügen beide über große Sympathien in allen Teilen der Bevölkerung. Nur muss man nicht zu den Fischer-Freunden zählen, um die Demokratiefestigkeit des deutschen Joschka höher einzuschätzen. Ebenso gewagt dürfte es sein, Erdogans Aufstieg bereits heute als Läuterung "vom Saulus zum Paulus" zu deuten.
Indem Gottschlich Geschichte anhand von Personen erklärt, macht er es sich vergleichsweise einfach. Doch der Autor fühlt sich anschaulich in die Akteure ein, lässt den Leser unmittelbar teilhaben an seiner Reise durch das Land und dessen Geschichte, nimmt ihn mit zu einer Hochzeit im südöstlichen Anatolien, um kenntnisreich und politisch differenziert den Kurdenkonflikt zu erklären.
Zudem versteht es Gottschlich ausgezeichnet, seine nicht immer ganz frischen, doch weiterhin aussagekräftigen Reportagen mit viel Historie zu umranken. Die Schilderung seines Besuchs bei dem legendären Präsidenten des türkischen Automobilclubs, Çelik Gülersoy, gerät so zu einer lebendigen Abhandlung über die Modernisierung Istanbuls und der Türkei.
Ungeachtet von Bewertungsfeinheiten, über die Experten trefflich streiten können, ist Gottschlich ein farbiges Türkei-Kompendium gelungen. Wer durch das Gezerre um ein Datum für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen zwischen Brüssel und Ankara neugierig auf türkische Politik, Kultur und Geschichte(n) geworden ist, wird hier gut bedient.
Auf diesen Leserkreis setzen auch die anerkannten Turkologen Günter Seufert und Christopher Kubaseck. Ihren höheren Anspruch dokumentieren die Autoren bereits durch die sorgfältige Beachtung der türkischen Schreibweise. Während Gottschlichs Verlag die türkischen Sonderzeichen ignoriert, stellen die Wissenschaftler Seufert und Kubaseck ihrem Werk eigens einen kleinen Leitfaden "zur Aussprache türkischer Namen und Begriffe" voran. Die umsichtige Edition dokumentiert auch der Anhang mit einer sehr detaillierten Zeittafel und einem Abkürzungsverzeichnis türkischer Organisationen und Institutionen.
Dazwischen liefern Seufert und Kubaseck auf gut 200 Seiten ein formidables Werk über das Land in der "nahen Ferne". Sie behandeln "Flora, Fauna und Naturschutz" und liefern "sechs klimatogeografischen Zonen" des Fast-Subkontinents mit; sie betrachten das "Kaleidoskop der Kulturen" von den ältesten Werkzeugfunden in Dursunlu bei Konya bis hin zum Erfolgsgeheimnis des türkischen Pop; und wenn sie im Kapitel "Agrarnation im Internetzeitalter?" die Wirtschaftsprobleme des Landes analysieren, gehen sie sogar noch auf die türkische Rentenkrise ein.
Beeindruckend ist dabei nicht nur die Fülle an Informationen, die Seufert und Kubaseck zusammengetragen haben; bestechend ist die laienfreundliche Aufbereitung des Fachwissens. Dabei mag den Turkologen zugute kommen, dass sie nicht nur wissenschaftlich arbeiten - unter anderem forschten sie am Orientinstitut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Istanbul -, sondern auch journalistisch tätig waren, unter anderem für den SPIEGEL.
Auch wenn man Kollegen nicht gern lobt, dürfte ihr Werk, dessen Zentrum die umfassenden Kapitel zu Geschichte und Einfluss des politischen Islam bilden, zum Besten gehören, was der Buchmarkt derzeit zum Thema Türkei bietet.
Vor einem ganz anderen persönlichen Hintergrund und auf eine in vielerlei Hinsicht andere Weise hat Baha Güngör die aktuelle Diskussion um das türkisch-europäische Verhältnis aufgegriffen. Der Journalist, in Istanbul geboren und seit 1978 deutscher Staatsbürger, nimmt sich eines überaus heiklen Themas an: der "Angst der Deutschen vor den Türken". Als Redakteur bei verschiedenen Medien schon immer schnell und aktuell, handelt Güngör flott die Klischees ab, die nicht nur die Stammtische mit einer Aufnahme seiner alten Heimat in die EU verbinden. Ob es um die "Türkenschwemme" geht oder um die Frage "Wie sollen deutsche Kinder noch Deutsch lernen?" angesichts der "Kanaksprak" an den Schulen - dem Autor entgeht kein Vorurteil.
Redlich setzt Güngör den falschen Bildern die wahren Fakten entgegen - und die eigene Meinung. Dabei hält er sich mit seiner Betroffenheit als so genannter Deutschtürke nicht zurück - im Gegenteil. Das gibt dem Buch eine persönliche Note, nährt an manchen Stellen aber auch eine unangebrachte Emotionalität. Trotz verständlicher Empörung über den Missbrauch des Glaubens durch Islamisten: Es sollte sich verbieten, sie als "Schmarotzer" oder gar "Parasiten" zu bezeichnen.
In seinem Eifer und im verständlichen Wunsch, anschaulich zu schreiben bedient der Autor sogar selbst das Klischee, wenn er Döner-Dreher an der Straßenecke beschreibt: "Die langen Schneidemesser in den Händen der vor dem Feuer durchgeschwitzten Männer mit den zusätzlich vom triefenden Fettdampf durchtränkten, schlapp herunterhängenden Haaren" seien "wahrlich kein schöner Anblick". Deshalb, so Güngör, sei "der Siegeszug des Döner" eher "ein Pyrrhussieg". Nun ja.
Auf wesentlich sichererem Terrain bewegt sich der Verfasser im zweiten Teil des Buchs, der sich mit dem Weg der Türkei nach Europa beschäftigt. Diese politische Achterbahnfahrt hat er als Berichterstatter hautnah miterlebt, glänzt mit schönen Details und entlarvenden Einblicken - etwa, wenn er die Unwissenheit Angela Merkels bei deren Türkei-Besuch im Februar beschreibt.
Daher gilt: gut, dass Güngör zur Feder gegriffen hat. Das Buch ist plakative Faktensammlung wie auch politisches Lesebuch - zur Türkei, deren Bürgern und vielen Vor-Urteilen auf deutscher Seite. Gegenargumente inklusive.