Sachbücher Der leise Klassiker
Anton Pawlowitsch Tschechow ist vor 100 Jahren im Schwarzwälder Kurort Badenweiler gestorben, gerade 44 Jahre alt. Im Bewusstsein des deutschen Lese- und Theaterpublikums aber ist er so lebendig und präsent wie nie zuvor. Seine Stücke gehören wie die Shakespeares zum Standardrepertoire der Theater, an denen sich jeder Regisseur zu messen hat. Fast sein gesamtes Prosawerk liegt inzwischen auf Deutsch vor, und neue Erwartungen weckt eine Ankündigung des Züricher Diogenes Verlags, den der Tschechow-Enthusiast Daniel Keel leitet: Eine 15-bändige Werkausgabe, neu übersetzt und kommentiert vom Spezialisten Peter Urban, ist in Vorbereitung. Neben Tschechows Werk weckt auch die Persönlichkeit dieses großen Schriftstellers und Arztes zunehmend Neugier und Sympathie.
Gerade zur rechten Zeit kommt da die umfangreiche Tschechow-Biografie der englischen Slawistin Rosamund Bartlett. Die Kultur- und Musikhistorikerin hat einen originellen Zugang zum Lebensweg Tschechows gewählt - sie nähert sich ihm über die Orte seines Lebens und Wirkens:
Das ist zunächst die Geburtsstadt Taganrog in der südrussischen Provinz und die Landschaft seiner Kindheit, die Steppe; dann das aufstrebende Moskau, wo er unter ärmlichsten Bedingungen Medizin studierte, sein Brot mit dem Schreiben von Kurzgeschichten für humoristische Zeitschriften verdiente und später mit seinen Stücken rauschende Erfolge am Moskauer Künstlertheater feierte; die romantischen alten Gutshöfe mit ihren verwilderten Parks, auf denen der junge Schriftsteller mit seiner Familie fröhlich-gesellige Sommer verlebte; Petersburg und das literarische Milieu der Zeitschriftenredaktionen und Verlage; die unendlichen Weiten Sibiriens, die er auf seiner beschwerlichen Reise zur Sträflingsinsel Sachalin kennen lernte; die geliebte mittelrussische Landschaft um das Gut Melichowo, wo Tschechow sechs glückliche, arbeitsreiche Jahre lang seinen Traum vom Gutsbesitzerleben verwirklichte, mit einem Haus voller Gäste und anstrengendem, aber befriedigendem sozialem Engagement; seine weiße Villa hoch über Jalta, in der er einsam und isoliert von seiner Frau und vom anregenden literarischen Leben der Hauptstädte seine letzten, von der tödlichen Tuberkulose überschatteten Jahre verbrachte.
Mit Hilfe einer beeindruckenden Anzahl unterschiedlichster Quellen, von historischer Literatur, Reisebüchern, Stadt- und Regionalgeschichten hat Bartlett eine Unmenge interessantes Material zusammengetragen. Der Leser bekommt für das Verständnis von Tschechows Sozialisation und Entwicklung wichtige kultur- und sozialgeschichtliche Einblicke: ins russische Kaufmannsmilieu, in die soziale Stellung des Arztes, ins "tief in der russischen Seele verwurzelte" Datschenleben, und er lernt viele wenig bekannte Details aus dem Alltagsleben des Schriftstellers und seines Freundeskreises kennen. Die fast 4500 Briefe Tschechows, die in ihrer Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, ihrer Selbstironie und ihrem Witz in der Weltliteratur einzigartig dastehen, bieten der Biografin natürlich eine wunderbare erzählerische Grundlage, mit der sie den Leser immer aufs Neue fesseln kann.
Trotzdem bleibt ein Gefühl des Unbefriedigtseins. Hinter der Überfülle der Informationen zur russischen Geschichte, Geografie, zu Lebensstilen und Landschaften erscheinen die Konturen der Persönlichkeit, das geistige Antlitz des Schriftstellers seltsam blass. Da Bartlett versucht, dessen Charakter vor allem aus seiner "physischen Umgebung" zu erklären, geht es sehr viel mehr um den reisenden Abenteurer, den begeisterten Gärtner oder leidenschaftlichen Angler Tschechow als um den genialen Schriftsteller und sein Denken. So sind zwar mehrere Seiten dem Einfluss gewidmet, den ein Buch über Russlands Fische auf Tschechow ausgeübt habe - kaum ein Wort aber seiner Lektüre von Marc Aurel oder Charles Darwin, die seine Lebensmaximen Gleichmut, Gerechtigkeit und Objektivität entscheidend bestimmt haben.
Man erfährt wenig über seine vom Arztberuf geprägte naturwissenschaftlich, agnostische Grundhaltung, seinen Verzicht auf den Anspruch, Antworten auf die großen Lebensfragen zu wissen, seine Ethik, seine ganz eigene Art der Religiosität, seine bewusste politische Abstinenz, die ihm von den Zeitgenossen immer wieder zum Vorwurf gemacht wurde. Schließlich ist Tschechows skeptische, antiideologische Weltsicht das Fundament für den neuartigen Stil seiner Prosa und die Modernität seiner Stücke. In Bartletts Biografie dient Tschechows gesamtes literarisches Werk nur zur Illustration biografischer Fakten, als Vorrats- und Motivsammlung für Assoziationen zur Lebensgeschichte.
Ein feinfühliges biografisches Porträt des Menschen und Schriftstellers Tschechow bieten dagegen die Erinnerungen eines ebenfalls berühmten Kollegen: Ivan Bunin, der einige Jahrzehnte nach Tschechows Tod als erster Russe den Literatur-Nobelpreis erhalten sollte, war in den letzten Lebensjahren in Jalta zum nahen Freund des zehn Jahre älteren Tschechow geworden. Er verbrachte ganze Tage in Gesprächen mit ihm und wohnte zeitweise sogar in Tschechows Haus. Kurz vor seinem Tod in der Pariser Emigration trug er alles, was er über den Schriftstellerfreund schon veröffentlicht, exzerpiert und gesammelt hatte, zusammen, und Bunins Witwe gab das Zettelkastenmaterial 1955 heraus. Verblüffenderweise fügen sich die Bausteine aus Dialogen, Gesprächsfetzen, Erinnerungsbruchstücken und Zitaten - trotz ihres Fragmentcharakters - zu einem treffenden, ganzheitlichen Mosaikbild der Persönlichkeit Tschechows, mit seiner Melancholie und Lebensfreude, seinem nie versiegenden Arbeitselan und seiner Lachlust, seiner Einfachheit, Bescheidenheit und absoluten inneren Freiheit.
Ein aufschlussreiches Dokument zum Leben Tschechows sind die Memoiren seiner Schwester Maria Pawlowna Tschechowa. Sie erschienen 1960 in Moskau und liegen nun endlich in deutscher Übersetzung vor. Tschechow blieb - auch nach seiner späten Heirat mit der Schauspielerin Olga Knipper - seiner Familie aufs Engste verbunden. Seine drei Jahre jüngere Schwester Mascha, die selbst nie heiratete, war lebenslang die ihm wohl nächste Vertraute. Sie hat nicht nur während der gemeinsamen Kindheit, sondern auch später - obwohl als Lehrerin berufstätig - das Leben des Bruders in Moskau, Melichowo und Jalta ständig begleitet. Nach dessen frühem Tod widmete sie - als Direktorin des Tschechow-Museums in Jalta - ihr langes Leben der Sammlung und Bewahrung seines Werks. In Jalta hat sie noch als
über 90-Jährige, etwa 50 Jahre nach dem Tod des Bruders, ihre Erinnerungen zusammengesucht. Die Greisin war nicht mehr im Stande, allein ein Buch daraus zu machen. Das hat, auf ihre ausdrückliche Bitte und auf Basis ihrer Erzählungen, ein Mitarbeiter des Tschechow-Museums getan, N. A. Sysojew.
Warum die deutsche Ausgabe den guten Geist, ohne den das Buch in dieser Form nie hätte erscheinen können, nicht erwähnt, bleibt unerfindlich. Es ist um so bedauerlicher, weil die Erinnerungen sehr verlässlich sind.
Maria Tschechowa erzählt einfach und uneitel: von der Kindheit in dieser Aufsteigerfamilie in Taganrog mit sechs Geschwistern, deren Großvater noch Leibeigener gewesen war; vom ehrgeizigen und despotischen Vater, der aber allen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen wollte, von den talentierten und schwierigen Brüdern, vom Alltag in den harten Moskauer Jahren und der erfüllten Zeit auf dem Gut Melichowo.
Man gewinnt einen faszinierenden Eindruck von der fröhlich kreativen Atmosphäre im Hause Tschechow, wo sich - trotz ständiger Geldsorgen - eine eigene komische Familiensprache herausbildete, wo ständig herumgeulkt und parodistisch Theater gespielt wurde, wo im gastfreundlichen Melichowo mit den befreundeten Schauspielern und Künstlern witzige Spiele und Foppereien üblich waren, alle Spitznamen trugen und die Hunde mit Vor- und Vatersnamen angeredet wurden.
Das Buch mit den Erinnerungen der Lydia Awilowa, das unter dem Titel "Tschechow, meine Liebe" erschienen ist, leistet dagegen einer Legendenbildung Vorschub. Awilowa war eine Schriftstellerin und Freundin Tschechows, mit der er viele Briefe wechselte, der er wichtige Ratschläge für ihr Schreiben gab und mit der er auch ein paar Mal in seinem Leben zusammentraf. Lydia Awilowa - sie war in Petersburg verheiratet und hatte drei Kinder - hat den Schriftsteller offensichtlich ihr Leben lang geliebt. Aber während sie gleich nach seinem Tode in einem Brief an Tschechows Schwester noch traurig bekennt, sie wolle keinesfalls behaupten, dass sie ihn "gut kannte" und ihm "etwas bedeutet habe", phantasiert sie sich in ihren späteren Erinnerungen einen tragischen Liebesroman zusammen, in dem sie sich als Tschechows unerfüllte Liebe darstellt, mit der er zwischen den Zeilen seiner Werke - so in der Erzählung "Über die Liebe" - geheimnisvolle Liebesbotschaften ausgetauscht habe.
Natürlich ist auch dieses Memoirenbuch eine interessante Quelle. Die russische Tschechow-Forschung hat inzwischen jedoch überzeugend nachgewiesen, dass Awilowas Erzählung nur ihren eigenen, in die Vergangenheit versetzten Lebenstraum darstellt und eine tröstende Selbsttäuschung ist. Es wäre die Aufgabe der Herausgeberin und des Verlags gewesen, dies deutlicher zu machen. Zu dem zurückhaltenden, unpathetischen, immer auf Diskretion bedachten Tschechow passt nichts weniger als eine derart rührselig-sentimentale Liebesgeschichte.