Sachbücher Buddenbrooks in Bielefeld
Etwas überrascht war Rüdiger Jungbluth dann doch, als die Familie so gar nicht mit ihm reden wollte. Schließlich hatte der Familien-patriarch in Bielefeld, Rudolf August Oetker, in der Vergangenheit immer wieder Interviews gegeben und manchmal sogar regelrechte Homestorys zugelassen.
Doch als Jungbluth sich mit der Idee an die Oetker-Familie wandte, eine Biografie über den verzweigten Unternehmerclan zu schreiben, kassierte er reihenweise Absagen. Die Vorstellung, dass ein Journalist monatelang in der Familiengeschichte wühlen könnte, ging der Bielefelder Pudding-Dynastie zu weit.
Vielen Autoren, die sich mit der Geschichte deutscher Unternehmerfamilien auseinander setzen, ergeht es ähnlich. Die Familien quittieren Interviewanfragen mit eisernem Schweigen - und beweisen, wie schwer sie sich noch heute mit ihrer eigenen Vergangenheit tun.
Doch das Interesse der Leser an einem Blick hinter die Kulissen des deutschen Industrieadels ist so groß wie noch nie. Seit 2001 sind mit Titeln wie "Die Krupps", "Die Thyssens" oder "Die Quandts" eine ganze Reihe von Biografien über Wirtschaftsdynastien erschienen. Sieben Familiengeschichten aus der Welt der Großkonzerne hat allein der Campus Verlag mittlerweile im Programm, unter anderem auch über die Bertelsmann-Gründerfamilie Mohn. Mit Büchern über die Gummibärchen-Dynastie Riegel (Haribo) und die Verlegerfamilie Burda bedient der Europa Verlag das Interesse am Wirtschaftsadel. Und bei Lübbe erscheinen unter dem Label "Familienbande" in regelmäßiger Folge die Taschenbuchausgaben von bislang neun Clan-Historien.
Locker formulierte Bücher über den Aufstieg - und bisweilen Fall - einflussreicher Unternehmerfamilien treffen den Nerv der Zeit. Allein von Rüdiger Jungbluths erster Wirtschaftsbiografie über die Quandt-Familie, die milliardenschweren Großaktionäre der Dax-Konzerne BMW und Altana, wurden annähernd 40 000 Exemplare verkauft.
Das ist immerhin das Zehnfache der mittleren Sachbuchauflage von 4000. "Bei den Familienbiografien gehen wir inzwischen aber im Durchschnitt von 10 000 Exemplaren aus", sagt Campus-Verleger Thomas Carl Schwoerer. Mit "Die Oetkers" und "Die Flicks" legt der Verlag nun zwei weitere Biografien von Familien nach, deren öffentliches Image denkbar weit auseinander liegt.
Die Oetkers gelten als bekannteste Industriellenfamilie Deutschlands. Ihre unternehmerischen Wurzeln reichen zurück bis in die Zeit des Kaiserreichs. Von einem kleinen Pudding- und Backpulver-Unternehmen hat sich der Familienbetrieb zum größten deutschen Lebensmittelkonzern entwickelt. Heute verdient die Unternehmensgruppe ihr Geld neben Lebensmitteln vor allem mit ihren Brauereien (Binding, Brau und Brunnen) sowie mit der zweitgrößten deutschen Reederei, der Hamburg Süd.
Der Wirtschaftsjournalist Jungbluth beschreibt die Oetkers als Gründerfamilie, die ihren Namen geschickt als Marketinginstrument einsetzten - und ihn für die Nachkommen gleichermaßen zur Chance und Bürde machten. Zugleich zeichnet Jungbluth die Bemühungen des Clans in der jüngeren Vergangenheit nach, die ökonomische Macht verantwortlich zu nutzen. Durch Übernahme verschiedener Wahlmandate und Ehrenämter setze der sich dem kritischen Blick der Öffentlichkeit aus statt im Hintergrund Fäden zu ziehen.
Wie ein Gegenentwurf wirkt da die Geschichte der Flick-Dynastie. Der Journalist Thomas Ramge beleuchtet eine Familie, die wohl wie keine andere das Klischeebild deutschen Unternehmertums geprägt hat: ein reicher Clan, verschwiegen und machtbewusst, der im Dritten Reich zu den Profiteuren zählte und später, in der jungen Bonner Republik, großzügig Parteispenden verteilte.
"Friedrich Flick, der Familienpatriarch, war eher ein Unternehmenshändler als ein Unternehmer", sagt Autor Ramge. "Er hat nie ein eigenes Industrieunternehmen gegründet, sondern durch geschickte Akquisitionen und Verkäufe ein Imperium aufgebaut."
Ein Imperium, das sein Sohn Friedrich Karl Flick Ende 1985 komplett verkaufte. Wenige Jahre zuvor waren die systematischen - illegalen - Parteispenden des Familienclans aufgeflogen und hatten die Republik in ihren bis dahin größten Polit-Skandal gestürzt.
"Die Geschichte der Familie Flick liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch", so Ramge. "Erfolg und Reichtum, Glamour und Sex, Familienfehde und Tod." Der Autor hatte Glück: Gert-Rudolf Flick, Neffe des Firmenerben Friedrich Karl, lud ihn zum Gespräch und ließ ihn dadurch "recht nahe an die Familie herankommen".
So unterschiedlich beide Familien die deutsche Wirtschaftsgeschichte geprägt haben, in einem sind sie sich durchaus ähnlich: Die Zeit des Nationalsozialismus bildet ein düsteres Kapitel - und nimmt in den Büchern großen Raum ein. Ausführlich durchleuchten die Autoren Jungbluth und Ramge die Verstrickungen der Familien mit dem NS-Regime. Da gibt es noch viel Ungeklärtes und Unausgesprochenes.
Dass der Oetker-Konzern vor allem in Person des damaligen Konzernlenkers Richard Kaselowsky eng mit den Nazis verbandelt war, ist nicht neu. Doch viele Details liefern Zunder für eine seit langem schwelende Debatte.
Nicht weniger aktuell ist die Nazi-Vergangenheit der Familie Flick. An der Flick Collection, der Kunstsammlung des Gründer-Enkels Friedrich Christian ("Mick"), die ab Mitte September dauerhaft in Berlin ausgestellt werden soll, entzündete sich ein erbitterter Streit um die Herkunft des Flick-Vermögens. Erst jüngst rechnete Flick-Erbin Dagmar Ottmann in einem offenen Brief mit ihrer Familie ab und verlangte, die Flick Collection erst auszustellen, wenn die Familie ihre eigene Geschichte gründlich aufgearbeitet habe. Ottmann wirft ihrer Familie den Versuch vor, "die Vergangenheit mit Kunst zu überstrahlen".
Bücher über die Geschichte deutscher Unternehmen hat es immer wieder gegeben. Aber vor allem erst in den vergangenen Jahren haben sich viele Unternehmen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte geöffnet. "Vor dem Hintergrund der Diskussionen um Zwangsarbeit und 'Arisierung' haben viele Unternehmen in den letzten Jahren unabhängige Studien in Auftrag gegeben", berichtet Andrea Schneider von der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte in Frankfurt. Aber auch da, wo die Familien zu mauern versuchen, kommen die historischen Zusammenhänge ans Licht. "Die Familien unterschätzen, wie viele Informationen inzwischen in Archiven weltweit zugänglich sind", stellt Oetker-Biograf Jungbluth fest. Seit 1989 sind in früheren DDR-Archiven und in Osteuropa unzählige Dokumente aufgetaucht - eine Goldgrube für Autoren und Historiker.
Gerade solche Quellen verlangen Autoren und Verlagen allerdings höchste Sorgfalt ab. Das Risiko ist groß, sich für den kleinsten Fehler eine Klage einzuhandeln. "Es hat im Zusammenhang mit unseren Familienbiografien aber bislang keine juristischen Auseinandersetzungen gegeben", betont Campus-Verleger Schwoerer. Besonders bei der Biografie über die Bertelsmann-Familie Mohn, die mit privaten Details aufwartet, hatte der Verlag Klagen befürchtet. Doch sie blieben aus.
Im Privaten liegt ein wichtiger Grund für den Erfolg des Genres: Wo viele Akteure und sogar Generationen aufeinander prallen, da menschelt es. Historiker rümpfen über diese Art von Leserund Verlegerinteresse die Nase. Sie beklagen die bisweilen allzu journalistische Herangehensweise der Autoren und werfen ihnen eine "Schlüssellochperspektive" vor. "Viele dieser Familienbiografien nähren einen halbgebildeten Voyeurismus", kritisiert Dieter Ziegler, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Hintergrund für das große Interesse der Leser an den Geschichten über den deutschen Wirtschaftsadel sei das schlechte Image der deutschen Manager. Die Bücher bedienten eine hämische Perspektive nach dem Motto: "Die Unternehmerfamilien sind sehr reich geworden, obwohl sie menschlich große Defizite haben."
Biograf Ramge wähnt sich über diesen Verdacht erhaben: "Ich habe den Anteil an Klatsch und Tratsch bewusst gering gehalten. Ein bisschen Persönliches gehört aber dazu. Ich will keine langweiligen Bücher schreiben."
Geht den Wirtschaftsbiografen allmählich der Stoff aus? Die "wirklich interessanten Familiengeschichten" seien inzwischen aufgeschrieben, glaubt Autor Jungbluth. Verleger Schwoerer dagegen ("Unsere Ideenliste ist noch lang") möchte sein Bestsellerfeld fleißig weiter beackern.