Sachbücher Dichter des Denkens
Mit elf Jahren beherrschte er fließend Latein und Griechisch, mit 15 wurde der Pfarrerssohn aus Leonberg dank einer Sondergenehmigung in Württembergs Elite-Kolleg, das Tübinger Stift, aufgenommen. Beurteilt man ein Leben nach äußeren Erfolgen, dann ist es für Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 bis 1854) nahezu bruchlos so weitergegangen.
Der 23-Jährige wird auf Fürsprache des Geheimen Rats Goethe Professor im Philosophennest Jena, wo er abends mit Schiller Karten spielt und bald zur Attraktion der Universität aufrückt. Der Dreißiger wird Gründungsmitglied und später Generalsekretär der Akademie der Bildenden Künste in München, geadelt und bestens besoldet ohne Lehrpflichten. In Erlangen kehrt er 1821 ans Katheder zurück, gefeiert wie ein Star. Ein Dutzend Jahre München, schließlich 1841 die Nachfolge des Studienkameraden und Denkrivalen Hegel in Berlin - größeren Erfolg, höheren Ruhm hätte sich ein Philosoph um diese Zeit nicht erträumen können.
Weshalb war der Mann mit Stupsnase, breitem Mund und strahlend blauen Augen, den der Russe Alexander Herzen einmal "Dichter des Denkens" genannt hat, trotzdem oft so unzufrieden mit sich? Und warum gilt er bis heute unter den drei Vollendern des deutschen Idealismus neben Fichte und Hegel als ein Magier, in dessen Gedankenwelt es unentwegt von Mysterien blitzt und funkelt, aber nur selten der blaue Himmel vollendeter Begriffe erscheint?
Wenn einer darauf antworten kann, ist es Xavier Tilliette. Der Jesuit, lange als Professor in Paris und Rom tätig, gehört seit vielen Jahrzehnten zum harten Kern der Schelling-Fachleute. Kein Fetzen im weit verstreuten OEuvre des Philosophen, keine Studie über ihn, die er nicht geprüft hätte. Und vom Schreiben versteht der heute 83-jährige Tilliette mehr als viele seiner Kollegen: Geradezu lustvoll macht er den Reiseführer auf Schellings "Odyssee des Geistes".
Ob er von der beißenden Ironie des jungen Feuerkopfes erzählt, der seine schüchterneren Stiftsgenossen Hölderlin und Hegel locker ausstach, ob er von Schellings Reizbarkeit, seinen Wutanfällen, seiner Melancholie oder seinem rührenden Familiensinn berichtet: Hier wird ein Leben anschaulich. Selbst dass sich beim versierten Vortragsredner, wenn er seine "Potenzenlehre" erläuterte, zuweilen ein paar Schweißperlen auf der Stirn zeigten, weiß Tilliette zu belegen.
Akribisch, aber nie kleinkrämerisch, zeichnet er die irdischen Stationen des Ideen-Überfliegers nach. Diskussionen mit Goethe; bald danach die glückliche, aber kinderlose Ehe mit der zwölf Jahre älteren Caroline Michaelis, die Schelling seinem Bekannten, dem Literaturhistoriker August Wilhelm Schlegel, ausspannte; der schwere Schlag von Carolines Tod 1809 und die zweite Ehe mit Pauline Gotter; Fehden und Freundschaften, Krisen und Kuren, all dies findet in übersichtlich, ja oft packend erzählten Kapiteln seinen Ort.
Wie ein Mosaik ordnen sich die Berichte zum Porträt. Wilde Jenaer Romantiker - unter denen sich der Norweger Henrik Steffens als ausdauerndster Freund erweisen sollte -, christlich-reaktionäre Gelehrte in München und skeptische Intellektuelle an der Spree: Überall macht der Schwabe, der den Dialekt ("eppes" statt "etwas") nie ganz ablegte, mit brillanten Ideenkonstruktionen Eindruck.
Als Schelling 1841 erstmals in Berlin auftrat, versammelte sich eine durchaus weltrekordverdächtige Zahl illustrer Hörer: Friedrich Engels und Michail Bakunin, Alexander von Humboldt, Bettina von Arnim und Leopold von Ranke, Jacob Burckhardt, Ernst Curtius und Sören Kierkegaard, jeder wollte den alten frommen Hexenmeister der philosophischen Redekunst noch einmal live erlebt haben.
Allerdings verfolgten nicht nur Wohlmeinende das Spektakel. Der Theologe Paulus, im selben Leonberger Haus wie Schelling geboren und seit langem ein erbitterter Gegner, ließ die Vorlesung mitschreiben und brachte sie 1843 (samt hämischen Zwischenbemerkungen) als "endlich offenbar gewordene positive Philosophie der Offenbarung" heraus. Schelling war gekränkt - und reagierte doch so maßvoll, dass er bald als Opfer eines dummen Strolches neue Sympathie erntete.
Viele solcher Situationen schildert das Buch; doch mit genau recherchierten Histörchen gibt Tilliette sich nicht zufrieden. Auch Schellings chamäleonhaft changierende Philosophie selbst - von August Wilhelm Schlegels Bruder Friedrich einmal als "wahrhafte Besessenheit" diffamiert - versucht er in großen Zwischenkapiteln zu erklären. Er will zeigen, was den angehenden Tübinger Theologen, der bald Kantianer war, mit den französischen Revolutionären fieberte und 1793/1794 begeistert zur Ich-Lehre des ungestümen Johann Gottlieb Fichte überlief, ein Leben lang auf der Ideenbahn fortgetrieben hat.
Schon während der Studentenjahre müssen viele Denkbilder in Schelling geschlummert haben, die er bald in Büchern, Aufsätzen und Vorlesungen unermüdlich entfaltete. Der Gedanke einer Weltseele etwa oder die Vorstellung, dass der Mensch ein Mikrokosmos sei, waren bewusste Aneignungen antiker Modellvorstellungen. Aber auch die spätere Naturphilosophie, das "System des transzendentalen Idealismus" (1800) und die späteren, zum Teil nicht mehr vollendeten Werke ("Die Weltalter") verstanden sich als Wiederbelebung einer reichen Tradition.
Dass der Philosoph an der Kunst ein "Organon", einen Musterfall für das Zusammenspiel von Freiheit und Notwendigkeit habe, dass man Freiheit wiederum als Lichtung, als "offene Stelle" der Natur und damit Anfangspunkt des Denkens selbst verstehen müsse - solche und andere Geistesblitze beleben Schellings Ideenkosmos bis zur Unberechenbarkeit. Nie konnten seine Hörer vorausahnen, wohin die "intellektuelle Anschauung", jenes weltschaffende Vermögen des Geistes, das den Käfig kantischer Vernunftkritik sprengte, sie als Nächstes tragen werde.
Souverän, ja oft dichterisch-farbig beschreibt Tilliette diese geistige Akrobatik, schwärmt vom "Seegang der Sätze, die sich unaufhörlich am Ufer der Ewigkeit brechen", und hat keine Scheu, die variable Gestalt der Spätphilosophie mit einem "ausziehbaren Tisch" zu vergleichen. Regelmäßig diskutiert er zudem, wie andere Schelling-Deuter das faszinierende Drama der Gedanken bewertet haben. Nur Fachleute werden die knappen Anmerkungen voll auszukosten wissen. Doch auch der gewöhnliche Leser erkennt, dass der Philosoph sein schöpferisches Erzählen vom "Absoluten" mit den Jahren immer entschiedener als Gegenstück und Überbau der Theologie begriff.
Bisweilen fordert das unentwegte Ringen mit letzten Fragen auch den Leser heraus. Zitate auf Latein dürfen ihn nicht schrecken, und wenn von "Toblers Hymne" die Rede ist, muss er einfach wissen, dass sich hinter der Kurzformel ein berühmter Essay über die Natur verbirgt, der lange Zeit Goethe zugeschrieben wurde, aber in Wahrheit von einem seiner Besucher herrührt. Am Ende resümiert der Biograf gar in einem einzigen furiosen Kapitel Schellings verästelte Wirkungsgeschichte.
Dennoch wirkt keine dieser Kühnheiten überzogen - schließlich ist hier ein Altmeister am Werk. Tilliette formuliert nicht nur stets aus überragender Kenntnis, er hat obendrein die deutsche Fassung seines komplexen Buches nochmals selbst durchgesehen, um sie als "eigentliche Ausgabe" in der Muttersprache seines Helden verstehen zu können. Selbst Spezialisten werden das Buch ausbeuten wie eine Goldmine.
Nur ein griffiges Fazit hat es nicht zu bieten. Wie Schellings Philosophie, die sich ein Leben lang auf immer neuen Wegen aus der menschlichen Begrenztheit zum Absoluten emporarbeitete, wie seine bis heute nicht vollständig entzifferten Notizbücher, in denen er mit vertrackter Krakelschrift neue Einfälle, aber auch banale Alltagsvorgänge festhielt, zeigt die Biografie die sisyphushafte Ideen-Mühsal eines Mannes, der schon sehr früh den Beinamen "Venturus" (der Kommende) für sich wählte.
Ist Schellings inspiriertes, inspirierendes Denken wieder im Kommen? "Schelling gewinnt beim näheren Kennenlernen, sprich Lesen, um es etwas umgangssprachlich zu sagen", meint Tilliette mit sanftem Spott. Was er selbst dafür tun konnte, dass wieder ein paar mehr Menschen sich dazu begeistern lassen, das hat er in diesem Buch getan - weiß Gott.