Sachbücher Späte Wiederentdeckung
Dieses Buch hat eine lange und ungewöhnliche Vorgeschichte: 1995 ersteigerte der Verfasser ein Bündel alter Briefe - der Marken wegen. Bei der Durchsicht stellte er fest, dass er die erschütternde Korrespondenz eines nach Kaunas, der damaligen Hauptstadt Litauens, verschlagenen jungen Deutschen mit seiner schwedischen Verlobten in Händen hielt. Im Zuge der Recherchen, die zu seinem Buch "Königskinder" führten, stieß Kaiser auf Margarete Holzman, in deren Haus der junge Mann verkehrt hatte. Der Litauerin war es gelungen, 1965 mit ihrer inzwischen verstorbenen Mutter Helene nach Westdeutschland überzusiedeln. Ihr Tagebuch des Schreckens aus den Jahren 1941 bis 1944 publizierte Kaiser unter dem Titel "Dies Kind soll leben".
Aus den Memoiren Helenes, deren Mann kurz vor seiner Ermordung durch die Gestapo ein Buch von Edwin Geist verlegt hatte, erfuhr Kaiser erstmalig von dessen Existenz. Nun hat er ihm ein drittes Erinnerungsbuch gewidmet. Bei Nachforschungen in Deutschland, Litauen, Israel, der Schweiz und den USA zeichnen sich nach und nach die Konturen einer Gestalt ab, die ein letztes, nicht gelüftetes Geheimnis umgibt.
Zwei kontrapunktisch verschlungene Erzählstränge berichten zum einen über die fesselnde Spurensuche nach dem Komponisten und Dichter Edwin Geist, zum anderen über dessen Leben und Werk.
Dieser Künstler ist von der Idee besessen, mit einem neuartigen "Musikschauspiel", in dem der Text gleichberechtigt neben der Melodie stehen soll, die Oper zu erneuern. Er wird 1902 in Berlin geboren. In den zwanziger Jahren temporäre Posten als Korrepetitor in Stettin, als Kapellmeister in Zürich; daneben kleinere Kompositionen und musiktheoretische Abhandlungen - bis 1937 die Reichsmusikkammer dem "Halbjuden" jede weitere Betätigung in seinem Beruf untersagt.
Wenig später setzt er sich in das damals unabhängige Litauen ab und heiratet im Jahr darauf Lyda Bagriansky. Ein Requiem entsteht, Tanzpantomimen, Musikschauspiele. Dass sein letztes Werk, ein Trio, das Datum des 9. Juni 1941 trägt, ist kein Zufall. Denn wenige Tage später brach mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 der Schrecken in Litauen ein.
Es beginnt der von einem Großteil der Landeskinder eifrig unterstützte Massenmord an den Juden, deren Bevölkerungsanteil beachtliche 7,3 Prozent betrug. Geist muss mit seiner Frau ins Ghetto. Nach seiner neun Monate später erfolgten Entlassung bemüht er sich um Lydas Befreiung, indem er vermittels falscher Zeugenaussagen ihre nichtjüdische Abstammung "nachweist".
Dem letzten Lebensabschnitt Geists, der im Dezember 1942 erneut festgenommen und ein paar Tage später erschossen wird, haften besonders unheimliche Züge an. Trotz des jüdischen Vaters, der jüdischen Freunde und seiner jüdischen Frau hatte er - wie so viele der diskriminierten "Mischlinge" - wenig Bezug zum Judentum, sondern empfand sich als "normaler" Deutscher. Als solcher entwarf er, bereits im Schatten der Mordbürokratie, sein "Programm für die nächsten 10 Jahre", verfolgte sein Werk mit dem Starrsinn des von seiner Mission durchdrungenen Künstlers und schreckte nicht davor zurück, Rauca, einen der Organisatoren der Judenausrottung, aufzusuchen, um die Entlassung Lydas aus dem Ghetto zu erwirken.
Der sagte ihm diese zu - unter der perversen Auflage, das Paar habe sich zu trennen und müsse sich der (kostenpflichtigen) Sterilisierung unterziehen. Das im Tagebuch Geists protokollierte "Verhör" stellt einen der grausigen Höhepunkte des Buchs dar. Lyda kommt tatsächlich frei, was dem Paar eine kurze Atempause verschafft, bis Geist erneut verhaftet wird. Als die Behörden einen Monat nach seiner Ermordung (!) Lyda den Sterilisierungsbefehl zustellen, nimmt sie sich das Leben.
"Unerhörte Rettung", lautet der etwas irreführende Titel des Buchs - er bezieht sich allein auf das wundersame Überleben eines Teils von Geists künstlerischer Hinterlassenschaft.
Denn Fragmente seiner Partituren wurden aus der versiegelten Wohnung des Verhafteten geborgen - was endgültig verschollen ist, lässt sich nur erahnen. Das Tagebuch Geists übergab Margarete Holzman den Behörden der Sowjetrepublik Litauen. Was zu einem grotesken Nachspiel führen sollte: Auf der Grundlage dieser Hefte nämlich kommt 1969 in Tauroggen ein Theaterstück auf die Bühne, in dem Geist als antifaschistischer Held kostümiert und seine "nichtarische" Abstammung ausgeblendet wird. Immerhin werden nun einige seiner Werke in Kaunas und Vilnius aufgeführt.
"Ein gewisser Einfluss des Spätwerks von Richard Strauss, ebenso der jüngeren Wiener Schule und insbesondere von Anton Webern ist spürbar", urteilt die Kritik. Und 60 Jahre nach Geists Ermordung findet in Vilnius die Uraufführung seines Musikschauspiels "Die Heimkehr des Dionysos" statt. Im gleichen Jahr wird auch sein Tagebuch veröffentlicht, in dessen Original diverse Zensoren herumgepfuscht hatten.
Das Werkverzeichnis, Fotos und eine Zeittafel vervollständigen den spannend geschriebenen Text, der dem verfemten Komponisten postume Würdigung zuteil werden lässt.