Belletristik Herr K. und sein Double
Dies soll die Saison des Herrn K. sein, K wie Kosztolányi. Kein Naturgesetz erklärt, warum große Künstler entdeckt, vergessen, wieder entdeckt und wieder vergessen werden; auch kein Marktgesetz. Allenfalls Strähnen sind zu beobachten: Hat es beispielsweise ein ungarischer Romancier, der in der Zwischenkriegszeit Erfolg hatte, bei seiner Wiederentdeckung zu Bestsellerprominenz gebracht, so wird ihm ein nächster und nächster hinterhergeschickt. Nach Sándor Márai kam Antal Szerb, und nun kommt Dezsö Kosztolányi, und wenn darin auch nur die Logik des Roulettes steckt, so ist der Einsatz doch keinesfalls vertan, wenn dadurch ein so bunter, so eigentümlich schillernder und so gar nicht ins Korsett des gutbürgerlichen Familienkrisenromanciers geschnürter Autor wie dieser Herr K. ins Rampenlicht tritt. Er sei begrüßt. Sein Buch und sein Held kommen mit einem leichtfüßigen Charme daher, der auch nach siebzig Jahren bezaubert.
Péter Esterházy, der mit einem liebevollen kleinen Nachwort für Kosztolányis "Ein Held seiner Zeit" wirbt, weist darauf hin, dass K. (1885 bis 1936), den er den "elegantesten ungarischen Schriftsteller" nennt, eine halbe Generation älter als Márai oder Szerb war, eine Wegweiserfigur, die noch in der Endzeit der Monarchie debütierte: "Ein bisschen stehen alle in seinem Schatten."
In einem beliebten, verlässlichen Literaturlexikon wird K. bündig als "der ungarische Rilke" etikettiert, und dieser Vergleich scheint schon zu seiner Zeit so geläufig gewesen zu sein, dass 1920 ein Intimfeind höhnisch über ihn schrieb, Rilke sei ja bloß Rilke, Kosztolányi hingegen Rilkissimus. Seine frühe Lyrik, wie rilkisch auch immer, wird uns wohl fremd bleiben (obwohl erste Übersetzungen schon 1914 und 1915 in der Expressionisten-Zeitschrift "Der Sturm" erschienen sind). Die Wiederentdeckung, die ihn uns jetzt nahe bringen soll, gilt einer Kunstfigur - seiner letzten großen Erfindung -, die in der Tat von einer verblüffenden und erfrischenden Modernität ist: Der andere Herr K., Doppelgänger, Gegenspieler und Selbstparodie seines Autors mit Namen Kornél Esti, ein Lebenskünstler ohne Boden unter den Füßen, ein chamäleonartiger, eulenspiegelhafter, münchhausenmäßiger, mephistophelischer Literatur-Tunichtgut, der sich gern als Weltenbummler aufspielt, in Wahrheit aber - zwischen Poetenjammer in der Dachkammer und Großsprecherei im Literatencafé - hauptsächlich als prototypischer Bohemien durch die Budapester Szene treibt.
Dezsö Kosztolányi selbst, Sohn eines Gymnasiumsdirektors aus der Provinz, scheint nach ein paar Literatur-Studienjahren ein eher gleichförmiges Leben mit Frau und Kind im Stadtteil Buda geführt zu haben: ein gerühmter Übersetzer klassischer Literatur, ein Journalist mit dem Anspruch auf Unparteilichkeit und ein Schriftsteller, der sein Werk in eigenwilligen Umschwüngen vorantrieb. Sein Alter Ego K. sagt: "Ich habe mich nie berufen gefühlt, der titanischen Dummheit der Menschen entgegenzutreten. Sondern mich ehrfürchtig vor ihr verneigt wie vor einer mächtigen Naturerscheinung."
Anfang der zwanziger Jahre begann der empfindsame Rilkeaner plötzlich realistische Romane über das alltägliche Unglück kleiner Leute zu schreiben, vier insgesamt, die von 1921 bis 1926 erschienen, dazwischen einen satirisch überhöhten Historienroman, in dem die Zeitgenossen die Eitelkeiten und Egomanien des eigenen Kulturbetriebs wiedererkannten: "Nero, der blutige Dichter".
Dieser Nero-Roman scheint 1924 zu Kostolányis erstem Erfolg in Deutschland geworden zu sein, denn kein Geringerer als Thomas Mann gab sich die Ehre, in einem Brief-Vorwort das Buch des jüngeren Kollegen mit einem Elan zu preisen, der heute fast unangenehm gönnerhaft klingt: "Ihr schlimmes und schamhaft stolzes Wissen um Kunst und Künstlertum, Sie ließen es eingehen in diesen Roman des blutig qualvollen Dilettantismus und verliehen ihm damit alle Tiefe und Melancholie, alles Grauen und alle Komik des Lebens."
Thomas Manns Lob könnte paradoxerweise diesem so gar nicht klassenkämpferischen "Nero" zu seinen Auflagen in der DDR verholfen haben - deutlich mehr als Kosztolányis realistische Romane, von denen doch drei (mit dem deutschen Vornamen "Desider" für "Dezsö") schon in den zwanziger Jahren auch auf Deutsch erschienen waren.
Diese Romane handeln von Beziehungskatastrophen, die sich mit Zeitlupenhafter Langsamkeit zuspitzen. Der letzte, berühmteste, "Édes Anna", hat die Bezeichnung "ein Dienstmädchenroman": Anna, die musterhafte Magd, erträgt alle Quälereien und Demütigungen ihrer Herrschaften, bis sie eines Nachts mit dem Küchenmesser in deren Schlafzimmer tritt und sie umbringt.
Die mit nüchterner Strenge erzählte Geschichte dieser Anna, die sich selbst aus der Dauer und Leere und Nichtigkeit ihrer Existenz heraussprengt, indem sie zur Mörderin wird, blieb Kosztolányis letzter Roman. Mit gut vierzig Jahren erfand er seinen Doppelgänger Kornél Esti: Hohlform, Passepartout und Spielfigur, die für Einfälle aller Art gut war. "Ich bin alle und niemand", sagt dieser Herr K., "Wandervogel, Verwandlungskünstler, Zauberer, ein Aal, der dauernd zwischen den Fingern hindurchschlüpft. Ungreifbar und unbegreiflich."
Es mag nicht geplant gewesen sein, doch dieser K. scheint durch seine Originalität, Vitalität und Unabweisbarkeit die literarische Hauptrolle in Kosztolányis letztem Lebensjahrzehnt (er starb, erst 51-jährig, 1936, an Krebs) an sich gerissen zu haben: In einer Fülle von Erzählungen ist er Igel und Hase, Mephisto und Faust. Auf Deutsch ist bisher, kaum beachtet, nur eine kleine Auswahl von Kornél-Esti-Geschichten erschienen. Die 18 Stücke, die nun unter dem Titel "Ein Held seiner Zeit" vorliegen, hat Kosztolányi selbst 1933 in dieser Form zusammengestellt, etwa 20 weitere sind 1936 als Buch erschienen.
Manche dieser Texte kommen als sprachverliebte, ja "wörterverrückte" Schelmenstücke daher; andere sind rein satirische oder phantastische Miniaturen. Das Schlussstück des Bandes stellt, auf sechs Buchseiten zur beklemmend darwinistischen Parabel gerafft, den ganzen Lebenskampf als Fahrt in einer überfüllten Straßenbahn dar.
Andere Kapitel fügen sich mit zärtlicher Ironie zu einem Selbstbildnis des jungen Möchtegern-Dichters zusammen. Dazu gehört K.s erster Schultag, den Kosztolányi so sanft ausmalt, als wäre vom Herzklopfen und den Todesängsten dieser Stunde noch nie erzählt worden. Und dazu gehört die erste Reise, die den jungen K. nach bestandenem Abitur aus dem provinziellen Familienkokon tief in der Tiefebene über Budapest und Zagreb nach Fiume führt: wie das Abenteuer dieser Eisenbahnfahrt zu einer wirklichen Initiation wird - "von der Schulbank direkt in die dunkle Dichte des Lebens" - und wie in der "delikaten Dichterseele" des Abiturienten die Sehnsucht zurück in die Idylle den Kampf gegen die Faszination durch das Sinistre, Monströse und Katastrophenträchtige verliert: Das macht dieses Kapitel zu einem der bildersatten Hauptstücke des Ganzen.
Am häufigsten aber begegnen wir dem leidenschaftlichen Menschenbeobachter K. als Dauergast in all den Budapester Kaffeehäusern, die von jeher als "Kirchen" des Journalismus gelten, immer aber auch gut gefüllt sind mit Junglyrikern, deren entscheidender Durchbruch stets ganz knapp bevorsteht. Auf seine Weise ist auch K. einer von ihnen: "Er wollte schreiben. Er wartete auf den Moment, da Verzweiflung und Ekel sich so steigern würden, dass er schon fast kotzen musste, und da würde dann alles aus ihm herausbrechen, was wichtig und wesentlich und nicht nebensächlich und zufällig war. Doch der Moment war noch nicht gekommen. Es war ihm noch nicht schlecht genug."
K.s Stunde kommt beim Schwimmen: Mitten auf der Donau gerät er in Panik ("Es kam ihm in den Sinn, dass er keine Angst hatte, und dieser Gedanke erschreckte ihn so sehr, dass er sofort Angst bekam"), er verkrampft sich, verschluckt sich und droht zu ertrinken. Ein kräftiger Bursche zieht ihn ans Ufer, wehrt den Gedanken des Geretteten mit einem kargen "Nicht der Rede wert" ab, lässt sich dann aber doch zu einem Essen einladen. Monate später steht der Retter unerwartet vor Ks Tür, weil er finanziell in einer kleinen Klemme ist, kommt dann öfter, weil die Not größer wird, und zieht endlich, nun ohne Arbeit und Obdach, bei K. ein. Der ist längst durch die erpresste Dankbarkeit so verschuldet und entnervt, dass er am liebsten sein Leben dem, der es gerettet hat, wieder hinschmeißen möchte.
Diese Beziehungsgeschichte, die ungeheuerlichste (auch ungeheuerlich komischste) in Kosztolányis Kornél-Esti-Kanon, entwickelt sich mit solcher Zwangsläufigkeit, als wollte K. selbst die Fatalität parodieren, die sein Dienstmädchen Anna zur Mörderin machte. Als der lästige Parasit sich erdreist, dem Lyriker K. auch noch eigene Lyrik zuzumuten, ist das Maß voll und die Konsequenz tödlich. Mag K. auch nur eine Spielfigur sein - diese Tat vergisst man ihm nie. Und doch, man muss ihn nehmen, wie auch immer er sein mag. Eine seiner unüberbietbaren Erkenntnisse lautet: "Ich glaube an nichts mehr. Daran aber glaube ich."