Belletristik Geduld mit Genies
Sie war eine Anglo-Irin - weder in England noch im gälischen Irland je daheim. Aufgewachsen ist Elizabeth Bowen in Bowen's Court, dem Herrenhaus ihrer Familie in Cork, mit zahllosen Zimmern voll schwerer Möbel, aber ohne WC; ein hoch begabtes Einzelkind ziemlich skurriler Eltern. Die Anglo-Iren galten als kultivierter denn der englische Adel, als weniger snobistisch, als literarisch begabt. Jonathan Swift war ebenso ein Anglo-Ire wie Oscar Wilde und George Bernard Shaw. Die kürzeste Definition ihrer Gattung lautete: "a Protestant on a horse".
"Herrenhausbesitzer", schrieb Elizabeth Bowen (1899 bis 1973) im Rückblick 1940, "waren Behinderte ... durch ihren Stolz, ihren Unwillen über den Untergang und durch ihre Trennung von der Umgebung, in der ihr Kampf weitergeführt wurde. Mitleid hätte sie erstaunt. Ich bezweifle auch, dass sie jemals Selbstmitleid spürten: Sie waren besessen und einigermaßen exaltiert. Sie hatten als Eroberer begonnen und wollten sich nicht von dieser Tradition trennen."
Elizabeth Bowen verließ Irland bereits in jungen Jahren und hielt den Herrensitz, solange sie den Unterhalt bezahlen konnte, als Sommerresidenz: für die Ferien und ausgedehnte Partys mit Vertrauten wie Isaiah Berlin oder Iris Murdoch. Auch Virginia Woolf war eine Freundin - so weit man mit der unberechenbaren, oft spitzzüngigen Woolf befreundet sein konnte. Nach dem ersten Treffen der beiden auf einer Gartenparty (Woolf in einem lavendelfarbenen Kleid, das Gesicht von einem Hutschleier beschattet), bei dem sich die bereits renommierten Autorinnen ausschließlich über Eiscreme unterhalten hatten, berichtete Bowen ihrem Mann, es sei ihr vorgekommen, als würde man "mit der Gattin eines ranghohen Offiziers sprechen".
Bald wurde der Umgang freier. 1938 beschrieb der Schriftsteller Hugh Walpole in seinem Tagebuch Elizabeth Bowen als "sehr apart gekleidet, mit einem Hut wie eine Kohlenschütte": "Sie und Virginia saßen da wie zwei Göttinnen, einem Furcht erregend intellektuellen Olymp entstiegen."
Damals waren beide Autorinnen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und die gute englische Gesellschaft noch intakt. Leute wie Evelyn Waugh, Anthony Powell, Geschlechter wie die Sackvilles gaben den sarkastisch-leichten Ton an, Linke wie Stephen Spender sorgten für das Engagement. Man hatte Geduld mit Genies und Exzentrikern und widerstand oft der Versuchung, das eine vom anderen zu unterscheiden. Niemand erwartete, mit guter Literatur Geld zu verdienen. Der Faschismus schien weit entfernt und ziemlich banal. Man kümmerte sich eigentlich am liebsten um sich selbst.
In dieser Zeit und Stimmung ist der jüngst erschienene Roman Bowens angesiedelt, der letzte, den sie vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte. "Kalte Herzen" spielt in einer noblen Adresse, einer noblen Adresse am Regent's Park - tatsächlich dem Londoner Haus von Bowen und ihrem Mann, dem BBC-Mitarbeiter Alan Charles Cameron. Das Haus, die Stadt, die Gesellschaft sind noch unverletzt, doch wirkt das Bürgertum, in dem Bowen ihre Geschichte spielen lässt, von innen her angegriffen, porös, agitiert und zugleich übermüdet. "Ich glaube", sagt der Geschäftsmann Thomas in einem Augenblick erschöpfter Selbstdisziplin, "dass es uns allen nicht besonders gut geht, und keiner von uns will, dass es die anderen merken. Wahrscheinlich trennt einen nichts so wie Konkurrenz und blanke Angst, und die empfinden wir allesamt. Die Ironie dabei ist, dass der Rest der Menschheit uns, der Bourgeoisie, ans Leder will, weil man meint, es ginge uns blendend. Wenigstens halte ich das für einen allgemein verbreiteten Irrtum."
Thomas lebt in einer erstarrt erscheinenden, kinderlosen Ehe, in die seine junge Halbschwester einbricht, als sie Waise wird. Frucht eines späten Seitensprungs von Thomas' Vater, im Ausland erzogen, bedeutet die 16-jährige Portia dem Paar zunächst nur eine abstrakte Verpflichtung. Ein junges Mädchen von vollkommener Unschuld, aber gesellschaftlich unerfahren, intelligent und selbstbewusst, wirkt wie ein Sprengsatz in dieser Umgebung, die von der Einhaltung ungeschriebener Gesetze lebt, von einer speziellen Mischung aus Diskretion und Unwahrheit. Ein Gesellschaftsdrama nimmt seinen Lauf, das - nicht nur gemessen an Bowens Werk- ungewöhnlich scharfkantig erzählt und spannend ist. Bis zum überraschenden Schluss.
Doch für Bowen bezeichnend ist ihr Stil, der oft verglichen wird mit dem der Kollegin Woolf - wegen der Kompliziertheit des Satzbaus, der Dezenz des Erzählten, vor allem aber wegen jener gewollten Vagheit, die Eindrücke und Gedanken, Atmosphärisches und Faktisches, Innen- und Außenwelt nicht streng voneinander trennt, sondern ineinander gleiten lässt. Allerdings ist Bowen weniger zuverlässig als Woolf in ihren Mitteln, sie probiert mehr aus und beweist vor allem mehr Humor; sie ist in jeder Hinsicht weniger perfekt.
In diesem vierten Roman der deutschen Werkausgabe bei Schöffling & Co. zeigt sie sich burlesk und handlungsfroh, eine würdige Nachfahrin der Jane Austen und eine loyale Bestattungsrednerin der englischen Bourgeoisie: "Offenbar merkt niemand, dass wir uns nicht gerade lieben. Wir wurden nicht annähernd so gehasst, als wir viel mehr Anlass zum Hass geboten haben. Aber selbst um so dämlich zu sein wie unsere Väter, brauchte man Mumm. Natürlich müssen wir leben, aber die Notwendigkeit dazu sehen wir, glaube ich, nicht. Wir können nur hoffen, uns weiter durchzumogeln, bis die anderen uns das Heft aus der Hand nehmen."
Die deutsche Übertragung von Sigrid Ruschmeier ist wie bisher bei allen Romanen ein notwendiger Glücksfall - denn das Verständnis für Bowens Können ist vollkommen von dem der Übersetzerin abhängig. Selbst in England war die Autorin Bowen zwischendurch beinahe vergessen. Jüngst aber, anlässlich einer neuen biografischen Studie, wurde sie im "Times Literary Supplement" den Größten der Moderne zugerechnet, vergleichbar Eliot, Beckett und Joyce. "Kalte Herzen" ist eine hervorragende Einstiegsdroge in Elizabeth Bowens Bewusstseinskunst.