Belletristik Faszination des Scheiterns
Im Oktober 1884, als viele Zeitgenossen ihn längst für tot halten, bekommt Herman Melville einen Brief von weit her. Ein gewisser James Billson aus Leicester berichtet dem Schriftsteller im fernen New York von einer verschworenen Melville-Anhängerschaft in England. Er beklagt die Schwierigkeiten, an ein Buch des Verehrten zu gelangen. "Sobald wir eines entdecken, wird es verschlungen und dann in einem rasch wachsenden Kreis von 'Melville-Lesern' weitergereicht." Ob der Autor wohl Titel und Verlage seiner Werke mitteilen könne? Melville antwortet: "Ich wünschte wirklich, dass die Bücher, die Sie mit so viel Geduld exhumiert haben, besser verdienten, was Sie von ihnen sagen." Und er weist unter anderem auf ein Werk mit dem Titel "Clarel" hin, "ein metrisches Gebilde, eine Pilgerreise oder so etwas, in etlichen tausend Versen, hervorragend geeignet, auf Ablehnung zu stoßen".
Eine Existenz voller Widersprüche spiegelt sich in den Briefen und Tagebüchern, die gerade unter dem Titel "Ein Leben", mit biografischen Erläuterungen versehen, als dritter Band einer Werkausgabe herausgekommen sind. Die Selbstzweifel und die Pflichten des Familienvaters, dazu der Anspruch des Dichters: Es sei sein "Verlangen, solche Bücher zu schreiben, die man gemeinhin als 'gescheitert' bezeichnet", heißt es 1849 in einem Brief.
Diesem Ziel kam Melville (1819 bis 1891) bald mit dem Roman "Moby-Dick" näher. Die Kritik reagierte gespalten, finanziell war das Buch ein Reinfall. Das Werk gehört heute zum Kanon der Weltliteratur. Die Geschichte der Jagd nach dem weißen Wal dürfte vor allem durch die Verfilmung und zahllose stark bearbeitete Jugendausgaben zu einer Art Allgemeingut geworden sein. Welch vertracktes Werk Melville 1851 tatsächlich auf die Menschheit losgelassen hat, zeigt Friedhelm Rathjens Neuübersetzung, in der auch die "Holperigkeiten und Verstiegenheiten" des Meisterwerks "getreulich" abgebildet werden. Das Resultat, ursprünglich für die Werkausgabe vorgesehen, liegt nun als "Moby-Dick; oder: Der Wal" in exklusiver Aufmachung vor, mit Federzeichnungen des Amerikaners Rockwell Kent und einem erhellenden Anhang.
Zu Melvilles Lebzeiten wurden gerade mal 3715 Exemplare von "Moby-Dick" verkauft. Fast ein Erfolg, verglichen mit "Clarel": Das Versepos erschien 1876 in einer Auflage von 330 Stück. Auf Deutsch gibt es bislang nur einige Schnipsel. Die Literaturzeitschrift "Schreibheft" bringt im Oktober auf rund 60 Seiten umfangreichere Auszüge in deutscher Sprache (Übersetzer Rainer G. Schmidt). Die Geschichte: Auf einer Fahrt in das Heilige Land verliebt sich der Theologiestudent Clarel in Jerusalem in die junge Jüdin Ruth. Clarel reist weiter, ohne Ruth, mit rätselvollen Begleitern. Er will den Sinn des Daseins und den Ursprung der Religion ergründen. Kurz vor seiner Rückkehr stirbt die Geliebte. Zwei Bände voller philosophischer und religiöser Anspielungen, fast 18 000 Zeilen, überwiegend in jambischen Tetrametern. Es konnte nicht gut gehen. 220 unverkaufte Exemplare wurden 1879 vernichtet, mit Genehmigung und - wahrscheinlich - auf Kosten des Autors.
Kein Wunder, dass Billson beim besten Willen kein Exemplar von "Clarel" mehr auftreiben konnte. Er hat dennoch eins bekommen. Melville hat es selbst nach Großbritannien geschickt, mit der Bitte, es "als Geschenk zu betrachten" - und der beiläufigen Bemerkung, es sei "das einzige Dedikationsexemplar der Ausgabe".