Belletristik: Verdammt gut gebaut - DER SPIEGEL
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Belletristik Verdammt gut gebaut

Der junge Kanadier Colin McAdam macht Furore mit seinem Roman "Ein großes Ding".
Von Christel Dormagen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieser Autor sei, so wird gemunkelt, der neue Riese aus Übersee. Nun ja, solche Riesen werden einem jedes Jahr im Dutzend angedient. Diesmal heißt er Colin McAdam und kommt gleich mit dem passenden Supersize-Titel: "Ein großes Ding". Ein bisschen viel Gigantomanie, oder?

Misstrauisch beginnt man zu lesen, und - der Mann wird einem unheimlich. Denn er macht alles richtig, na gut, fast alles, dieser Colin McAdam, mit seinem ersten Roman. Er versteht es, eine satte Geschichte um zwei sehr unterschiedliche Männer mit allem Drum und Dran so trickreich, locker und lebhaft zu erzählen, als machte er das schon sein Leben lang.

Da ist also der handfeste Jerry McGuinty, der seinen Teil der Geschichte rückblickend selbst erzählt und sich direkt an den Leser wendet: "Mein Vater war Gipser. Sein Vater war Gipser. Der Vater seines Vaters war Gipser (und Gipsen war der Tod seines Vaters). Ich, mein Freund, bin Gipser." Und da ist der seltsam ungreifbare Simon Struthers. "Er hatte ein Parlamentsmitglied als Vater und eine Mutter der Extraklasse, und seine Kindheit war lang, golden und verderblich."

Simons Geschichte wird von außen dargestellt, von jemandem allerdings, der ihn sehr gut kennt, einer Art abgespaltenem Alter Ego. Zur Zeit des Romans, der spät in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts spielt, ist Simon "Direktor für Planung und Landnutzung in der Abteilung Landeshauptstadt" und Jerry Chef eines florierenden Bauunternehmens. Beide Männer sind ungefähr gleich alt, und ihre Geschichten rücken im Lauf der gut zwanzig erzählten Jahre immer dichter aneinander: Der eine will bauen, der andere soll bewilligen.

Ein Roman aus dem Bauwesen also. Das klingt nicht gerade umwerfend. Ist es aber! Denn jetzt kommt die Liebe ins Spiel. Beiden Männern wird eine Frau zum Verhängnis: dem Praktiker Jerry, weil er seine Angebetete bekommt, dem Büromenschen Simon, weil er die seine nicht bekommt.

Jerry verfällt Kathleen Herlihy, die mit ihrem "Essen auf Rädern", einem umgebauten Lieferwagen, die Baustellen der Gegend abklappert - und Jerry das Herz bricht. Zwar zieht sie mit ihm zusammen, bekommt auch ein Kind von ihm, aber festhalten kann Jerry sie nicht. Sie verschwindet gelegentlich für einige Wochen, geht ein Verhältnis mit seinem Konkurrenten ein und verlässt ihn schließlich endgültig. Jerry, der Macher, möchte Kathleen die Welt in Form bebauter Erde zu Füßen legen und will nicht wahrhaben, dass sie sich eingekerkert fühlt und langsam seelisch krepiert.

Simon verfällt erst mal nur einem Namen. Den hört er bei einem Geschäftsessen, als die Frau seines Chefs von ihrer 15-jährigen Tochter Kwyet (wie quiet = still) erzählt. Einige Jahre und halbherzige Affären später versucht Simon - er ist da schon über vierzig -, sich über ein Techtelmechtel mit Kwyets Mutter an die schöne, sphinxhafte Tochter heranzupirschen, was schließlich zu einem tragikomischen Höhepunkt des Romans führt - einem rasanten Monolog Simons als klassischem verliebten Alten.

Dass die im Wechsel erzählten Geschichten beider Männer auch privat miteinander verschlungen sind, sei hier nur angedeutet. Überhaupt sind die Konstruktionskünste des Autors zu bewundern. Der 1971 geborene kanadische Diplomatensohn McAdam, Studienfach Literatur der Renaissance, versteht was vom Bauen - und er zeigt es!

Mal glaubt man ein Theaterstück oder Hörspiel zu lesen, mal ein filmreifes Drehbuch, mal einen Krimi. Souverän springt McAdam zwischen Genres, Stil- und Sprachformen hin und her. Ob ihm mit seinem Roman - um beim Bau zu bleiben - gleich eine Kathedrale für die Ewigkeit gelungen ist, wird sich zeigen. Ein dickes Ding ist er allemal.