Belletristik Eisiger Alptraum
Im 18. Jahrhundert kamen Emissäre vom Festland nach Grönland. Sie suchten Kontakt zu den Nachkommen der Wikinger, die hier einst eine - klimabedingt - blühende Landschaft kolonisiert hatten. Doch die Reisenden fanden nur noch versprengte Reste, verkümmerte Gestalten, die in einer Fjordsiedlung einem seltsamen Christentum anhingen. Das kernige Siedlervolk war im Lauf der Zeit, bedrängt von den vorrückenden Gletschern der Zwischenkältezeit und von feindseligen Stämmen, förmlich aufgerieben worden. In Europa war die Katastrophe jahrhundertelang unbemerkt geblieben - dort hatte einfach niemand an das abgelegene Grönland gedacht.
Mitte der fünfziger Jahre wird die riesige Eisinsel, so menschenfeindlich und entlegen, wieder zum Schauplatz eines Dramas. Denn sie scheint amerikanischen Militärplanern besonders geeignet für ein aberwitziges Projekt im Kalten Krieg. Ost und West konkurrieren auf Hochtouren, gerade ist die Schlacht um Korea geschlagen. Wenn auch der Westen gewonnen hat, so trübt doch die Existenz eines riesigen Heers von Invaliden die Siegesfeier: lauter grausam verstümmelte Körper, die Kalte Krieger aus Sorge um die allgemeine Kampfmoral der Heimat lieber nicht zumuten mögen. Wohin also mit ihnen? Kurzerhand meldet man die Verletzten daheim als "im Kampf vermisst" und versteckt sie für den Rest ihrer elenden Tage in Qangattarsa. Das ist eine grönländische US-Basis mit Landebahn, Munitionsdepot und einem großen, streng geheimen Lazarett.
Da vegetieren nun Dutzende von ihnen unter Obhut einer verrohten Militärbürokratie: all die menschlichen Ruinen, denen Gliedmaßen, Teile des Kopfes oder Hautflächen fehlen. Manche der Restleiber sind nur noch so groß wie eine Reisetasche, und wenn einer die Stationen besucht, folgt ihm ein "verwischtes Raunen" zwischen den Bettenreihen. "Die Körper riefen nach ihm. Sie zischten durch die Köcher ihrer Luftröhrenschnitte oder röchelten mit den Resten ihrer Lungen und Gaumen." Nacheinander sterben sie weg; ein Bestatterteam entsorgt ihre Körper durchs Fenster - der Weg durch die Tür hätte nach Inuit-Glauben ihre Rückkehr als Geister zur Folge - und verbrennt sie dann hinter den Hügeln. Wie geplant nimmt die Welt keine Notiz von allem.
Das grausige Szenario hat der amerikanische Autor John Griesemer entworfen, der voriges Jahr durch den Roman "Rausch" in Deutschland berühmt wurde. Auch sein eisiger Alptraum, wiederum im Hamburger Mare Buchverlag erschienen, ist nur ein Roman, wenngleich mit deutlichen Wirklichkeitsbezügen.
Vordergründig handelt es sich um eine irrwitzig komische Militärsatire mit viel "Sir! Sir!" und sinnenfrohem Sanitätspersonal, Soldaten sind vielfach listige Borderliner, Kommandanten meschugge - alles bekannt aus amerikanischen Kommiss-Satiren wie "M.A.S.H." oder "Catch 22" . Bei Griesemers arktischer Version allerdings friert das Lachen schnell wieder ein.
Bewacht wird der Schreckensort von Freaks und Kampftrinkern rätselhafter Herkunft, augenscheinlich sind sie hierher zumeist strafversetzt. Die bunte Truppe ist je nach Jahreszeit den Mückenschwärmen oder den Eisbären ausgesetzt. Und ganzjährig ihrem Kommandanten, einem Oberst mit morbidem Humor. Mal schikaniert er die Leute, mal sprengt er zu Pferd über die Tundra. Wenn ihm danach ist, hält er die abgestumpften Jammergestalten auch mit Säuferwettbewerben in Schwung.
Als der Vorgesetzte sich eine fröhliche Lagerzeitung wünscht, fordert er einen jungen Unteroffizier als Redakteur an. Der allerdings interessiert sich besonders für das, was hinter den Kulissen vorgeht. Erst entdeckt der junge Schnüffler, dass der Garnisonsgewaltige es mit einer Lazarettkraft hat und spannt sie ihm aus. Dann entdeckt er hinter dem Nicht-Ort Qangattarsa noch ein weiteres, düsteres Pentagon-Geheimnis. Rechtzeitig zum Showdown findet er heraus, dass das heimische Oberkommando eine skrupellose Operation gestartet hat, um sich des grönländischen Stützpunkts samt Insassen zu entledigen.
Auf aktuelle Enthüllungen über Monstrositäten von US-Militärs spielt das Buch nicht an. Griesemer veröffentlichte "No one thinks of Greenland" schon 2001 in Amerika, hat mit der grimmigen Satire allerdings treffsicher vorgegriffen.