Belletristik: Ultimativer Kick - DER SPIEGEL
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Belletristik Ultimativer Kick

Graham Greenes Autobiografie "Eine Art Leben" liegt neu übersetzt vor.
Von Peter Münder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er litt unter Vogelphobien, hatte furchtbare Angst vor Feuer und Fledermäusen und wurde von seinen Mitschülern meistens gehänselt und gemobbt. Denn als Sohn des Schuldirektors von Berkhamsted wurde er verdächtigt, für die "andere Seite" zu spionieren.

Der sensible Schöngeist Graham Greene (1904 bis 1991) bewältigte seine Schrecken schließlich mit Hilfe einer halbjährigen Therapie, die er als 16-Jähriger bei einem Londoner Adepten des Tiefenpsychologen C. G. Jung absolvierte ("die wohl glücklichsten Monate meines Lebens"). Die Furcht vor der Langeweile aber, sein größter Horror, verfolgte ihn lebenslang. "Die Langeweile schien sich aufzublasen wie ein Ballon im Kopf; sie wurde zum Druck im Schädel: Manchmal dachte ich, der Ballon würde platzen und ich den Verstand verlieren", schreibt Greene in seiner Autobiografie "A Sort of Life" (deutscher Titel: "Eine Art Leben"). Mehr als 30 Jahre nach der deutschen Erstausgabe von 1971 ist anlässlich des 100. Greene-Geburtstages am 2. Oktober eine flottentstaubte Neuübersetzung von Dieter Hildebrandt zu begrüßen. Sie enthält freilich nicht Teil zwei der Autobiografie ("Ways of Escape"), der 1980 erschien.

Mit einer fast gnadenlosen selbstkritischen Distanz und ohne die pfauenhafte Aufplusterung, die Autobiografien oft schwer genießbar macht, diagnostiziert Greene seine Angst vor der Leere als manische Depression; er reduziert sogar sein gesamtes Leben mitsamt dem literarischen Werk auf die Flucht vor der Langeweile. Die Geburt des Kunstwerks aus dem Horror vacui wurde wohl von kaum einem Autor so rigoros selbst analysiert wie von dem 1926 zum Katholizismus konvertierten Romancier.

Als "Times"-Redakteur tauschte er schon früh seinen kommoden Posten gegen das risikoreiche Leben eines von Vorschüssen und leicht verderblichen Verlegerversprechen abhängigen Schriftstellers ein. Zum literarischen Leitmotiv wurde ihm eine Gedichtzeile von Robert Browning: "Unser Interesse gilt dem gefährlichen Rand der Dinge."

In "Eine Art Leben" beschreibt Greene, was ihn so faszinierte. Er brauchte den Nervenkitzel und suchte ihn beim russischen Roulette, beim Propagandaeinsatz für die Deutschen während der französischen Ruhrbesetzung, beim Spionieren für den britischen Geheimdienst in Übersee. Oder auch nur beim Zahnarzt, der ihm einen gesunden Zahn entfernen sollte - aber bitte mit Äther.

Greene reiste mit seiner attraktiven Cousine nach Liberia, weil er zufällig auf einer Landkarte große weiße Flecken auf dem afrikanischen Kontinent entdeckt hatte. Beim schweißtreibenden Härtetest erkundete er, was es damit auf sich hatte. Den ultimativen Kick genoss Greene wohl Anfang der vierziger Jahre in Sierra Leone. Er sollte für den Auslandsgeheimdienst MI6 ein Auge auf den Diamantenschmuggel werfen, um herauszufinden, über welche Kanäle die Deutschen die für die Rüstungsindustrie so wichtigen Rohdiamanten bezogen. Dreckige Slumviertel, deprimierende Bordelle, an Gardinen herumturnende Ratten, die er gern mit Kollegen ins Jenseits beförderte - das war "Greeneland" pur für den Mann aus dem spießigen Nest Berkhamsted.

Das Spionieren war für Greene, wie er immer betonte, eine mit dem Schreiben verwandte Tätigkeit. Es war aber auch ein spannendes, mit aufputschenden Adrenalinschüben verbundenes Hobby, das die Bürokraten in der Spionagezentrale am St. James's Park zudem üppig honorierten: Als "bestes Reisebüro der Welt" bezeichnete er den britischen Geheimdienst, über dessen Pleiten und Pannen er sich in "Unser Mann in Havanna" ausgiebig mokierte.

Wer vor zwei Jahren angesichts der kongenialen Verfilmung seines Vietnam-Romans "The Quiet American" den politisch engagierten Greene wiederentdeckte, konnte die Weitsicht und Aktualität von dessen Kritik amerikanischer Hegemonieansprüche registrieren: Hinter dem im Opiumdampf wabernden exotischen Ambiente nimmt die Arroganz einer Weltmacht Konturen an.

Mit einem Gleichmut, der leicht als Resignation missverstanden werden kann, räsoniert Greenes Alter Ego, der in die Jahre gekommene britische Korrespondent Thomas Fowler, über diese Weltmacht: "Mochten sie kämpfen, mochten sie morden, ich wollte nichts damit zu tun haben. Ich schrieb nieder, was ich sah, ich tat nichts - selbst die Bildung einer Meinung ist schon eine Art von Tat."

Kaschiert diese Haltung, die Greenes eigene war, eine bequeme Indifferenz? Gehört sie nicht eher, als Bedingung für genaue Beobachtung, zum Beruf des Autors?

"Im Herzen eines Schriftstellers sitzt ein Splitter aus Eis", notiert er in der Autobiografie. Er reflektiert damit selbstkritisch seine Erfahrung in einem Krankenhaus: Mit eisiger Distanz nahm er die Tränen und Schreie einer Mutter wahr, deren Kind gerade gestorben war.

Neben der nüchternen Erkenntnis von der Flüchtigkeit literarischer Triumphe ("Erfolg ist gestundeter Fehlschlag") sind es solche Einsichten, die das Denken und Fühlen eines Künstlers aus erster Hand vermitteln.