Belletristik Rätselhafter Rest
Eine Geschichte ist nicht wie eine Straße, der man folgt", hat Alice Munro geschrieben, "sie ist mehr wie ein Haus. Man geht hinein und bleibt eine Weile, wandert hin und her, lässt sich nieder, wo es einem gefällt, und entdeckt, wie die Räume und Flure zueinander in Verbindung stehen, auch wie die Außenwelt sich dadurch verändert, dass man sie aus diesen Fenstern sieht."
Ihre eigenen Erzählungen sind Häuser, in denen es unendlich viel zu entdecken gibt. Von außen sehen sie schlicht und bescheiden aus, aber sobald der Leser sie betritt, merkt er verwundert, dass sie innen viel, viel größer sind, als sie von außen wirken. Hinter jedem Raum öffnet sich ein neuer, überall finden sich versteckte Ecken und Nischen, und auf den Korridoren kann man sich schier endlos verlaufen. Es sind Wunderhäuser voller Geheimnisse, und wenn man sie wieder verlässt, sieht man die Welt noch lange durch ihre Fenster.
Die Kanadierin Alice Munro, 73, ist nie so gefeiert worden, wie ihr Werk es verdient hätte. Das mag an ihrer Herkunft aus einem Land am Rand der literarischen Weltkarte liegen, auch an ihrer Neigung zur "kleinen" Form - neun Bände Erzählungen und nur einen Roman hat sie veröffentlicht - und zu weiblich-alltäglichen Themen. Sicher, Kollegen und Kritikern im angelsächsischen Raum gilt sie als Autorin von Weltrang, als Erbin Tschechows und Nobelpreiskandidatin, aber das übersetzt sich noch lange nicht in Bestsellerzahlen oder internationalen Ruhm.
Wer sie endlich entdecken will, kann in ihrem gerade auf Deutsch veröffentlichten Band "Himmel und Hölle" tief in Munros Welt eintauchen: Die neun Erzählungen handeln von jungen Ehefrauen, die gerade erst begreifen, was eine Ehe eigentlich bedeutet, und von älteren, die auf ihre Beziehung zurückblicken, von der Selbstfindung einer jungen Studentin, von Konkurrenz und Freundschaft unter Frauen, von Ausbruchversuchen oder Krankheiten, die ein Leben abrupt aus seinen Bahnen reißen.
In "Eine schwimmende Brücke" etwa begegnet der Leser einer Frau namens Jinny, Anfang vierzig, verheiratet und krebskrank. So krank, dass sie und ihr Mann Neal schon für die Zeit ihres Sterbens planen. Die Jetztzeit der Geschichte beginnt, als Jinny und Neal sich in der Stadt treffen, um nach Hause zu fahren: Sie hatte einen Termin bei ihrem Onkologen, er hat einen Teenager namens Helen abgeholt, der Jinny in Zukunft pflegen soll.
Doch dann legen sie einen Umweg zu der Farm ein, auf der Helen lebt, und während sich Neal ins Haus einladen lässt, bleibt Jinny allein draußen in der Hitze des Tages, hängt ihren Gedanken nach, betrachtet den Schrott auf dem Hof und verirrt sich bei einem kurzen Ausflug ins nahe Feld zwischen den mannshohen Ähren. Aus der detailgenauen Schilderung entspringt wie von selbst eine Atmosphäre der inneren Anspannung und Verlorenheit, aufgeladen durch Jinnys zorniges Grübeln über die Vergänglichkeit.
Doch nach einer Weile erfährt der Leser, dass Jinnys Arzt ihr ganz unerwartet Hoffnung gemacht hat: Ihre Krebswucherung ist zurückgegangen. Was Jinny verstört, ist nicht der nahe Tod, sondern dass ihr diese Nachricht die befreiende Eindeutigkeit raubt, in der sie sich eingerichtet hatte: "Eine trübe schützende Membran, die sie gar nicht bemerkt hatte, war weggezogen worden und ließ sie wund zurück."
Wie die anderen Erzählungen ist auch "Eine schwimmende Brücke" so fest in einer konkreten Wirklichkeit verankert, dass die Welt der Geschichte nicht mit ihr zu enden, sondern sich jenseits ihrer Ränder in alle Richtungen zu erstrecken scheint. Man fängt an, nicht nur über Jinnys Weg zurück in die Qualen der Hoffnung nachzudenken, sondern auch über ihre Ehe mit dem Althippie Neal, über die tragische Kindheit Helens und selbst den Alltag der Menschen, die auf der heruntergekommenen Farm wohnen. Und schon hat man sich in einem von Munros Häusern verlaufen.
Selbst als Farmerstochter in Ontario geboren, hat Alice Munro lange gebraucht, um ihre Stimme zu finden. In den fünfziger und sechziger Jahren rang sie ihrem Alltag als Ehefrau und Mutter kurze Stunden des Schreibens ab; wie für so viele Autorinnen kamen für sie aus Zeitnot überhaupt nur Short Storys in Frage. Erst mit Ende dreißig veröffentlichte sie ihren ersten Band mit Erzählungen - der aber besaß dann jene Dichte widersprüchlicher Gefühlslagen, auch jene Verbindung von Empathie, Schärfe und nüchterner Distanz, die ihre Werke bis heute auszeichnen.
Munro ist schon insofern eine literarische Architektin, als die Eleganz ihrer Geschichten weniger in stilistischen Ziselierungen zu Tage tritt denn in der Art des erzählerischen Aufbaus. Ihre Geschichten gehorchen einer komplexen Logik, die allein der Befindlichkeit ihrer Figuren entspringt. Nur selten entwickelt sie die Handlung chronologisch, vielmehr springen die Geschichten durch Raum und Zeit, werden häufig im Rückblick erzählt und können in wenigen Absätzen ein ganzes Leben umfassen.
Doch so nahe ihr psychologischer Realismus den Stärken und Schwächen, Ängsten, verqueren Hoffnungen, Selbsttäuschungen und spontan aufblitzenden Einsichten ihrer Figuren auch rückt: In den entscheidenden Augenblicken zieht sich Munro als Erzählerin zurück, lässt das oft unerwartete Handeln ihrer Heldinnen unerklärt und unerklärlich. Es bleibt ein intuitiv einleuchtender und doch rätselhafter Rest. Und genau jener Rest ist es wohl, der ihre Geschichten über die reine Virtuosität hinaus in große Literatur verwandelt.
Auch Jinny lässt sich am Ende zu einem kleinen Abenteuer hinreißen. Es weckt in ihr "einen Anflug von zärtlicher Fröhlichkeit, die gegen all ihre Wunden und Narben das Feld behauptete, einstweilen".