Belletristik: Ferne Welt, ganz nah - DER SPIEGEL
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Belletristik Ferne Welt, ganz nah

Der Brite Magnus Mills zeigt sich auch in seinem dritten Roman "Zum König!" als irritierendes Ausnahmephänomen der europäischen Gegenwartsliteratur.
Von Johannes Erasmus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Sonntag ist Magnus Mills zu Besuch bei seiner Mutter in der Nähe von Bristol. Draußen wird es allmählich dunkel, da läutet das Telefon. Ein Freund ist am Apparat. "Hast du heute die 'Sunday Times' gesehen?" Mills hat die Zeitung nicht gesehen, und deshalb liest der Freund eine Überschrift vor: "Busfahrer verkauft Roman für eine Million britische Pfund". Seit zwölf Jahren arbeitet Mills als Busfahrer, und während der vergangenen dreieinhalb Jahre beschäftigte ihn eher die Arbeit an seinem ersten Buch. Spät in der Nacht, als er wieder zu Hause in London ist, hört Mills seinen Anrufbeantworter ab. Den ganzen Tag haben Journalisten versucht, ihn zu erreichen. Zwischendurch ist immer wieder die verzweifelte Stimme des Busgaragenleiters zu hören: "Wir werden hier von Reportern eingekreist. Was soll ich mit all denen machen?"

Am Montag erscheint Mills pünktlich um sieben Uhr morgens zur Arbeit. Wieder treiben sich Leute, die man dort sonst nicht sieht, bei den Garagen herum. Der "Evening Standard" wird an diesem Tag eine Geschichte über "Millionen-Pfund-Magnus" bringen, und auch der "Guardian" hat einen Artikel gedruckt - Überschrift "Pounds 1.1m for bus driver's novel". Eine Reporterin hatte am Sonntag in der Busdepotkantine mit einigen Fahrern gesprochen.

Die wenigsten hatten eine Ahnung von der Freizeitbeschäftigung ihres Kollegen. Nur mit Mühe kann Mills mit dem roten Doppeldeckerbus der Linie 137, den er zum Oxford Circus lenken soll, das Depot verlassen. Journalisten haben die Ausfahrt zugeparkt. Etwa 30 Fahrgäste sind zugestiegen, als in der Kings Avenue ein Pkw überholt und an der nächsten Haltestelle den Bus blockiert. Fotografen springen aus dem Auto. "Zu mir gucken!", ruft einer. "Zu mir, nicht zu den andern! Ich bin von der 'Times'." Um zehn Uhr erreicht Mills endlich seinen Literaturagenten. Sie beschließen, die tatsächliche Vorschusssumme bekannt zu geben: 10 000 Pfund.

Am Mittwoch, sein Buch ist noch nicht erschienen, erhält Mills noch den Brief von seiner Bank - mit den herzlichsten Glückwünschen zu dem großartigen Deal und der dringenden Aufforderung, umgehend ein Gewerbe anzumelden.

Einige Jahre ist das her. Es war die Zeit, zu der Meldungen über haarsträubende Autorenhonorare an der Tagesordnung waren. Warum also nicht auch mal eine Million britische Pfund für einen schreibenden Busfahrer?

Wenige Wochen später ist das Buch endlich im Handel - und die Zeitungen warten mit der nächsten Sensation auf: "Busfahrer für den Booker-Preis nominiert". Aber diesmal handelt es sich nicht um eine Falschmeldung.

Mills' Erstlingsroman "The Restraint of Beasts" (deutsche Ausgabe: "Die Herren der Zäune") ist große Literatur. Mit abgründigem Witz und der Beiläufigkeit britischen Understatements erzählt der Autor von den bizarren Erlebnissen dreier Zaunbauer, die mit einem schrottreifen Wohnwagen aus einem abseitigen schottischen Kaff in kaum weniger abseitige Gegenden Englands reisen. Das Ungeschick der drei hilflosen Chaoten wird erst diversen Auftraggebern und Vorgesetzten und schließlich ihnen selbst zum Verhängnis. Für die Inszenierung des alltäglichen Schreckens braucht Mills nur wenige Schauplätze: endlos erscheinende Weiden etwa oder einen Nachtclub, in dem man schon mal eine Zahnarzthelferin aufgabelt, die einem am nächsten Morgen - "Frühstück gab es auch nicht" - die Worte "Nur damit du's weißt: Ich bin kein Zaunpfahl" mit auf den Weg gibt. Das Ganze endet in einer gespenstischen Wurstfabrik und - Mills ist ein Meister des schwarzen Humors - bleibt dennoch offen.

Den Buchrücken ziert ein hymnisches Lob: "Dieses irrsinnige, trocken und ohne mit der Wimper zu zucken erzählte Wunder an Komik ... hat die mitreißende Kraft eines magischen Wortes, das laut auszusprechen gefährlich werden könnte." Der Satz, in der zweiten Hälfte ein wenig rätselhaft, stammt von Thomas Pynchon, dem großen amerikanischen Erzähler, der alljährlich als Nobelpreiskandidat und sonst eher als Phantom durch die Medien geistert. Von welchem "magischen Wort" spricht Pynchon da? Vor allem aber: Wer ist der so gelobte Autor?

Magnus Mills, 1954 in Birmingham geboren, wächst in Bristol auf. In den Siebzigern macht er einen Abschluss in Ökonomie am Wolverhampton College. Er lebt längere Zeit im Lake District, arbeitet unter anderem, ja, als Zaunbauer. Mit 28 Jahren heiratet er, 1986 zieht er mit seiner Frau Sue nach London. Dort die Jahre als Busfahrer, nebenher schreibt er in den neunziger Jahren für den "Independent".

Den Booker-Preis bekommt man nicht für einen Roman, der so wahnwitzig die dunkle Seite des Arbeitsalltags beleuchtet - Karriere macht der Schriftsteller Mills trotzdem. Vier Romane und zwei schmale Bände mit Kurzgeschichten hat er in sechs Jahren veröffentlicht. Übersetzungen liegen in 20 Sprachen vor. In Rezensionen wird er schon mal mit Beckett oder Kafka verglichen.

In seinem 1999 erschienen zweiten Roman "All Quiet On The Orient Express" (deutscher Titel: "Indien kann warten") erzählt er die groteske Geschichte eines jungen Mannes, der mit dem Motorrad nach Asien fahren will, aber nur bis zu einem Campingplatz im Nordwesten Englands kommt. Das merkwürdige Dorf, in dem der Antiheld durch absurde Akte der Anpassung sich selbst immer fremder wird und zu einem Leibeigenen des Campingplatzbesitzers Tommy Parker mutiert, scheint abgeschnitten von dem übrigen Land. Immerhin existiert England noch. Wenn auch eher als Gerücht, jenem etwa, das von Streiks und Arbeitslosigkeit im Süden des Landes kündet. "Ich glaube nicht an die Arbeitslosigkeit", sagt Tommy Parker, als er davon hört, "irgendwas ist immer zu tun."

Noch exotischer ist der Schauplatz in Mills drittem Roman "Three to See the King" (2001), der jetzt unter dem Titel "Zum König!" auf Deutsch erschienen ist. An einem "abgelegenen Ort" steht das Haus, in dem der Ich-Erzähler wohnt, "weit oben auf der Hochebene", und es ist "ganz und gar aus Blech gebaut". Meilenweit entfernt, ebenfalls in solchen Häusern, leben die wenigen Nachbarn, allesamt Männer. Besuche sind selten. Wichtig ist, dass man "ungestört essen und trinken und schlafen" kann.

Doch dann steht eine Frau vor der Tür. Sie sagt nur: "Also hier hast du dich die ganze Zeit versteckt." Die Frau, "die Freundin eines Freundes, wenn man so will", bleibt, und eines Tages fragt sie: "Und was ist aus deinem großen Plan geworden?" - "Was für ein großer Plan?", fragt der Mann zurück, und die Frau erinnert ihn: "Du hast mir erzählt, du hättest vor, in einem Canyon zu leben." - "Ach so, das", sagt der Mann: "Na ja, das ließ sich dann doch nicht ganz verwirklichen."

In aller Ruhe, mit sparsamsten Mitteln entwickelt Mills etwas, was man kaum eine Handlung nennen möchte, eher eine Atmosphäre. Und die hat auf den Leser die Wirkung eines Sogs. Einmal schaut ein Nachbar vorbei, er berichtet von einem gewissen Michael Hawkins, der "noch weiter draußen" lebe, man müsse ihn einmal besuchen, Michael selbst könne nicht kommen, weil er "zu beschäftigt" sei. "Er ist dabei, einen Canyon zu erschaffen, in dem wir alle leben können." Sie werden zu Michael Hawkins gehen, wie so viele andere. Hawkins ist der König. Oder ein Guru. Oder Gott. Wie auf einer Theaterbühne: eine Hochebene, ein paar Häuser, ein halb ausgeschachteter Canyon, in dem Menschen mit einfachem Werkzeug arbeiten, mit Schaufeln, mit Schubkarren und Brettern. Die Handlung könnte sich vor Jahrhunderten zugetragen haben - oder in einer grauen Zukunft stattfinden, vielleicht nachdem etwas geschah, wovor man sich verstecken musste.

Voller Andeutungen erzählt Mills eine dunkle Geschichte aus einer fernen, fremdartigen Welt, die doch paradox nah erscheint. Wir befinden uns mitten in einer Parabel. Es geht um Verführung und Auflehnung, um Willen und Ohnmacht, um das große und das kleine Glück. Es geht natürlich auch um so hohe Angelegenheiten wie Politik und Religion, vielleicht geht es sogar um den Literaturbetrieb.

In "Zum König!" heißt es einmal "Ihr müsst dorthin zurückkehren, wo ihr hergekommen seid", und irgendwie kann man sagen, dass Mills dieser Aufforderung nachgekommen ist.

Die Stelle als Busfahrer hatte er gekündigt, als abzusehen war, dass er von Büchern leben kann. Doch zu Hause wurde ihm die Zeit bald lang. Schreiben, hat er einmal gesagt, könne er sowieso nur anderthalb Stunden am Tag. Aber vielleicht ist das auch nur eine dieser Skurrilitäten, von denen einige über ihn zu lesen sind. Wie etwa die, dass für ihn ein Buch fertig ist, wenn er 50 000 Wörter zusammen hat. Versteckt sich da vielleicht jemand hinter kuriosen Selbstauskünften?

Am sichersten verbirgt man sich, wenn man einfach unter Menschen geht. Mills hat sich irgendwann wieder einen Job gesucht. Seitdem arbeitet er an fünf Tagen in der Woche als Kurierfahrer bei der British Telecom. In einer Londoner Verteilungsstelle packt er Postsäcke in seinen Lieferwagen und bringt sie zu anderen Verteilungsstellen. Er schreibt nach Feierabend, nach Lust und Laune und manchmal auch bis Mitternacht. Alles ist jetzt wieder so, wie es war, als er angefangen hat. Von dem Umstand einmal abgesehen, dass er inzwischen ein von vielen bewunderter Schriftsteller ist.

Im vergangenen Jahr ist sein vierter Roman erschienen. Er heißt "The Scheme for Full Employment". Der Ich-Erzähler arbeitet als Fahrer. Nach einem genauen Plan lenkt er einen Einheitslieferwagen zu verschiedenen Depots. Sein Transportgut besteht aus Ersatzteilen für den Einheitslieferwagen.

Der Fahrer, der von einem Fahrer erzählt, der ehemalige Zaunbauer, der über Zaunbauer schreibt - findet sich der Dichter in seinen Geschichten?

Dem namenlosen Ich-Erzähler des Romans "Zum König!" ist sein Haus aus Blech "zugleich mein Zufluchtsort und meine Festung". Das Haus gibt es wirklich. In dieser Welt. Mills hat es in der Grafschaft Cumbria gesehen. Es steht verlassen in der Nähe eines Steinbruchs.