Belletristik Von Plagen umzingelt
Jetzt ist es raus, der reinlichste Ort Deutschlands liegt in Baden-Württemberg. "Du lieber Fruchtzwerg, ich bin in einer Stadt, die heißt Baden-Baden. Dort muss jeder an jedem Tag baden und dann noch mal baden. Sei bloß froh, dass Du nicht in Baden-Baden wohnst. Bis gleich, Dein Papi".
Diese Postkarte schrieb Jurek Becker (1937 bis 1997) im Oktober 1993 an den damals dreijährigen Jonathan Samuel, genannt Johnny. Gemeinsam mit 126 weiteren Karten aus den Jahren 1992 bis 1997 ist sie nun in einem wunderhübschen Band gesammelt. Mit komischen kleinen Geschichten - in denen sich Tee trinkende Elefanten, entflohene Fische und bellende Katzen tummeln - hielt der Schriftsteller so den Kontakt zu seinem dritten Sohn, wenn er auf Reisen war.
Im Gesamtwerk des Romanciers ("Jakob der Lügner") und Drehbuchautors ("Liebling Kreuzberg") mögen diese Ulkkarten kaum mehr als eine amüsante Petitesse sein. Doch ihre Tonlage ist durchaus kennzeichnend für den in Polen geborenen Autor, der dem SPIEGEL 1992 sagte: "Der Ton, bei dem ich mich am meisten zu Hause fühle, hat wohl etwas mit Ironie, mit Komik, möglicherweise auch mit Unterhaltsamkeit zu tun." Und der findet sich jetzt auch in der ersten Auswahl seiner Briefe. Etwa wenn er einmal Freunde wissen lässt: "Es ist richtig, dass das mein erster Brief seit langer Zeit ist, o.k. Aber er ist zwanzigmal länger als alle Eure Scheißkarten zusammen, damit das klar ist."
Der Band "Ihr Unvergleichlichen" (so nennt Becker einmal Stefan Heym und dessen Frau Inge) versammelt 382 Briefe des Autors, geschrieben zwischen 1969 und 1996. Sie werden von Beckers zweiter Ehefrau und einer Germanistin aus dem literarischen Nachlass herausgegeben, der sich im Archiv der Berliner Akademie der Künste befindet. Allerdings ist das Unternehmen editorisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit - und reicht schon gar nicht an die vorbildlichen Briefeditionen heran, die man bei Suhrkamp seit Jahren einem Autor wie Uwe Johnson zuteil werden lässt. So gibt es keinerlei einordnendes Nachwort (bloß eine knappe "Editorische Notiz"), die Auswahl wird weder beschrieben (Wie viele Briefe gibt es insgesamt?) noch begründet (Warum findet sich kein einziger an Beckers Lebensfreund Manfred Krug?), und die Kommentare sind mal spärlich, mal überflüssig - dass es sich bei Nescafé um "löslichen Kaffee der Firma Nestlé" handelt, darf man als bekannt voraussetzen.
Es spricht allerdings für Jurek Becker, dass diese Einwände die Begeisterung beim Lesen nicht wesentlich schmälern können - dafür sind diese Briefe an Familienangehörige, Freunde, Schriftstellerkollegen (von Günter Grass bis Christa Wolf) und Politiker (von Erich Honecker bis Wolfgang Thierse) zu gut und zu interessant. Am Stück gelesen, zeigen sie Beckers Entwicklung vom jungen und kaum bekannten zum immer gefragteren Autor, der sich vor Einladungen zu Gastprofessuren, Lesungen und Textbeiträgen nicht mehr retten kann - so dass er 1988 Marcel Reich-Ranicki gegenüber reichlich entnervt klagt: "Ich bin von Plagen umzingelt."
Dazu zählte für Becker auch die deutsche Wiedervereinigung, die hier kaum eine Rolle spielt. Der selbst ernannte "Vereinigungsallergiker" stürzte sich damals lieber in die Arbeit an seinem siebten Roman, "Amanda herzlos", die großen politischen Auseinandersetzungen lagen da bereits hinter ihm.
So reichen die Themen der Briefe von den Grabenkämpfen mit DDR-Behörden (wegen Wolf Biermanns Ausbürgerung oder wegen des eigenen Visums zum Verlassen der Heimat) bis zum Protest gegen Eingriffe in seine "Liebling Kreuzberg"-Drehbücher durch den SFB ("Wie kleinkariert und hinterwäldlerisch die politische Zensur in Ihrer Abteilung sich gebärdet"). Von der Sorge um den Sohn Leonard bis zur Abwehr hartnäckiger Bittsteller: "Darf ich Sie bitten, mich in Zukunft nicht auf dem Laufenden zu halten?" Und dann fühlt er sich gedemütigt von seinem Verleger und unterstellt dem damaligen Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld, "dass ich nicht nur für zweitrangig gehalten werde, sondern auch für einen Idioten".
Aber dieser Briefeschreiber verdient nicht nur unser Mitgefühl, er verdient vor allem unsere Bewunderung. Etwa für seinen hintersinnigen Witz. 1978 verbringt er einige Monate als Writer-in-Residence am Oberlin College in Ohio. Amerika blieb ihm damals rätselhaft. Aber dann machte er eines Tages eine Beobachtung, die ihm einiges über das Wesen der USA zu verraten schien. "Auf einem großen Reklameschild, neben einer Autobahn in Virginia, habe ich gelesen: 'Antiquitäten - gebraucht und neu!'"