Belletristik: Kaleidoskop der Wahrnehmungen - DER SPIEGEL
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Belletristik Kaleidoskop der Wahrnehmungen

Schon der Titel von Brigitte Kronauers Roman "Verlangen nach Musik und Gebirge" klingt fremdartig. Doch wer ihre "Weltentzündung" verfolgt, wird reich belohnt.
Von Eberhard Hübner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Oostende, die übermäßig graue Stadt, aah, er hat sie entbrennen lassen mit allen Hausdächern, Gemüsen, Frauenröcken, Gesichtern. Der heiße Atem seiner Farben schlägt aus ihnen heraus." Die Rede ist von James Ensor, dem belgischen Maler, der sein Leben in Oostende verbrachte. Und der so spricht, ist ein alternder Ensor-Imitator, der die Hauptfiguren von Brigitte Kronauers Roman durch das Seebad führt und ihnen die Attraktionen zeigt.

Ensor taucht dabei immer wieder auf, und das nicht aus touristischen Gründen, sondern weil in der Beschreibung seiner Malweise der Roman sich selbst gleichsam einen Spiegel vorhält. Dass die Wort-Kunst der Literatur sich hier in der Malerei wiedererkennen kann, liegt an der Verliebtheit von Kronauers Sprache in die Oberflächen der Wirklichkeit. Dabei geht es nicht um deren Beschreibung, sondern um eine suggestive Beschwörung von Ereignissen und Wahrnehmungen, die ein einziges Ziel hat: die Pointierung der äußeren Erscheinungen auf eine innere Gestalt hin und damit in eine gesteigerte Präsenz hinein, die sie zu einer nach außen gewendeten Kontur unserer Gefühle werden lässt. "Weltentzündung" nennt Kronauer diesen Anspruch an das eigene Schreiben.

Darin steckt ein Stilisierungswille, der den Zugang zu diesem Roman nicht einfach macht, die Lektüre dann aber, wenn die Schwelle überwunden ist, um so faszinierender. "Verlangen nach Musik und Gebirge" ist Brigitte Kronauers siebter Roman; und wie die anderen ist auch er angewiesen auf ein Publikum, das sich vor Leseanstrengungen nicht fürchtet und bereit ist, sich nicht nur auf neue Geschichten und Figuren, sondern vor allem auf ein zunächst fremdes Bewusstseinsmuster einzulassen. Kronauers Sätze wollen die innere Optik des Lesers verändern, zumindest für die Dauer des Romans.

Man wird hineingezogen in ein Kaleidoskop aus Wahrnehmungen und Imaginationen, das mit üblicher Romanrealistik kaum etwas gemeinsam hat. Fast nebensächlich erscheint dabei die Handlung: In einem Oostender Hotel treffen eine Hand voll Leute aufeinander, und flugs entwickeln sich zwischen ihnen allerlei erotische Beziehungen. Im Mittelpunkt steht ein junges italienisches Paar, das die Begehrlichkeiten der anderen erweckt. Der alternde Ensor-Verehrer versucht, Maurizio, den Muskelmann, zu verführen; dessen Freundin Sonia will einen Jüngling, der mit Großmutter angereist ist, für sich gewinnen. Beides misslingt; die Anfangskonstellationen stellen sich am Ende des Romans, nach einer Schlägerei und einigen sexuellen Eskapaden, wieder her.

Kronauer nutzt diese Geschichte nicht zur Ausbreitung von Seelengeflecht und Beziehungsproblemen, sondern betrachtet ihre Figuren eher als Tänzer in einem Ballett ohne Musik, die nach einer vorgegebenen Choreografie die abgezirkelten Schritte ihrer erotischen Rituale ausführen. Typologisches herrscht vor, die Akteure erhalten mal Tier-, mal Pflanzennamen, das alles, um ihre Handlungen durchsichtig werden zu lassen für die elementaren Ausrichtungen des Begehrens, das sie umtreibt. Auf die Personen nämlich, sagt eine der Figuren, kommt es überhaupt nicht an, "einzig auf die Liebesverrücktheit" selbst.

Zu erwähnen bleibt Frau Fesch. Sie ist das Medium der Autorin im Buch, abwartende Beobachterin und Verfasserin eines Opernlibrettos, das im Roman als Parallelhandlung eingebaut ist. Sie erhält ganz am Ende plötzlich eine eigene Geschichte. In einem furiosen Schlusskapitel, in atemlosem innerem Monolog geschrieben, rennt sie über die Strandpromenade der Englandfähre entgegen, der ihr lang ersehnter Geliebter entsteigen soll. "Die truglose, sehr große Freude" will sie erleben "als Trompete, Gebirge, als brausende Flut".

Aber dieses große Endverströmen des Gefühls wird durch einen Schrecken gestört: Wird sie ihn überhaupt wiedererkennen, den lange nicht Gesehenen? Der Roman beantwortet diese Frage nicht. Er will ja die Diskrepanz zwischen Glückserwartung und Erfüllung nicht durch den Trost eines Happy End schließen, sondern nur das Glücksverlangen selbst in seiner Unbedingtheit darstellen, gegen alle widrige Wirklichkeit. Denn es geht allein um "das frontale erotische Standhalten und Stirnbieten, das es ohne Bedenken zu erzwingen gilt, weil man sonst wegschmilzt ins Irreale wie die Sandfigur, die von der Flut verstümmelt und ausgelöscht wird und schließlich niemals gewesen ist".

Die Ahnung vom Verschwinden des Menschen in einer Welt stummer Tatsachen, in der die Dinge und Ereignisse den Leidenschaften nicht mehr antworten, gibt als melancholisch-dunkler Hintergrund der Imaginationswelt Kronauers erst ihre Leuchtkraft. Denn das "Verlangen nach Musik und Gebirge", also nach Steigerung der Gefühle wie der Anblicke, gehört zu den vom Aussterben bedrohten Bedürfnissen.

Der Titel ist ein Nietzsche-Zitat aus den Aphorismen seiner "Morgenröte". Es seien die "Erdichtungen", so führt Nietzsche das aus, die diesem Verlangen "Spielraum und Entladung" geben. Beides erfüllt Brigitte Kronauers Roman in einer für die gegenwärtige deutsche Literatur ganz einzigartigen Weise.