Belletristik Orakelndes Monster
Was treibt den Menschen zum Kulturkonsum? Warum eigentlich geht er ins Kino, sitzt im Theater - oder liest Bücher?
Für die Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger gibt es zwei Typen von Kulturkonsumenten: Einerseits die "Wiedererkenner" und andererseits die "Reisenden", die sich möglichst weit aus ihrer vertrauten Welt entfernen wollen. Schwerdtfeger, 31, schreibt eindeutig für Letztere. Sie ist dafür schon viel gelobt und auch ausgezeichnet worden (wie etwa für eine ihrer Erzählungen aus dem Band "Leichte Mädchen"): Endlich mal jemand aus der Generation der Pop-Literaten, hieß es, der sich nicht nur für die eigene Befindlichkeit interessiert.
Auch in ihrem neuen, zweiten Roman "Delphi" entführt Schwerdtfeger die Leser wieder in eine fabelhafte Welt: Es ist die Geschichte einer Familie mit vier Kindern, die von den achtziger Jahren bis heute zwischen Athen, Jerusalem, einem Kaff am niedersächsischen Wattenmeer und wieder Athen pendelt. Der Vater ist Archäologe und deshalb meist abwesend (unter anderem, siehe Titel, in Delphi), die Mutter ziemlich lebensuntüchtig und deshalb zumindest geistig meist abwesend. In Jerusalem baut sie sich ein heimliches Parallelleben zu ihrer deutschen Familienmutter-Existenz auf - und wird orthodoxe Jüdin.
Die Kinder, was bleibt ihnen anderes übrig, schaffen sich ihre eigenen Reiche: Robbie, der älteste, und seine ein Jahr jüngere Schwester Linda schmuggeln sich regelmäßig zwischen die Studenten der Jerusalemer Universität, bevor sie überhaupt in der Pubertät sind. Die zehn Jahre jüngere, namenlose Ich-Erzählerin beschränkt sich völlig aufs Beobachten, und die noch ein Jahr jüngere Pepita hat sich ihre große Schwester Linda als Ersatzmama und Idol auserkoren.
Als die Mutter in Jerusalem einen psychischen Zusammenbruch erlebt, kommen die vier Geschwister zu den Großeltern. Die führen in einem niedersächsischen Dorf hinterm Deich ein Hotel, in dem vor allem Kriegsveteranen absteigen, um den vom Großvater angelegten Friedhof für die Ertrunkenen zu besuchen.
Klingt alles ziemlich versponnen? Ist es auch - wer nicht zu den wirklich begeisterten Kopfreisenden zählt, ist hier einfach falsch. Leider bleiben einem, bei aller Bewunderung für die Fabulierlust der Autorin, die Figuren seltsam fern, vor allem die vier frühreifen, quasi elternlosen Kinder (ein Lieblingstypus von Schwerdtfeger).
Die allwissende Ich-Erzählerin, die in alle Köpfe hineinschauen kann - warum das so ist, erfährt man erst am Schluss -, verschwindet ganz hinter den Gedanken der anderen Familienmitglieder. Dafür nervt sie mit ihrem stolz vorgetragenen Reiseführerwissen über das Orakel von Delphi, die chassidischen Juden, die heilige Johanna, den Zweiten Weltkrieg und auch noch Mozarts Papageno.
Vergleichsweise plastisch und überzeugend ist die ältere Schwester Linda geraten, die mit ihrem verstockt-aggressiven Bruder in einer merkwürdigen Hassliebe lebt, als schwer "überspannt" erscheint und gern Orakel spielt. Das führt manchmal zu lustigen Aktionen, aber auch zu Erkenntnissen wie der, dass "sie ein Monster war, weil sie achtzehn war und damit ein Monster, hässlich und mächtig, langgliedrig und grenzenlos".
Für Wiedererkenner ist so was in der Tat nicht geschrieben. Man muss schon ein ziemlich geduldiger Fernreisender sein, um der Autorin ins Innerste ihrer Figuren zu folgen.