Belletristik: Ein Vietnamese in Paris - DER SPIEGEL
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Belletristik Ein Vietnamese in Paris

"Das Buch vom Salz", ein poetischer Roman über das Fremdsein, handelt vom tragikomischen Alltag eines Kochs beim berühmtesten Lesbenpaar des vergangenen Jahrhunderts.
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An einem Sommermorgen im Jahr 1929 sitzt der vietnamesische Schiffskoch Binh Nguyên, 26, auf einer Parkbank im Jardin du Luxembourg und liest eine Stellenanzeige in einer Zeitung: "Koch gesucht. Zwei amerikanische Damen wünschen einen Koch einzustellen. Rue de Fleurus - melden Sie sich beim Concierge."

Der Wunsch der Damen ist Binh Befehl, Einsamkeit und Hunger nach Anerkennung treiben ihn: Er klopft an der verrosteten Studiotür im Pariser Viertel Rive Gauche. Die beiden Amerikanerinnen seien ein wenig ungewöhnlich, hatte der Concierge gesagt, die eine sei Schriftstellerin und die andere, hatte er gesagt und sich geräuspert, eine, ähm, Freundin.

Eine schmale Frau mittleren Alters mit dem Aussehen einer Eule und einem Oberlippenbart, um den sie jeder Vietnamese beneiden würde, öffnet Binh. Die andere, 200 Pfund schwer, mit groben Gesichtszügen und kurz geschnittenen Haaren, thront in ihrem Sessel im Salon, zu ihren Füßen ein knurrender Pudel, an den Wänden Bücher und Bilder.

Es sind Alice B. Toklas und Gertrude Stein, das bekannteste lesbische Paar des 20. Jahrhunderts; fürsorgliche Geliebte die eine, weltberühmte Schriftstellerin die andere. Binh, der Männer liebende, scheue Koch, hat niemals zuvor von ihnen gehört. Doch er ahnt: Diese Damen werden ihn nicht ausfragen nach seiner Vergangenheit, sie werden ihm Unterschlupf gewähren, weil auch sie anders leben, als man es von ihnen erwartet. "Ich bin der Koch, den sie suchen", sagt Binh und bleibt, fünf Jahre lang.

Der Exilant aus Saigon wird zum Zwerg Nase an den Töpfen "der Steins". Nicht krumm gewachsen, aber schwul, ein geduldeter Fremder und ein Diener. Seine Hausherrinnen nennt er "Miss Toklas" und "GertrudeStein" (als wäre das ein Wort), sie rufen ihn "thin bin", dünnes Gefäß, weil es sich reimt und weil auch sie sich keine Mühe machen mit der korrekten Aussprache seines Namens. Untereinander, auch das vermerkt Binh, der detailversessene, schonungslose Ich-Erzähler im "Buch vom Salz", benutzen sie Kosenamen wie "Mount Fattie", "Lovey" oder "Pussy". Sie lieben sich mit Hingabe im Schlafzimmer. Täglich bis auf sonntags empfangen sie faszinierende Männer in ihrem Salon und

diskutieren bis in die Nacht. In einen der Männer verliebt sich Binh.

Unterdessen lässt Binh morgens, mittags und abends seine Mesdames und ihre Gäste von seiner "Meersalztraurigkeit" kosten, bis sie nicht mehr von ihr lassen können. Er zaubert Gerichte, die Sehnsucht wecken nach exotischen Gegenden: "In Kirschwasser getränkte Ananas als betrunkenes Bett für löffelweise eingefülltes Mandarineneis", frittierte Austern mit Salzrand und sein Geheimrezept, ein Omelette - "Sechs Eier geschlagen mit einer guten Prise Salz, bis die Mischung dick vor Luft ist".

Er beginnt, das Leben in der Fremde zu begreifen, wie auch die Liebe seiner Hausherrinnen: "Beide lieben GertrudeStein. Miss Toklas bemuttert ihre Lovey, und ihre Lovey lässt sie. GertrudeStein lebt von Zuneigung, und Miss Toklas sorgt dafür, dass sie niemals hungern muss. Dafür hat Miss Toklas in diesem fairsten aller Handel das befriedigende Gefühl, GertrudeSteins Einzige zu sein."

"Das Buch vom Salz" ist die anrührende Lebensgeschichte eines Ausgestoßenen, der nach seinem Märchenprinzen sucht; der nicht weiß, wer all die Bohemiens im Salon sind, Picasso, Matisse, Hemingway, Fitzgerald; der keine Zeile gelesen hat in den Büchern der Gertrude Stein. Stattdessen reist er in ihrer Küche imaginär zurück nach Vietnam zur Mutter, die ihn als Einzige liebte, zum Vater, der ihn verstieß, weil sein Sohn im Haus des französischen Generalgouverneurs in Saigon eine Affäre mit dem Küchenchef begann.

"Das Buch vom Salz" ist ein poetischer Roman über das Fremdsein, über Sprache und Identität. Es erzählt vom Salz im Schweiß der körperlichen Liebe, in den Tränen über den Vater, im Meer, das Binh für immer davonspülte. Die Fiktion enthält eine Prise Realität: Die Vietnamesin Monique Truong, 36, selbst Emigrantin in New York, las in Alice B. Toklas' berühmtem Kochbuch einen Satz über den vietnamesischen Koch der Steins, der in Wirklichkeit Trac hieß. Truong kündigte ihren Anwaltsjob und schrieb ihr hoch gelobtes Romandebüt.

Was ihr da gelang, ist keine Vorspeise, sondern ein unvergleichliches Hauptgericht.