Belletristik Diskretion des Kindes
Aus demselben Milieu immer wieder neue erzählerische Funken zu schlagen, dafür steht unter den deutschsprachigen Gegenwartsautoren Ralf Rothmann, 51. Auch sein gerade erschienener Roman "Junges Licht" beschreibt das Leben in den Reihenhäusern einer Bergbausiedlung in einer Ich-Erzählung des fast 13-jährigen Julian. Dieses Alter ist eine Spezialität Rothmanns: der vereinsamende Übergang von der Kindheit zum jungen Erwachsenen, die Zeit, in der man schon alles bemerkt, aber noch nichts deuten und auch kein Geschehen beeinflussen kann. Die Geschichte setzt ein mit dem ersten Tag der Sommerferien, dem "leichten, etwas ungläubigen Erwachen in der Sonne".
Anders als die attraktive, verbittert gewalttätige und Kette rauchende Mutter und die noch kindlich an eine unbedingte Weltharmonie glaubende kleine Schwester wird Julian diese Ferien zu Hause bei seinem im Stollen arbeitenden Vater verbringen. Das Geld reicht nicht für einen gemeinsamen Urlaub an der Nordsee. Mit der Abreise von Mutter und Tochter nimmt die Unheimlichkeit zu, die von Anfang an im Ton der Erzählung lauert. Sie wird noch verstärkt durch die passagenweise eingesetzte Figur eines 1000 Meter unter Tage arbeitenden Bergmanns, die von der Romanerzählung losgelöst ist und als Allegorie der Todgeweihtheit für sich steht.
Julian vertreibt sich die Langeweile in den Weizenfeldern am Rand der Kohlenhalden und kann sich doch nirgendwo sicher fühlen. Nicht vor der ihn frühreif lockenden 15-jährigen Nachbarstochter Marusha und nicht vor den für ihn unbegreifbaren (für den Leser deutlichen) Nachstellungen des Hausbesitzers, der angesichts des Jungen oft eine Hand in der Hosentasche bewegt, "als suche er etwas". Es ist dem Jungen unangenehm, aber noch schlimmer ist die Direktheit Marushas: Wenn das laszive Mädchen wissen will, ob er schon onaniert, spürt er "etwas im Gesicht, als würde man seine Zunge an eine Batterie halten". So fühlt sich Peinlichkeit für einen Menschen mit fast 13 an.
Rothmanns metaphorische Treffsicherheit macht den einen Teil des Leseglücks aus, für den anderen sorgt die Exaktheit der den jeweiligen Figuren eigenen Sprache: die sich vorwitzig bei den Erwachsenen bedienende Sprechweise Marushas, der ausbrechende Lebensüberdruss der Mutter, die Drohungen des machtbewussten Hausbesitzers, der um familiäres und eigenes Gleichgewicht ringende Vater - jeder Tonfall ist unverwechselbar.
Der Roman wird beherrscht von dem Gefühl machtloser Sorge des Jungen um seinen Vater, der nicht allein den Gefährdungen des Bergbaus ausgesetzt ist: Der Kontrollverlust, den sich der Hausbesitzer in Gegenwart des Jungen gestattet, unterläuft dem Vater nach einem in Alkohol verschwimmenden Sonntagsausflug mit dem Mädchen Marusha. Es passiert (ihm) nur einmal, aber dieses eine Mal ist fatal. Beschrieben wird die Entgleisung mit der ganzen Diskretion des Kindes gegenüber dem Familienoberhaupt. In der Hoffnung, der Vorfall werde in den Dimensionen eines kleinen Fehlers bleiben. Wie etwa ein wenig unter dem Ohr vergessener Rasierschaum in einer symbolisch starken Szene am Ende des Romans. Vom Balkon aus sieht Julian seinem Vater nach und winkt: "Er hob eine Hand, und ich rieb mir heftig das Ohr in der Hoffnung, er würde dasselbe tun. Ich hatte vergessen, ihn auf den Rasierschaum hinzuweisen." Auch diese Erkenntnis gehört zum Erwachsenwerden: Die zärtliche Zuständigkeit des Kindes für seinen Vater reicht nicht aus, die Welt der Erwachsenen in Ordnung zu bringen.