Belletristik Ein Höllenzauber
Schon wieder ein Kindheits- und Jugendbericht - ist das nicht zum Fürchten? Mal erzählten uns Literaten in jüngerer Vergangenheit vom Beschmieren ihrer Nutellabrote, dem Dahingleiten auf Fahrrädern mit Bananensattel und den heiteren Scheidungsstreitereien ihrer Eltern, mal berichteten sie von seelischer Gewalt und düsterer Weltverzauberung - und jederzeit natürlich von sexueller Unruhe und frühem Herzeleid: Die Kindheit, liebe Schriftsteller, ist derzeit ein bisschen aufgebraucht. Es war (für uns Leser) eine anstrengende Zeit.
Doch hilft ja nichts, der Amerikaner Augusten Burroughs meint, durch sein Kindheitsbuch, das im deutschen "Krass!" heißt, müssen wir unbedingt auch noch durch - denn er ist von der Einzigartigkeit und der Bedeutsamkeit seiner burlesken, grausigen, erschütternden Erlebnisse überzeugt. Das Verblüffende ist: Der Kerl hat Recht, ob man sein Buch nun mag oder nicht.
Der Schriftsteller Burroughs versteht es, seine Berichte über die kleinen Abenteuer im Heranwachsendenalltag durchaus spannungsverheißend zu eröffnen, etwa so: "Wir waren jung. Wir langweilten uns. Und das alte Elektroschockgerät lag in einem Karton unter der Treppe gleich neben dem Staubsauger."
Burroughs zeigt wenig Scheu, prekäre Dinge deutlich auszudrücken, beispielsweise die erste praktische homosexuelle Erfahrung des Ich-Erzählers im Alter von 13 Jahren mit einem mehr als doppelt so alten Partner: "Ich liege auf Neils Bett, und mein Kopf schlägt gegen das Kopfende, weil sein Schwanz in meiner Kehle ist, ohne dass ich weiß wieso."
Und Burroughs neigt stark zur Witzelei, weshalb er den Ehekrieg zwischen der nervenkranken Mutter und dem trunksüchtigen Vater in Sätzen wie diesem veralbert: "Mein Vater entwickelte eine besondere Vorliebe für Metallgegenstände mit gezackten Kanten." Vorangestellt hat der Autor seinem Kindheitsbuch ein Jules-Renard-Zitat: "Suchen Sie in allem und jedem das Lächerliche, und Sie werden es finden."
Da sind wir schon sehr nah beim Glanz und Elend dieses Buchs, das in den USA ein Bestseller war: Die Lustigkeit des heute 38-jährigen Autors Burroughs kennt nahezu keine Grenzen. Klar kapiert hier auch der letzte Leserlachsack, dass einem jungen Menschen viel Verstörendes angetan wird - aber diese Einfühlungsarbeit ist doch einigermaßen nervenaufreibend.
Der Reihe nach: Wovon genau handelt der Roman "Krass!", der im Original "Running with Scissors" heißt und also schon im Titel etwas Gefährliches beschreibt, das so ungefähr dem deutschen "mit dem Feuer spielen" entspricht? Der Roman handelt im Wesentlichen davon, wie es den jungen Augusten, Sohn zweier erziehungsverweigernder Eltern und sich schon früh seiner schwulen sexuellen Orientierung bewusst, als Zwölfjährigen in das Haus eines ganz offensichtlich schwer durchgeknallten Psychiaters verschlägt.
Dieser Doktor Finch ist Herr über eine sehr heruntergekommene Villa Kunterbunt in der amerikanischen Ostküstenstadt Northamptom. Neben seiner Frau sowie angenommenen und echten Kindern beherbergt der schon äußerlich leicht irre Doktor (er hat "einen weißen Vollbart und Augenbrauen wie die Borsten einer Zahnbürste") gern diverse Patienten unter seinem Dach, eine Katze namens Freud und eine große Anzahl von Kakerlaken. Im Hirn trägt Doktor Finch zudem allerhand Meisen mit sich herum: Der Psychiater ist nicht nur stolz auf sein "Masturbatorium", einen Raum, in dem er sich Erleichterung von seinem Triebstau verschafft; er forscht auch bald im eigenen Kot nach göttlichen Zeichen und stürzt nicht nur damit alle anderen Mitmenschen in schlimme Verwirrung. Ausdauernd animiert er sie zu ungehemmten, "freien" sexuellen Unternehmungen.
"Krass!" ist letztlich eine Anklageschrift, und so hat man das Buch in den USA auch gelesen: gegen die Hippie-Eltern der siebziger Jahre, ihren Egoismus und die Null-Erziehung, die sie ihren Kindern angedeihen ließen; und noch mehr gegen den Missbrauch der Psychotherapie in geradezu kriminell sexistischer Absicht.
Denn Triebbefriedigung um fast jeden Preis ist Doktor Finchs Mission. Seine Patienten sind Opfer und gelehrige Schüler zugleich: Weshalb etwa Augustens Mama nichts dabei findet, dass ihr Sohn sie beim Oralsex mit einer anderen Frau erwischt. Die Mutter staucht den Jungen zusammen, er solle bloß gut finden, was die andere Frau da zwischen ihren Schenkeln getrieben habe, sonst werde sie böse, weil "ich keine Unterdrückung mehr brauche und auch keine mehr dulden werde".
Augustens Mutter ist immerhin schwer psychisch gestört. Doktor Finch aber ist ein schieres Monster. Das macht ihn (übrigens ähnlich wie die Hippie-Eltern von Michel Houellebecqs Romanfiguren) zu einer Karikatur, über die sich der Leser wahlweise gruseln und schenkelklopfend schieflachen darf.
Der Schriftsteller Burroughs pflegt bei aller Witzelei einen sehr konventionellen Sprachstil. Am Ende berichtet er hölzern, wie er auf die Idee verfiel, Schriftsteller zu werden. Immerhin hatte er Einzigartiges zu erzählen. Denn alle glücklichen Kindheiten ähneln einander (davon profitieren die Erzähler von Nutella-Anekdotenbüchern). Alle unglücklichen jedoch verstrahlen ihren ganz eigenen Höllenzauber.