Belletristik: "Bin ich wirklich ein Irrtum?" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Belletristik "Bin ich wirklich ein Irrtum?"

Portugals Nobelpreisträger José Saramago beschreibt in "Der Doppelgänger" die Panik eines Mannes, der zufällig herausfindet, dass er einen solchen hat.
Von Peter Münder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der leicht depressive Geschichtslehrer Tertuliano Máximo Afonso sucht bei der Lektüre über mesopotamische Zivilisationen Entspannung. Doch die tägliche Schulroutine und die nervenaufreibenden Reformvorschläge bleiben so lähmend wie immer, und die verkorkste Beziehung mit der Bankangestellten Maria da Paz schleppt sich dahin.

Als Máximo Afonso sich dann auf Empfehlung seines Mathematikkollegen den dümmlichen Videofilm "Wer streitet, tötet, jagt" ansieht, wird er jedoch mit einer irritierenden Erkenntnis konfrontiert, die sein Leben dramatisch verändert: Der unscheinbare Schauspieler, der im Film einen Hotelrezeptionisten spielt, sieht ihm nämlich so ähnlich, dass sich Afonso beim Betrachten seines lebenden Ebenbildes sofort fragt, wer das Original ist und wer die Kopie. "Bin ich wirklich ein Irrtum?", sinniert er und versinkt in einer zermürbenden Nabelschau.

Mit großem Aufwand und obsessiver Hingabe eruiert der Historiker den Namen des Schauspielers António Claro, macht das Domizil seines Doppelgängers ausfindig und vereinbart mit ihm ein Treffen. Am Ende steht ein spektakulärer Showdown mit Pistole, Partnertausch und tödlichem Autounfall.

Der 81-jährige José Saramago ("Die Stadt der Blinden", "Geschichte der Belagerung von Lissabon"), ein Großmeister ironischer Abschweifungen, beschreibt auf seine unnachahmliche Art die Irritationen und Verwerfungen, die der existenzielle Schrecken über das Vorhandensein eines Doppelgängers in den Alltag des Helden bringt. Der Erzählstrom fließt nach eher trägem Anfang und umständlichen Kapriolen der Handlung zusehends schneller und wird zum mitreißenden Sog.

In seinem Roman "Geschichte der Belagerung von Lissabon" verknüpfte Saramago eine zerbrechliche Romanze mit kritischen Exkursen über turbulente historische Ereignisse. Im neuen Buch konzentriert er sich allein auf den Mikrokosmos des Geschichtslehrers, der durch den verstörenden Doppelgänger aus den Fugen gerät. Wie schon beim deutschen Romantiker E. T. A. Hoffmann, beim russischen Seelenzergliederer Dostojewski ("Der Doppelgänger") und beim argentinischen Erzähler Jorge Luis Borges ("Der Andere, der Selbe") ist das Doppelgängermotiv auch hier ein Indiz für eine zutiefst verunsicherte Identität.

Fast alle früheren Romane des überzeugten Marxisten Saramago, der schon die Salazar-Diktatur engagiert bekämpft hatte, waren von sozialkritischen Motiven durchzogen. Die sucht man diesmal vergebens. Auch der Schauplatz des Romans weist nur vage Konturen einer Millionenmetropole auf.

Dafür gibt sich Saramago hier wesentlich verspielter: So lässig-selbstironisch hat vor ihm wohl noch kein Autor über den Stellenwert und die subtilen Nuancen kommunikativer Signale reflektiert, die er "Subgesten" nennt.

Anlässlich einer Lehrerkonferenz ermahnt uns der eloquente Abschweifungsmeister, die "vielfältigen Erscheinungsformen der Subgesten" zu beachten, die "hinter der Geste herkommen wie der kosmische Staub hinter dem Schweif des Kometen, denn diese Subgesten sind, um auf einen für alle Altersstufen und Bildungsniveaus verständlichen Vergleich zurückzugreifen, so etwas wie das Kleingedruckte in einem Vertrag, es macht Mühe, es zu entziffern, doch es steht da".

Mitunter bereiten auch Saramagos Abschweifungen Mühe, doch wenn der kosmische Staub der Erzählereinschübe sich gesetzt hat, kommt hinter den ironischen Interventionen die Sonne der Erkenntnis zum Vorschein.