Belletristik Bewegendes Denkmal
Fania Klausner starb in einer regnerischen Januarnacht an einerÜberdosis Schlaftabletten. Lange schon hatte die junge Frau unterSchlaflosigkeit und Migräne gelitten, hatte kaum essen mögen unddie Nächte in der engen Jerusalemer Wohnung in stummer Traurigkeitverbracht, gekrümmt auf einem Stuhl sitzend.Ein Besuch bei ihrer Schwester Chaja, die in Tel Aviv nichtweit vom Meer entfernt wohnte, sollte Abwechslung bringen und vorallem Aufmunterung. Doch bald schon war die Kranke erneut in soschlechter Verfassung, dass ein Arzt gerufen werden musste. DerDoktor untersuchte sie, diagnostizierte eine verwundete Seele undverschrieb Schlaftabletten - viel stärker noch als jene, die siesich selbst aus Jerusalem mitgebracht hatte. Zwei Tage später setzte Fania Klausner ihrem Leben ein Ende.Sie war 38 Jahre alt, ihr einziges Kind, Amos, gerade malzwölfeinhalb.Jahrzehntelang hat dieser Sohn, der israelische SchriftstellerAmos Oz, kaum über die verlorene Mutter sprechen können. Jetzt hater ihr und seiner gesamten Familie ein bewegendes Denkmal gesetzt."Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" ist ein großartiger undbei aller Trauer und Bedrückung auch heiterer Roman. DieÜbersetzerin Ruth Achlama hat ihn mit viel Einfühlungsvermögen insDeutsche übertragen.Der Roman führt zurück in das Jerusalem der vierziger Jahre.Israel ist noch auf dem Weg, ein Staat zu werden. Das Hebräische,bisher allein die Sprache der Bibel, wird mit viel unfreiwilligerKomik im Alltag erprobt.In der winzigen Zweizimmerwohnung im Jerusalemer Vorort KeremAvraham führt die Familie Klausner ein bescheidenes Leben. Nureines gibt es hier im Überfluss: Bücher. Sie machen sich auf allenFensterbänken breit, stehen im Flur und sogar in der Küche.Jehuda Arie Klausner, der Vater, ist ein belesener Mann. Erspricht elf Sprachen und hat in Wilna erfolgreich einLiteraturstudium absolviert. Doch sein sehnlichster Wunsch, einenRuf als Professor an die Universität zu bekommen, wird sich seinLeben lang nicht erfüllen. Die Zahl der ambitioniertenLiteraturexperten übersteigt in Jerusalem die der Studierenden beiweitem. So muss sich der Vater mit einer Anstellung alsBibliothekar in der Nationalbibliothek abfinden. Seine Enttäuschungsucht er hinter einem endlosen Strom von Witzchen undSprachspielereien zu verbergen.Großvater Alexander wiederum, der sich mühsam alsHandelsvertreter durchschlägt, tröstet sich nach Feierabend mit demVerfassen russischer Verse über Liebe und Sehnsucht.Nur Onkel Joseph hat es besser getroffen. Er ist, was Amos'Vater so gern wäre: ein angesehener Professor. Jeden zweiten oderdritten Schabbat lädt der Onkel die Familie in sein Haus imJerusalemer Vorort Talpiot. Während der Hausherr in ausschweifendenMonologen die Lage der Nation oder die Pflichten desGeistesmenschen erörtert, serviert Tante Zippora Tee aus demSamowar. Von einer Kommode beobachtet eine grimmig dreinblickendeBeethoven-Büste das immer gleiche Ritual.Es ist eine untergehende Welt, voller Zukunftsangst, Wehmut undenttäuschter Hoffnungen, in die der kleine Amos im Mai 1939hineingeboren wird. Sie alle, Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten,sind als osteuropäische Juden in den dreißiger Jahren nachPalästina emigriert: Geflohen vor dem anschwellendenAntisemitismus, der später alle Zurückgebliebenen das Lebenkostete. Allein in der Heimat der Mutter, in Rowno, wurdeninnerhalb von zwei Tagen Zehntausende ermordet.Dennoch bleiben die Entronnenen Europa ihr Leben lang in tieferSehnsucht verbunden. Wie enttäuschte Liebhaber hängen sie wehmütigan dem alten Kontinent - und wollen ihn zugleich doch ganz weithinter sich lassen. Denn mag das Leben im staubigen Jerusalem auchnoch so viel härter sein als in Europa mit seinen wogendenRoggenfeldern und grünen Gemüsegärten, die Demütigungen, die dorteben auch zum Alltag gehörten, glauben sie endlich ganz hinter sichgelassen zu haben.Feinde werde es noch geben und Kriege auch, erklärt JehudaKlausner seinem kleinen Sohn. Aber Demütigungen, Progrome gar?Hier? Niemals. "Weil es vorbei ist. Ein für alle Mal vorbei."Schon bald aber ziehen palästinensische Demonstranten jedenFreitag nach dem Moscheebesuch aufgeputscht durch JerusalemsStraßen und skandieren "Idbah al-Jahud!" (Schlachtet die Juden ab)- Menetekel des sich verschärfenden blutigen Konflikts mit denArabern.