Belletristik Die Angst vor der Familienfeier
Eine Familie kann unbehelligt dahinleben, solange ihre Mitglieder einander nicht begegnen. So lebt der eine da, der andere dort, und alle sind zufrieden oder tun zumindest so. Am Ende sind es die großen Feste, die Geburtstage und Hochzeiten, die alles kaputtmachen. Wenn zerstrittene Geschwister, entliebte Paare und gedemütigte Nachkommen aufeinander treffen, klaffen alte Wunden auf.
Ein Eklat ist fast unvermeidlich, und so eine Katastrophenparty könnte ein reizvoller Romanstoff sein. Der Autor John von Düffel aber hat sich anders entschieden und gut daran getan. In seinem neuen Roman "Houwelandt" geht es zwar auch um eine Familienfeier. Doch Düffel verzichtet auf grelle Sensationseffekte. Er entfaltet die komplexe Geschichte der de Houwelandts über drei Generationen leise, subtil, mit psychologischem Feingefühl.
"Wir tragen viel mehr Vergangenheit und Geschichte in uns, als wir uns selbst gemeinhin zutrauen", sagt der Autor und beschreibt lieber die angstvollen Wochen vor der Feier, die stetig wachsende Panik einer Familie vor sich selbst.
Grund für den ganzen Wirbel: der 80. Geburtstag von Jorge, der zusammen mit seiner Frau Esther in Spanien lebt. Ginge es nach dem asketischen Patriarchen, gäbe es überhaupt keine Feier. Denn Jorge zeigt "Gleichgültigkeit gegenüber Familienangelegenheiten".
Er mag das Meer allemal lieber als die eigene Sippe, und Sentimentalitäten braucht er schon gar nicht. Die feinfühlige Esther dafür umso mehr. Obwohl sie spürt, wie unvereinbar die Menschen sind, die sie liebt, will sie mit Gewalt ein gelungenes Fest auf die Beine stellen. Wenigstens für ein paar Stunden soll es so aussehen, als wären sie, die de Houwelandts, eine glückliche Familie.
Doch das sind sie nicht. Jeder hat seine eigenen Probleme mit Esthers Plan: wie etwa Thomas, der Erstgeborene, ein Loser, der frustriert "die Leere und den Tod" auf dem einstigen Familiensitz aus der Vorgründerzeit verwaltet. Er würde seine Frau Beate treffen, dabei lebt er doch nicht ohne Grund getrennt von ihr. Oder Enkel Christian, ein erfolgreicher Journalist. Er müsste sich mit seinem Vater Thomas auseinander setzen, dabei verachtet er dessen Faulheit und Selbstmitleid.
Und dann die Festrede. Wer soll sie halten? Thomas mit seinem Hass auf Jorge, weil der ihn "gebrochen hatte mit seiner Unnachgiebigkeit, mit seinem Starrsinn"? Oder lieber Christian, für den die Familie "aus lauter Fremden" besteht? Alles und jeder kreist um die Frage: "Wie viel Wahrheit verträgt dieses Fest?" Geschickt wechselt John von Düffel in jedem Kapitel die Erzählperspektive, schiebt Rückblenden dazwischen.
So gewährt er dem Leser nach und nach Einblicke in die verworrene Familiengeschichte. Wenn der Autor Jorges Liebe zum Meer schildert, gerät sein Tonfall eine Spur zu pathetisch, sonst erzählt er aber mit Herzenswärme und neutralem Blick. Letztlich geht sein Roman auf poetische Weise der Frage nach, was Menschen verbindet und was sie trennt.
Am Ende gewinnen beide: Esther, weil sie die ganze Familie wirklich im Namen Jorges zusammenbringt. Aber auch Jorge, der Jubilar, der von Beginn an das Fest zu seinen Ehren abgelehnt hat und nun als Einziger fehlt - aus einem triftigen Grund.