Belletristik: Sex nur mit Putin - DER SPIEGEL
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Belletristik Sex nur mit Putin

Kultautor Wiktor Pelewin karikiert in seiner Satire "Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin" das russische Gegenwartschaos.
Von Elisabeth Oldag
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der diesjährige russische Literaturpreis "Nationaler Bestseller" ging an Wiktor Pelewin für seinen Roman "Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin". Allerdings erfüllte das Buch nicht ganz die angestrebten Kriterien der mit 10 000 Dollar dotierten Auszeichnung. Galt es doch, "ein uneingelöstes Marktpotenzial von Werken mit einem hohen künstlerischen Niveau aufzudecken".

Der ehemalige Werbetexter Pelewin nämlich löst sein Marktpotenzial seit langem ein: Spätestens seit "Generation P" gehört er zu den populärsten Schreibern Russlands. Vorbei sind die Zeiten, als der offizielle Literaturbetrieb sich mit Schaudern von diesem Autor abwenden konnte wie noch 1997, als sein Buch "Buddhas kleiner Finger" von der Liste des russischen Booker-Preises gestrichen wurde. Die damalige Begründung der Jury: "Werke wie dieses verhalten sich wie ein kulturelles Virus, sie zerstören das kulturelle Gedächtnis."

Dabei schreibt Pelewin durchaus in der kulturellen Tradition russischer Schriftsteller, die sich über das gerade vorherrschende System lustig machten. Man könnte ihn als eine Art Gogol auf Ecstasy bezeichnen. In seinem jüngsten Werk erzählt er die Geschichte des Unternehmers Stepan Michailow, der von früh an sein Leben in den Dienst der Zahl 34 stellt.

Alle seine Handlungen sind fortan dieser kabbalistischen Zahlenmystik unterworfen: Entscheidungen, Termine und sogar Se. Alles muss mit der 34 zu tun haben, und auf gar keinen Fall darf sich die Glückszahl in ihren dämonischen Spiegel wenden - die 43. Stepan gründet eine Bank, und auch hier verlässt er sich im Geheimen voll und ganz auf sein Nummernspiel, was ihm in Kürze den Ruf einbringt, besonders gerissen zu sein, da seine Entscheidungen für Außenstehende so wenig nachvollziehbar sind, dass nur eine teuflische Intelligenz hinter ihnen stehen kann.

Das Unglück bricht herein, als Stepan das verflixte 43. Lebensjahr erreicht. Seine Nemesis begegnet ihm in Form von Mark Firkin, dem Präsidenten einer konkurrierenden Bank, der seinen sexuellen Perversionen grundsätzlich vor einem sichtbar aufgestellten Foto von Wladimir Putin nachgeht. So beugt er der Gefahr vor, dass jemand, der Stepan etwa heimlich bei seiner Obsession filmen würde, ihn jemals mit der Drohung einer Veröffentlichung erpressen könnte. Firkins geheime Glückszahl ist die 43, und Stepan sieht keinen anderen Ausweg, als sich des Widersachers gewaltsam zu entledigen.

Pelewin karikiert in seinem Roman das chaotische System eines Landes, in dem durchgeknallte Zahlenmystiker es zum Erfolg bringen und unantastbar bleiben, solange sie nur bei ihren Sexspielchen vor einem Abbild des Präsidenten knien. Schon allein für diese groteske Momentaufnahme, in der Politik und Porno virtuos verquickt werden, sollte Pelewin sich einen dauerhaften Platz im kulturellen Gedächtnis aller Russen gesichert haben, die in dieser absurden Übergangsperiode leben müssen.