Belletristik: Vexierbilder des Erinnerns - DER SPIEGEL
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Belletristik Vexierbilder des Erinnerns

In ihrem neuen Roman "Tupolew 134" malt Antje Rávic Strubel eine historische Flugzeugentführung fiktiv aus.
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Viel wagt die junge Schriftstellerin Antje Rávic Strubel in ihrem neuen Roman "Tupolew 134". Sie nimmt die reale Flucht von zwei DDR-Bürgern im August 1978 zum Anlass für eine literarische Erinnerung an die DDR. Damals zwang ein Mann mit einer Schreckschusspistole - er war in Begleitung einer jüngeren Frau - die Besatzung eines polnischen Flugzeugs, auf dem West-Berliner Flughafen Tempelhof zu landen statt in Schönefeld. Die Entführung war eine Verzweiflungstat; eigentlich wollten beide von Polen aus auf dem Landweg in den Westen flüchten.

Katja und Lutz heißen die Flüchtenden in Strubels Roman, sie arbeiten gemeinsam in einer Autofabrik in Ludwigsfelde in der ehemaligen DDR. Auch eine Kollegin namens Verona ist da beschäftigt. Ein Mann aus dem Westen kommt hinzu, Hans Meerkopf; er pendelt zwischen der Bundesrepublik und Ludwigsfelde und soll eine Kooperation mit dem Werk leiten. Es ist Sommer, sie gehen gemeinsam schwimmen - und alle, Lutz, Verona und Hans Meerkopf sind verliebt in die spröde Katja. Die Liebe von Lutz ist still und uneingestanden, Verona tarnt ihre Gefühle mit der Rolle der besten Freundin, nur Meerkopf lebt seine Gefühle für Katja leidenschaftlich mit ihr aus.

Strubel, die 1974 in Potsdam geboren wurde, studierte Amerikanistik und Literaturwissenschaften in Potsdam und New York und arbeitete dort als Beleuchterin an einem Off-Theater. Die Erfahrungen mit diesem Job lieferten ihr den Stoff für ihren ersten Roman "Offene Blende". Es folgten zwei weitere Romane, die ihr Talent erkennen ließen, aber auch etwas Flüchtiges und Unfertiges hatten. "Tupolew 134" ist nun Strubels bisher bestes Buch.

Irgendwann während der gemeinsamen Arbeit in der Fabrik sagt Katja zu Lutz: "Ich lebe nicht mehr gern so." Der Gedanke an Flucht ist in der Welt. Meerkopf verspricht Katja, falsche Pässe für sie und Lutz zu besorgen. Aber der Plan geht schief - der Westler wird mit den gefälschten Pässen an der Grenze nach Polen festgehalten, von wo Katja und Lutz Richtung Westen türmen wollen. So verfallen die beiden auf die Idee mit der Entführung.

Hat Verona den Plan ihrer Freundin ausgeplaudert, um sie bei sich zu behalten? Schließlich arbeitet ihr Vater offensichtlich als Geheimagent der DDR. Oder ist etwa Lutz der Verräter - vor Eifersucht so blind, dass er den eigenen Fluchtplan opfert, um Hans Meerkopf zu schaden? Beide Möglichkeiten werden angedeutet, viele Zusammenhänge bleiben in der Schwebe. Strubel erzählt die Geschichte dieser Flucht als ein Geflecht von Erinnerungen und Möglichkeiten. Sie zeigt, wie es gewesen sein könnte und wie subjektiv sich Geschichte im Rückblick darstellt. Das ist klug gedacht, und weil die Figuren sehr lebendig sind und die Atmosphäre der versunkenen DDR dicht geschildert ist, liest man das Buch gern. Strubels komplizierte Erzählweise strapaziert allerdings zunehmend die Geduld. Der Roman spielt auf drei Zeitebenen: vor der Flucht in der DDR, während der Gerichtsverhandlung im Mai 1979 und 25 Jahre danach. Der Leser soll wie durch einen Schacht in die Geschichte blicken. Durch die ständig wechselnden Einteilungen "unten", "oben" und "ganz unten" sind die einzelnen Erinnerungsschichten voneinander abgegrenzt, was manchmal recht didaktisch wirkt. Immerhin entgeht Strubel so der Gefahr, ein weiteres Nostalgiebuch über die untergegangene DDR zu produzieren. Stattdessen hat sie einen Roman über die Vexierbilder des Erinnerns geschrieben: Entscheidend ist die Wahrnehmung jedes Einzelnen, es kann nur alles auch ganz anders gewesen sein.