Belletristik Triumph eines Einwanderers
Jerry Battle ist ein Alleinflieger, wie er es nennt. Am liebsten hebt er ohne jede Begleitung in seinem kleinen Privatflugzeug zu Spritztouren über Long Island ab. Und auch auf der Erde hält er andere Menschen weitgehend auf Distanz.
Zwar hat der wohlhabende Frührentner Jerry, nur noch "ein paar Herzschläge" von seinem 60. Geburtstag entfernt, eine gar nicht so kleine Familie: Sein Vater, von dem er einst das Gartengestaltungsunternehmen "Battle Brothers" übernommen hatte, vegetiert in einer Altenwohnanlage vor sich hin; sein Sohn Jack, der das Unternehmen inzwischen führt, lebt mit Frau und Kindern in der Nähe; und dann ist da noch eine Tochter namens Theresa, die Intellektuelle der Familie.
Aber eigentlich hält sich Jerry Battle aus allen Beziehungsverwicklungen heraus. Theresa bezichtigt ihn deswegen der "abnormen Herzensträgheit", und seine Lebensgefährtin Rita hat ihn wegen seiner Unfähigkeit, sich anderen Menschen zu widmen, nach mehr als zwei Jahrzehnten verlassen. Diesen großen Charakterfehler kennt der Alleinflieger Jerry genau, denn während er über den Dingen schwebt, betrachtet er sie mit ziemlicher Klarheit.
"Turbulenzen", der dritte Roman des koreanisch-amerikanischen Autors Chang-rae Lee, 39, macht sich natürlich prompt daran, seinen herzensträgen Helden durchzurütteln. Die geordnet wirkenden Familienzustände, mit denen sich Jerry so bequem arrangiert hat, fangen an zu wanken: Sein Vater büchst aus dem Altenheim aus, sein Sohn steuert das Familienunternehmen in den Bankrott, und die Tochter erkrankt an Krebs, den sie nicht behandeln lassen will, weil sie ein Kind erwartet.
Da kann auch Jerry nicht länger unbeschwert durch die Lüfte gleiten - "Aloft", etwa: "hoch droben", ist der Originaltitel des Romans. In Chang- rae Lees Werken sind es immer männliche Ich-Erzähler, die wie durch eine Membran von ihrer Umwelt getrennt leben, Männer, deren äußere Angepasstheit eine existenzielle innere Fremdheit verbirgt, Männer, die manche ihrer Schwächen ganz deutlich erkennen und andere nicht wahrhaben wollen, Männer, die mit verdrängter Schuld und verdrängtem Schmerz leben.
Dabei lappt die Vergangenheit immer wieder in die Gegenwart hinein: Wie ein Thrillerautor deckt Lee erst nach und nach die traumatischen Geschehnisse auf, die seine kläglichen Helden zu dem gemacht haben, was sie heute sind. Mit seinen psychologisch klugen und sprachlich dichten Romanen, in den USA schon mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt, belebt Lee den klassischen Mittelstandsrealismus à la John Updike oder Richard Ford neu. Jene Geschichten aus den Vororten und Kleinstädten also, in denen hinter den Markisen der Normalität die Angst, die Unruhe und die Sehnsucht gären - und er reichert ihn an durch den Blick des Einwanderers, der nichts an dieser Welt als gegeben hinnimmt.
"Anfangs hat mich vor allem am Schreiben angezogen, dass es einen Weg zum Fühlen eröffnete", sagt Chang-rae Lee mit seiner freundlichen, etwas schnarrenden Stimme, in deren Tonfall seine koreanische Herkunft ganz leicht mitschwingt. Eigentlich befand er sich nämlich schon auf der Schnellspur in ein ganz anderes Leben, als er beschloss, auszusteigen und sich an einem Roman zu versuchen.
Bei seiner Herkunft war das eine revolutionäre Tat. Nette koreanische Jungen aus guten Familien werden nicht Schriftsteller, sie werden Rechtsanwalt, Arzt oder Wall-Street-Banker. Sie haben Erfolg, der sich an Bankguthaben misst. Und Chang-rae war ein netter koreanischer Junge. Sein Vater, ein Psychiater, hatte die Familie Ende der sechziger Jahre in die USA gebracht. Langsam, aber unaufhaltsam machte er Karriere, die Lees zogen von Jahr zu Jahr in immer wohlhabendere Vororte rund um New York, und Lee besuchte erst ein elitäres Internat, dann die Ivy-League-Universität Yale. Danach ging er an die Wall Street, wo er es genau ein Jahr aushielt, bis er es wagte, seinem Traum von der Schriftstellerei zu folgen.
"Ich wusste, dass es alle unglücklich machen würde, vor allem meine Eltern und vermutlich auch mich", sagt er mit einem kleinen Lachen. "Aber ich wollte es versuchen." In Korea, so erklärt er, leben Schriftsteller traditionell am äußersten Rand der Gesellschaft. Sie sind häufig Alkoholiker, manchmal sogar obdachlos, und obwohl man ihnen einen gewissen Respekt zollt, haben sie etwas von einem Unberührbaren an sich. "Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht", sagt Changrae Lee. "Dafür waren sie nicht hergekommen."
Heute lebt Lee mit seiner Frau, einer Architektin, und seinen zwei kleinen Töchtern am Rande des traditionsreichen Universitätsstädtchens Princeton in New Jersey, in einem schmucken Tudor-Backsteinhaus nicht weit vom Einstein Drive, in einer der baumbeschatteten, still gediegenen Wohnstraßen. Auf großzügigen, professionell angelegten Grundstücken können sich die Nachbarn freundlich winkend aus dem Weg gehen: Wer hier lebt, gehört zur Geisteselite, fährt Volvo, trägt Ralph Lauren und pflegt einen Geschmack, der zum Gutbürgerlich-Arrivierten neigt.
Nach Princeton hat Lee ein Ruf als Professor für Creative Writing verschlagen: eine Ehre, auf die andere Schriftsteller ein ganzes Werk lang vergebens warten. Ihn ereilte sie schon mit Mitte dreißig, nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans "A Gesture Life" (1999, deutscher Titel: "Fremd im eigenen Leben") . Die bildungsbürgerliche Umgebung Princetons passt perfekt zum ruhigen, ausnehmend umgänglichen Chang-rae Lee, der selbst in Polohemd, verwaschenen Chinos und Socken adrett wirkt: Er gibt den Schriftsteller nicht als Brandstifter, sondern als Biedermann - seine Freunde kennen ihn vor allem als Gourmetkoch und hervorragenden Golfer. Man könnte meinen, er wollte immer noch seine Berufswahl mit den Insignien des Bürgertums legitimieren (oder übertünchen?) und seinen Eltern beweisen, dass ein Schriftsteller ebenso etabliert leben kann wie ein Rechtsanwalt.
Ob er unter all dieser Ausgeglichenheit wohl, wie seine Helden, auch das Gefühl der inneren Fremdheit kennt? "Sicher", sagt Lee lächelnd und klopft sich an die Schläfe, "die große Kluft zwischen dem Äußeren und dem, was hier oben drin ist, speist meine Arbeit. Ich habe meine heimlichen Besessenheiten, und das Schreiben erlaubt mir, mit ihnen fertig zu werden."
Mit "Turbulenzen" hat Lee nun auch noch den Fluch aller Bindestrich-Autoren abgelegt, nämlich die Tatsache, dass ihnen nur zugestanden wird, kundig über ihre ethnische Herkunft zu schreiben: einmal Immigrantenautor, immer Immigrantenautor. Neben literarischer Qualität wird stets ethnografischer Informationsgehalt erwartet. In der Tat waren die Helden von Lees ersten beiden Romanen Einwanderer: Sein noch nicht ins Deutsche übersetztes Debüt "Native Speaker" (1995) wird von einem jungen koreanischstämmigen Amerikaner erzählt, der sich als eine Art Undercoveragent verdingt und in den Alltag anderer Menschen einschleicht, weil er mit seiner eigenen Identität nichts anzufangen weiß.
"Fremd im eigenen Leben" ist die Geschichte eines alten koreanisch-japanischen Gentlemans, der sich in einer amerikanischen Kleinstadt eine so hochwohlanständige Existenz aufgebaut hatte, dass er die Welt - und sich selbst - erfolgreich über seine Gefühlsverkrüppelung hinwegtäuscht. Aber Jerry Battle, der Held von "Turbulenzen", ist der weiße, alternde Vorstadtamerikaner par excellence, und mit der enthusiastischen Aufnahme des Romans hat Chang-rae Lee gerade seine Feuertaufe im amerikanischen Mainstream bestanden.
"Ich habe das Buch nicht geschrieben, um die entsprechenden Erwartungen zu unterlaufen", sagt Lee, "aber jetzt bin ich ganz froh darüber. Es könnte ganz neue Themenfelder für mich und andere asiatische Autoren eröffnen." Dann schaut er verstohlen auf die Uhr. Eigentlich sollte er längst beim Zahnarzt sein. Aber Chang-rae Lee ist natürlich viel zu wohl erzogen, um einen Gast einfach vor die Tür zu setzen.