Krimis Von Morden im Norden
Annika Bengtzon hat es wirklich nicht leicht: zu Hause zwei ewig quengelnde Kinder und einen Ehemann, der sich gern vor seinen Vaterpflichten drückt und lieber mit seiner Kollegin schläft; im Job einen Chefredakteur, den auflagenträchtige Überschriften mehr interessieren als sensible Recherche.
Gehetzt und gebeutelt von Schuldgefühlen jagt die ehrgeizige Journalistin zwischen Wohnung und Kinderkrippe, Ehekrise und Arbeitsplatz in der Redaktion eines Stockholmer Boulevardblatts hin und her. Damit nicht genug.
Zu allem Überfluss muss sich die taffe Kriminalreporterin, ein Geschöpf der schwedischen Erfolgsautorin Liza Marklund, auch noch der männlichen Konkurrenz ähnlich erfolgreicher skandinavischer Krimihelden wie Kurt Wallander, Erik Winter oder Van Veeteren erwehren. Die männlichen Spürnasen sind zwar ebenso fiktiv wie die Reporterin, sollen aber die gleichen Krimiliebhaber fesseln - beinharte Konkurrenz. Kein leichtes Spiel für eine berufstätige Frau und Mutter, nicht einmal in Schweden, der Heimat von Emanzipation und Gleichberechtigung.
Doch Annika Bengtzon wäre nicht die Powerfrau, die sie ist, wenn sie nicht beide Aufgaben mit Bravour lösen würde - die als Romanfigur und Titelheldin ebenso wie den Wettstreit mit ihren prominenten männlichen Ermittlerkollegen in den Bestsellern von Henning Mankell, Åke Edwardson oder Håkan Nesser.
Im August erschien Marklunds jüngster Bengtzon-Roman "Der rote Wolf" auf Deutsch. Es scheint ausgemacht, dass die Geschichte um einen todkranken schwedischen Terroristen, den es kurz vor seinem Ende noch einmal zu den Wurzeln seiner Radikalisierung zurückzieht, erneut ein Bestseller wird.
Knapp 1,3 Millionen Bengtzon-Bücher hat Marklund bislang schon in Deutschland verkauft, in über 20 Sprachen wurde die Autorin übersetzt. Der fünfte Fall um Annika Bengtzon, die Verbrechen anzieht wie andere Frauen Verehrer, ist vielleicht sogar Marklunds bester. In schnörkelloser Sprache, die journalistische Erfahrung erkennen lässt, erzählt Marklund die packende und temporeiche Geschichte um den Top-Terroristen und seine späte Rache.
Neue skandinavische Krimis
| AUTOR | TITEL | SEITEN | EURO | VERLAG | BEWERTUNG |
| Stella Blómkvist | Das ideale Verbrechen | 224 | 8,50 | Btb | * |
| Arne Dahl | Falsche Opfer | 392 | 14,00 | Piper | *** |
| Leif Davidsen | Die guten Schwestern | 576 | 24,90 | Zsolnay | *** |
| Åke Edwardson | Der Himmel auf Erden | 464 | 8,95 | Ullstein | *** |
| Aris Fioretos | Die Wahrheit über Sascha Knisch | 352 | 22,90 | DuMont | ** |
| Gretelise Holm | Die Robinson-Morde | 432 | 15,00 | List | *** |
| Anne Holt | Die Wahrheit dahinter | 388 | 19,90 | Piper | ** |
| Anna Jansson | Totenwache | 320 | 8,90 | rororo | *** |
| Mari Jungstedt | Den du nicht siehst | 384 | 20,00 | Heyne | *** |
| Unni Lindell | Nachtschwester | 400 | 19,90 | Scherz | ** |
| Liza Marklund | Der rote Wolf | 448 | 22,90 | Hoffmann | *** |
| Harri Nykänen | Raid und der Legionär | 288 | 8,90 | Grafit | * |
| Emma Vall | Drei Blutsschwestern | 240 | 8,90 | Piper | * |
Der Boom skandinavischer Kriminalromane und Thriller in Deutschland hält ungebrochen an. Noch nie gab es so viele und so gute Krimis aus jener Gegend Europas, die früher eher durch die Villa Kunterbunt oder Geschichten aus Bullerbü geläufig war. Von Morden im Norden können die Deutschen offenbar nicht genug kriegen.
Rund 120 Autoren aus den fünf nordischen Ländern sind nach Untersuchungen des Internet-Portals schwedenkrimi.de inzwischen auf dem deutschen Markt, gut 40 allein aus Schweden. Bis zu diesem Herbst kamen wieder Dutzende Neuerscheinungen sowie Neuauflagen hinzu.
Dabei halten sich Marktführer wie Henning Mankell, Åke Edwardson oder Karin Fossum sogar zurück. Mankell, der Anfang der Neunziger den Schwedenkrimi wieder salonfähig machte und in Deutschland inzwischen rund 13 Millionen Bücher verkauft hat, zehrt noch vom Erfolg seines Wallander-Krimis "Vor dem Frost" aus dem Sommer 2003.
"Schwarze Sekunden", das letzte auf Deutsch erschienene Werk von Karin Fossum - eine der besten Krimiautorinnen unter den neuen Wilden - ist auch schon fast ein Jahr alt. Und Åke Edwardsons Kommissar Erik Winter zieht es lediglich in einer Taschenbuchneuauflage ("Der Himmel auf Erden") noch einmal an den Tatort.
Dafür drängen neue Namen nach vorn: Der Schwede Arne Dahl und die Finnin Leena Lehtolainen gehören dazu, die Norwegerin Unni Lindell, die Schwedin Mari Jungstedt mit einem bemerkenswerten Debüt ("Den du nicht siehst") und einige andere, zu Hause oft schon hoch dekorierte Schreiber.
Das Grundmodell des Booms ist schlicht und bewährt: Ein mehr oder weniger alternder Kommissar, gern einsam und eigenbrötlerisch, auch melancholisch, oft an sich und den Umständen seines Daseins (ver)zweifelnd, tappt mürrisch und meist wortkarg durch die Welt des Bösen und nervt die Kollegen. Statt seine eigenen Lebenskrisen zu bewältigen, überwältigt er, ersatzweise, Mörder und Entführer.
Ein früher Prototyp war in den sechziger Jahren Kommissar Martin Beck, der Held des legendären schwedischen Krimiduos Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Becks berühmtester Nachfolger wurde Mankells Ermittler Wallander. Mit Edwardsons Erik Winter betrat danach ein Vertreter der jüngeren Generation die Krimibühne - kein grummelnder Querschädel mehr, sondern ein Mann von Welt. Winter ist Liebhaber des schwarzen Jazz-Saxofonisten John Coltrane, Freund eleganter Anzüge und italienischer Küche. Vom Junk-Food-Freak Wallander unterscheidet sich Winter wie seine urbane Heimatstadt Göteborg von Wallanders südschwedischem Provinznest Ystad. Doch das Leben stellt Winter, privat wie im Job, auf ähnlich harte Proben wie Wallander, und die meistert er oft ebenso einsilbig und ausgebrannt.
Das Rezept kommt an. Bei Unni Lindell, einer talentierten Autorin aus Norwegen ("Nachtschwester"), heißt Wallander lediglich Cato Isaksen, bei Fossum ist es Konrad Sejer, bei Mari Jungstedt heißt er Anders Knutas. Manchmal treten an die Stelle von Polizisten oder Zivilfahndern, die sich als einsame Wölfe gegen Um- und Unterwelt behaupten müssen, ähnlich temperierte Detektive, Rechtsanwälte oder Journalisten.
Ein Geschlechterwechsel der Hauptfigur ändert am gängigen Muster zunächst wenig. Bei Anna Janssons packender "Totenwache" schlägt sich die sympathische Kommissarin Maria Wern nicht nur mit einem mordenden Sonderling herum, sondern auch mit Seitensprüngen ihres Mannes und Rollenproblemen als Frau und Mutter. Auch die Finnin Lehtolainen lotst ihre rasant zunehmende Anhängerschar mit Wonne durch die weltlichen Untiefen um die attraktive, ebenso rothaarige wie feministische Ermittlerin Maria Kallio.
"Gebrauchsliteratur" nennt das die dänische Autorin Gretelise Holm. Ihr ist gleichgültig, "ob einige Leute das für schöngeistige oder sonstwie hochwertige Literatur halten oder nicht". Ausdrücklich bekennt sie sich zum "Mix aus Handwerk und Kunst".
Viele der neuen Sternchen am Krimihimmel sind derart gemixt: die Isländerin Stella Blómkvist etwa, der Finne Harri Nykänen, der Norweger Gunnar Staalesen oder auch die Schwedin Emma Vall - ein Pseudonym, hinter dem sich drei schwedische Journalisten-Freundinnen verbergen.
Kurzweilig und in der Regel durchaus spannend geschrieben, drängen ihre Krimis zumeist in kostengünstigen Paperbacks auf den Markt, wie geschaffen zur guten Unterhaltung am Strand oder im Hotelbett, aber eben auch nicht mehr.
Dass auch Kriminalromane sorgfältig gearbeitet sein können und keine billige Massenkonfektion sein müssen, beweist ausgerechnet die Dänin Holm. Als Autorin hatte sie zu Hause längst einen Namen, da ermunterte ihr Verlag sie ausdrücklich zu etwas Neuem. Ein Frauenkrimi sollte es sein, mit weiblicher Hauptrolle und ordentlich gesellschaftskritisch, bitte schön. "Die Robinson-Morde" ist bereits ihr zweiter Krimi, der an die große Erzähltradition ihrer Vorbilder anschließt.
Im Dickicht von Überalterung der Gesellschaft und Pflegenotstand lässt Holm auf einer dänischen Insel eine urlaubende Journalistin mysteriösen Todesfällen in einem Altenheim nachspüren - und liefert neben Spannung auch noch ein packend erzähltes Stück Lebenswirklichkeit westlicher Industrienationen.
Ist es das, was deutsche Leser so fasziniert an den Stoffen aus dem hohen Norden? Das "Ereignis hinter dem Ereignis", nennt Åke Edwardson die Tatsache, dass Mord und Totschlag in skandinavischen Krimis manchmal fast zum Nebenaspekt verkommen. Oder fesselt eher das Lebensgefühl von Freiheit und Gleichheit, die Stimmungsgemälde von unendlicher Weite und langen, dunklen Nächten?
"Schweden verkörpert all das, was Deutschland gern wäre, aber nicht ist oder nicht sein kann, auch wegen seiner Geschichte." Das glaubt Autor Aris Fioretos, ein Schwede mit griechischen Vorfahren, der als Kulturrat an seiner Botschaft in Berlin arbeitet. Dass aber Krimis aus Europas Norden nicht unbedingt grüblerisch sein oder zwischen Schonen und Schären spielen müssen, beweist er selbst mit seinem Buch "Die Wahrheit über Sascha Knisch" - die Spurensuche nach einem lebenshungrigen Transvestiten spielt zwar im Milieu, aber im Deutschland der zwanziger Jahre. Bestsellerkollege Håkan Nesser verlegt die Abenteuer seines Kommissars Van Veeteren sogar in ein fiktives Land, das Nordfriesland sein könnte oder auch die Niederlande.
Auch Thriller-Autor Leif Davidsen kommt in seinen Büchern gut ohne nordische Landschaftsbilder und Melancholie aus. Der Däne, gelernter Journalist wie Liza Marklund, ist ein Meister rasanter Szenenwechsel und siedelt seine spannenden, gut recherchierten und mitreißend erzählten Plots mitten im aktuellen europäischen Zeitgeschehen an. Sein neuestes Werk "Die guten Schwestern" verbindet die Geschichte einer dänischen Familie, die bis in die nationalsozialistische Besatzung Dänemarks zurückreicht, mit dem Bombenkrieg auf dem Balkan und der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Davidsen schafft es, die Fülle seines Stoffs so zu bändigen, dass die politisch brisante und psychologisch facettenreiche Geschichte nicht überladen wirkt.
Den Grund für den Erfolg der Skandinavier sieht er in der "großen Erzähltradition", die bis zu den isländischen Sagen um Elfen und Trolle zurückgeht. Für ihn sind Krimis "moderne Fabeln", die sich nicht scheuen, gesellschaftliche Probleme und soziale Verrohung zu thematisieren.
Dass Kriminalromane vielleicht die einzige, zumindest aber die beste Literaturgattung sind, um heute noch moralische Fragen zu behandeln - diese Auffassung ist vielen Autoren gemein. "Wir wollen den Menschen etwas zu denken geben", sagt die schwedische Autorin Karin Alvtegen. Also schreiben sie, allen voran Henning Mankell, über täglichen Rassismus und Wirtschaftskriminalität, Gewalt in der Familie oder Kindesmissbrauch. Kaum irgendwo auf der Welt sind Krimis so politisch und gesellschaftskritisch wie in Skandinavien.
Die Norwegerin Anne Holt nutzte die Politisierung des Genres zu einem Outing eigener Art. Die Autorin, die kurzzeitig als Justizministerin in ihrer Heimat amtierte, schuf mit Hanne Wilhelmsen die erste lesbische Chefkriminalistin. Auch im traditionell liberalen Nordland muss die nicht nur Ganoven und männliche Vorurteile überwinden, sondern ebenso gesellschaftliche Barrieren. Holts Mut und ihr temporeicher Erzählstil wurden belohnt: "Die Wahrheit dahinter" ist bereits der siebte Buchauftritt der lesbischen Hanne.
Die jüngste Innovation des Sujets schuf der neue Star des literarischen Exportschlagers: Arne Dahl heißt das Pseudonym, hinter dem sich der Stockholmer Literaturwissenschaftler Jan Arnald verbirgt - ein Mitarbeiter der Nobelpreis-Akademie und bis zum Wechsel ins Krimifach vergleichsweise wenig aufgefallen.
Der Erfolg stellte sich ein, als er die so genannte A-Gruppe erfand, eine Sondereinheit des Reichskriminalamts um die Ermittler Paul Hjelm und Kerstin Holm. Sechs Fahnder, ein Typ eigenwilliger als der andere, bieten hinreichend Spielraum für seine brillanten Inszenierungen. Bislang sind drei von sechs Dahl-Krimis ins Deutsche übersetzt. "Falsche Opfer", seit kurzem auf dem Markt, ist eine furiose Geschichte um organisierte Kriminalität und Rechtsextremismus in Schweden.
Zehn Fälle will Dahl aufschreiben, "die klassische Zahl". Zehn Geschichten, wie auch bei Sjowall/Wahlöös Kommissar Beck. Zehn Folgen, die auch Edwardson für seinen Erik Winter oder Anne Holt mit Hanne Wilhelmsen planen. Und die Mankell gerade noch mit Kurt Wallander erreichte, bevor der von Tochter Linda abgelöst wurde.
Anfangs sei er im eigenen Land als "nicht schwedisch genug" kritisiert worden, erzählt Dahl. Doch nach der Ermordung Olof Palmes und Anna Lindhs, nach kräftigen Einschnitten ins soziale Wohlfahrtsmodell, nach rechtsradikalen Morden und Ausländerhass, ist der Traum vom gemütlichen Volksheim ausgeträumt. An dessen Stelle tritt ein neues Schweden - als Teil einer auch im Verbrechen globalisierten Welt.
Dahl verspricht "eine Serie über ein Land, das seine Unschuld verloren hat". Manchen Schweden wird das wieder stören. Dahls Leser aber wird es freuen.