Belletristik: Erotik und Lebensklugheit - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Belletristik Erotik und Lebensklugheit

Ein altmodischer Kommissar, unheimliche Vorgänge in Paris ­ die Französin Fred Vargas erhält den Deutschen Krimipreis für ihren Thriller"Fliehe weit und schnell".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das soll ein Bulle sein? "Sie machen Witze, altes graues Hemd, völlig zerknautschte Jacke und nicht mal ordentlich geschnittenes Haar. Blumenverkäufer auf den Kais von Narbonne, vielleicht, aber Kommissar, nein, wirklich."

Joss Le Guern, ein ehemaliger Seemann aus der Bretagne, traut seinen Augen nicht, als er den eigenwilligen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg in der Präfektur besucht, um von sonderbaren Dingen zu berichten.

Der Bretone Joss arbeitet nahe dem Montparnasse als Ausrufer, jeden Mittag und jeden Abend verliest er Kleinanzeigen, die ihm die Leute des Viertels anonym und mit fünf Francs im Kuvert in seine Urne werfen. Meist sind es harmlose Dinge wie "Verwandte Seele gesucht, wenn möglich anziehend, wenn nicht, dann nicht", oder "Der Dreckskerl, der meine Klingel kaputtgemacht hat, kann sich auf eine böse Überraschung gefasst machen", oder "Führe sorgfältig kleine Näharbeiten aus".

Seit kurzem jedoch erhält und verliest Joss Botschaften, die aus alten Pestabhandlungen stammen und den Parisern drohend den baldigen Ausbruch der Pest ankündigen. Von kleinem Getier und vom Untergang der Welt ist die Rede - Joss gefällt die Sache ebenso wenig wie den meisten seiner Zuhörer.

Was den Kommissar beunruhigt: Zur gleichen Zeit werden in einem anderen Viertel von Paris Wohnungstüren mit einer spiegelverkehrt gemalten Vier versehen, ein Zeichen, das im Mittelalter als Schutzsymbol vor der Pest galt. In einer Wohnung ohne die schützende Vier wird prompt eine Leiche gefunden, mit schwarzen Flecken und Flohbissen übersät.

Der sonst eher gelassene Adamsberg entdeckt bald, dass der Tote von Rattenflöhen gebissen wurde, die als Überträger des Pestbazillus gelten. Der Kommissar befürchtet, dass bei weiteren Morden über kurz oder lang eine Massenhysterie in Paris ausbricht.

Tatsächlich taucht bald die zweite schwarz verfärbte Leiche auf, wieder werden Rattenflöhe in der Wohnung gefunden, wieder war die Tür nicht mit einer schützenden Vier gezeichnet. Die Pariser Bevölkerung gerät zusehends in Panik, obwohl die Toten, wie der Kommissar weiß, nicht an der Pest gestorben sind, sondern erdrosselt wurden.

Adamsberg, der nur nachdenken kann, wenn er in Bewegung ist, muss eine Menge spazieren gehen, bevor er konkrete Spuren aufzunehmen vermag in dieser verwickelten, höchst spannenden Geschichte.

Die französische Schriftstellerin Fred Vargas wird für ihren faszinierend vitalen Roman dieses Jahr mit dem Deutschen Krimipreis geehrt. Der würdigt Werke, die das Genre durch neue Impulse beleben. Mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren kommt die Taschenbuchausgabe auf den Markt, nachdem das Hardcover bereits vor gut einem Jahr erschienen ist.

In Frankreich war die glänzend geschriebene Pestgeschichte ein Sensationserfolg und verkaufte sich binnen kürzester Zeit über 250 000-mal; der Roman wurde inzwischen in 20 Sprachen übersetzt.

Die Französin Fred Vargas - Fred nach Frédérique, dem Vornamen ihrer Zwillingsschwester, Vargas wie die spanische Tänzerin, die Ava Gardner 1954 in "Die barfüßige Gräfin" spielte - ist im Hauptberuf Archäologin, genau-er Spurensucherin für mittelalterliche Tierknochen. Sie gibt ungern Interviews und wählte sich ihr Pseudonym, um sich und ihre Privatsphäre zu schützen. Was man über sie weiß, ist nicht viel: In Paris lebt die 47-Jährige mit ihrer Zwillingsschwester, einer Malerin zusammen, ihr Bruder ist Historiker, außerdem hat sie einen Sohn.

Den Plot ihrer "rom.pols" ("romans policiers"), wie Kriminalromane im Französischen genannt werden, entwickelt Vargas während ihrer Ferien. Den Rest des Jahres feilt sie liebevoll an den Details der eigenartig versponnenen Geschichten.

Vargas' Krimis sind raffiniert komponiert, vermischen Magisches und Irrationales mit der spröden Realität. Dass die eigenwillige Autorin auf die Konventionen des Genres pfeift, hat ihrem Erfolg offensichtlich nicht im Wege gestanden; ganz im Gegenteil. Liebevoll entwickelt sie ihre skurrilen Helden, die mal als Hauptfiguren, mal in kleinen Nebenrollen immer wieder in ihren Romanen auftauchen.

Da sind etwa die drei jungen Historiker, die gemeinsam ein Haus bewohnen und "die drei Evangelisten" genannt werden. Mathias, der Frühgeschichtler, Marc, zuständig für das Mittealter und Lucien, Experte für den Ersten Weltkrieg. Sie tragen ihre epochalen Konflikte miteinander aus - und betätigen sich in früheren Vargas-Büchern als Detektive. Denn ihrer Schöpferin zufolge stecken sie - ohne Arbeit, ohne Frau und ohne Kohle - so tief "in der Scheiße", dass sie ebenso gut Kriminalfälle lösen können. Sie haben ja sonst nichts zu tun.

Zum kriminalistischen Mikrokosmos von Fred Vargas gehört auch die schöne Camille, die leidenschaftlich gern klempnert und am liebsten Werkzeugkataloge liest. In ihrem preisgekrönten Krimi macht sich die französische Autorin nun ein Vergnügen daraus, einige ihrer melancholischen Lebenskünstler aufeinander treffen zu lassen: Camille kommt nach Paris und nimmt eine Liebesaffäre mit Kommissar Adamsberg wieder auf. Die drei Evangelisten versuchen Adamsberg und seinem alkoholseligen Vertreter Danglard zu helfen, dem geheimnisvollen Pestbereiter auf die Spur zu kommen. Schließlich entdecken sie, was es mit der titelstiftenden Empfehlung "Fliehe weit und schnell" auf sich hat.

Leicht benommen verlässt Adamsberg nach seinem Besuch bei den Historikern deren Haus und sinniert: "Es gab Leute auf Erden, die Unmengen von unglaublichen Dingen wussten. Die erst in der Schule zugehört und anschließend weiter kesselwagenweise Kenntnisse eingefahren hatten. Kenntnisse von einer anderen Welt. Leute, die ihr Leben mit Geschichten von Pestbereitern, Salben, lateinischen Flöhen und Elektuarien verbrachten."

Vargas' Geschichte verzweigt sich langsam; die verhängnisvollen Verstrickungen, auf die der Kommissar und sein Kollege stoßen, führen in verschiedenste Richtungen. Die Lösung schließlich verblüfft den Leser ebenso wie den intuitiv ermittelnden Adamsberg.

Der Spaß an der schrägen Geschichte entspringt vor allem der Ironie, Erotik und Lebensklugheit, die Vargas' Helden versprühen. Eine Autorin ihres Ranges findet sich unter deutschen Krimischreibern bislang leider nicht.