Belletristik: Die Verbrechen hinter dem Mord - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Belletristik Die Verbrechen hinter dem Mord

Anne Chaplets neue Ermittlerin, eine Tierärztin, kommt in "Russisch Blut" einem doppelten Schrecken der jüngeren Geschichte auf die Spur.
Von Hindeja Farah
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pferdekutschen, ein verfallenes Schloss und Herrschaften in guten Berufen und den besten Jahren. Aus diesem Stoff hätte man ebenso gut einen honigsüßen Schmöker à la Rosamunde Pilcher fertigen können. Aber Anne Chaplets sechster Krimi ist alles andere als das.

"Heimat ist, wo es Arbeit gibt. Der Rest ist Erinnerung." Mit solchen Sätzen zerschlägt Chaplet die scheinbare Idylle gleich wieder. Es sind die Worte ihrer spröden Heldin Katalina Cavic, einer bosnischen Tierärztin, die gern betont, dass sie ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen "Bullen kastrieren und Pferden das Gebiss reinigen kann". Chaplets neue Ermittlerin trägt Jeans und kurze Haare. Sie kann die Polizei nicht ausstehen. Als auf dem ostdeutschen Anwesen Blanckenburg, dem neuen Arbeitsplatz der Tierärztin, eines Morgens der berühmte Archäologe Sigurd Rust tot vor dem Pferdestall liegt, will die mit den Ermittlungen eigentlich nichts zu tun haben. Als Täter kommen die Schlossherrinnen in Frage, drei Schwestern namens Franken. Zwei von ihnen sind verheiratet. Die eine mit einem Frauenhelden erster Güte, die andere mit einem Banker.

Die bürgerlichen Konventionen bröckeln: In der Sippschaft geht es ein wenig durcheinander, Eifersucht und Neid gären. Ist das Tatmotiv hier zu suchen?

Nein, alles ist viel komplizierter. Der Mord dient der Autorin als erzählerisches Lockmittel, das auf die Spur umfassenderer Verbrechen führt. Denn ein zweiter Erzählstrang reicht 60 Jahre zurück. Darin wird die Flucht einer gewissen Mathilde von Bergen geschildert, die 1945 das ostpreußische Gut Jechow verlässt, um der anrückenden russischen Armee zu entgehen. Von Bergen flieht auf das Schloss Blanckenburg, das Anwesen ihres Verlobten Gregor von Hartenfels. Der taucht - 60 Jahre später - im Leben der Tierärztin Cavic auf. Zwar ist der blaublütige Graf schon uralt, aber er behauptet, mit einer der Franken-Schwestern verheiratet zu sein. Außerdem stand er in enger Verbindung zu dem ermordeten Archäologen.

Die Krimis der Schriftstellerin mit dem Pseudonym Anne Chaplet sind zwar ein wenig kompliziert, doch immer logisch gebaut. Die Autorin, mit bürgerlichem Namen Cora Stephan, erhielt bereits zweimal den Deutschen Krimipreis. Nachdem die 53-jährige Historikerin und Publizistin in den neunziger Jahren etliche politische Sachbücher veröffentlicht hatte, verlegte sie sich mit wachsendem Erfolg aufs Krimischreiben. Ähnlich wie viele skandinavische Krimiautoren intoniert sie ihre Bücher gern sozialkritisch. Auch "Russisch Blut" hat furchtbare Ereignisse der jüngeren Geschichte zum Hintergrund:

Mathilde von Bergen gelang es nicht, der russischen Soldateska zu entkommen; Katalina Cavic hat ihre Heimatlosigkeit nicht selbst gewählt. Beide Frauen erfuhren im Krieg sexuelle Gewalt: von Bergen 1945, Cavic in Bosnien.

Es geht also gar nicht um Mord. Das Ur-Verbrechen dieses Krimis ist längst geschehen, und die Autorin durchleuchtet all seine Aspekte. Sie liefert nicht nur ein Psychogramm der Frauen, sondern auch der Täter, der gehörnten Männer und der ungewollten Kinder. Zum Showdown kommt es, als der uralte Graf, Mathilde von Bergens ehemaliger Verlobter, ihre Tagebuchseiten von 1945 findet.