Krimis Kriminalfossil mit Mortadellabrötchen
Wenn Antonio Sarti etwas auf die Palme treibt, dann sind es Störungen beim Espressogenuss. Und da der kauzige Commissario von dem starken schwarzen Gebräu mehr oder minder lebt, stört ihn eigentlich jedes Ereignis. "Sarti Antonio" stellt sich der Polizist auf Befragen vor, wobei Sarti der Nach- und Antonio der Vorname ist. In Italien klingt das weniger amtlich als vielmehr vertraut, wie in Bayern, wo bei dieser Art der Vorstellung selbst der Stoiber Edmund irgendwie krachledern wirkt.
Und so meint man den Sergeant Sarti gleich zu kennen, was durchaus möglich wäre, denn immerhin hat der Schriftsteller Loriano Macchiavelli, 70, ihn erstmals vor 30 Jahren auf die Halb- und Unterwelt seiner Heimatstadt Bologna losgelassen. In 13 Fernsehfolgen und 6 Filmen bewies der magenkranke Polizist, der sich im Buch für "besser als Colombo" hält, dass ihn sogar der allzeit somnambul wirkende US-Kollege im Recherchenwettlauf locker überrunden würde. "Nach 20 Jahren des Zusammenlebens" hatte der Autor seinen Antihelden Sarti, der zum Alter Ego geworden war, 1987 ermorden lassen. Doch sehr bald, sagt Macchiavelli, sei ihm klar geworden, "dass ich einen Freund verloren hatte".
Jetzt hat er ihn wieder. Buchstäblich aus der Kloake Bolognese kommt der populäre Italo-Bulle hervorgekrochen. "Unter den Mauern von Bologna" (Buchtitel), im Rohrlabyrinth des Abwassersystems, wühlt der Kummer gewohnte Kommissar im Dreck der überirdisch feinen Arkadenstadt. Und es wird gewiss nicht lange dauern, bis sich der erstmals auf Deutsch erscheinende Melancholiker auch in die Herzen hiesiger Krimileser hineingenörgelt hat. Denn Arbeitsweise und Charakter dieses Polizisten zwischen Kaffeetasse und Kolitis sind so widerborstig wie unwiderstehlich.
Ein Polizeikollege schwappt mit drei Löchern im Rücken gegen eine eiserne Schleuse. Das im Haus des Toten entdeckte Drogenbriefchen dechiffriert der misstrauische Sarti Antonio als absichtsvoll gelegte falsche Spur. Denn der vermeintliche Beweis dafür, dass der Kumpel selbst krumme Dinger gedreht hat und einer Abrechnung unter Verbrechern zum Opfer gefallen ist, passt ihm nicht ins Gesamtbild. Sein Ermittlungsweg durch die Niederungen von Macht, Mord und Politik führt den Beamten erneut in Todesnähe - und an die Grenze zur Wirklichkeit.
Sartis Geschichte ist fiktiv. Die italienische Umgebung ist real. Das macht die Handlung angenehm wahrscheinlich. Mit einem "Intermezzo in vier Akten" bettet Autor Macchiavelli seinen Krimi ein in die Terrorwelt von Schwarzer Ordnung über Rote Brigaden bis zu den Anschlägen der Islam-Extremisten. Schade nur, dass diese Ausflüge in die italienische Realität vor der Berlusconi-Gegenwart enden.
An mangelnder Bereitschaft des Autors anzuecken, kann es nicht liegen. Seine Bestseller waren es, die Bologna Mitte der siebziger Jahre aus der wohltuenden Illusion aufscheuchten, es könnte sich inmitten der Gewalt und Korruption des damaligen Italiens als unerschütterliche Hauptstadt der Türme, Titten und Tortellini behaupten. Indem Macchiavelli seine Geschichten im Stil des Roman noir in der stolzen alten Universitätsstadt ansiedelte, erschloss er der jüngeren Generation italienischer Autoren quasi vor der Haustür einen eigenen, glaubwürdigen Kosmos im klassischen Krimigenre.
Rund 30 Fälle hat Sergeant Sarti im Dienst seines Schöpfers seither gelöst. Genug, meint Macchiavelli. Die Zeit solcher Kriminalfossilien ohne Knarre und mit Mortadellabrötchen sei vorbei, da längst schnelle Eingreiftruppen und Technoterror die Szene beherrschen.
Es stimmt, Sarti Antonio ist hoffnungslos altmodisch. Der Gipfel der Moderne in diesem Kriminalroman ist - neben einem tadellosen Elektrokocher für den Kaffee - der rachitische Computer, in den der Commissario fluchend seine Berichte hämmert. Wenn er Disketten lesen will, sucht er den zwölfjährigen Marco auf.
Eine letzte Sarti-Geschichte kündigt Macchiavelli an, nach der sich sein Bologneser Grantler zurückziehen solle. Doch noch ist nicht sicher, dass Sarti in Pension gehen kann. Sechs seiner Abenteuer werden in Italien derzeit neu herausgegeben. Mit überwältigendem Erfolg. Hoffnungslos altmodisch?
Si. Wunderbar altmodisch und wunderbar italienisch.