Belletristik: Weibliche Raffinesse - DER SPIEGEL
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Belletristik Weibliche Raffinesse

Die Türkin Esmahan Aykol lässt in "Bakschisch" ihre Detektivin Kati einen Mordfall in Istanbul lösen ­ und neue Erfahrungen mit türkischen Männern machen.
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In peinlichen Minuten, wenn beklommene Stille herrscht, erwähnt Kati Hirschels Mutter gern einen Engel des Schweigens, der über die Anwesenden hinwegschwebt. Kati Hirschel ist sich sicher, dass, "falls es einen solchen Engel des Schweigens gibt, er Istanbul nicht näher kommt als bis auf 2000 Kilometer. Den Krach von Istanbul hält kein Engel aus. Und schon gar kein Engel des Schweigens."

Kati Hirschel ist wieder da, bereit, ihren zweiten Mordfall zu lösen und in schönster Respektlosigkeit über die Unterschiede zwischen Deutschen und Türken zu parlieren. Buchhändlerin Kati, 44, gutem Essen und attraktiven Männern durchaus zugetan, ist das Geschöpf der 34-jährigen Autorin Esmahan Aykol, die in der Türkei geboren ist, perfekt Deutsch spricht und heute abwechselnd in Berlin und Istanbul lebt. Bei ihrer Heldin Kati ist es ähnlich: Sie ist Deutsche, spricht aber sehr gut Türkisch und betreibt in Istanbul einen Buchladen, der mehr schlecht als recht läuft.

Während die Krimi-Liebhaberin Kati in Aykols erfolgreichem Debüt "Hotel Bosporus" den Mord an einem Filmregisseur aufklärte, gerät sie diesmal bei der Wohnungssuche an ihren neuen Fall. Ein Beamter, den Kati besticht, soll ihr zu einer schönen, billigen, wenn auch etwas baufälligen Sechszimmerwohnung mit Blick auf den Bosporus verhelfen. Bevor es jedoch zum Mietvertrag kommt, wird die Leiche des Vormieters in der Wohnung aufgefunden; Kati gilt als tatverdächtig. Mit Verve und weiblicher Raffinesse begibt sie sich auf Spurensuche und kommt bald dahinter, dass der Ermordete in allerlei finstere Geschichten verwickelt war - es geht um krumme Geschäfte, Blutrache und eifersüchtige Frauen.

Wie schon in ihrem Erstling zeichnet die deutschtürkische Autorin ihre Figuren und deren Eigenheiten liebevoll und glaubwürdig. Sie lässt Kati neue Freundschaften schließen, aber auch lieb gewonnenen Bekannten wieder begegnen wie Freundin Lale und Kommissar Batuhan. Kati erfährt viel Neues über landeseigene Gepflogenheiten und bekommt auch wieder reichlich Gelegenheit, sich über türkische Männer, insbesondere ihren Freund Selim, zu empören.

Aykol ist eine warmherzige, vor allem aber kenntnisreiche Schriftstellerin: Neben der amüsanten Ich-Erzählerin Kati steht die Metropole Istanbul im Mittelpunkt der verwickelten Geschichte. Man verfolgt mit großem Vergnügen die liebevoll-ironische Liebeserklärung, welche die Autorin ihrer Stadt macht. Gemeinsam mit Detektivin Kati lernt der Leser schöne und schmuddelige Ecken der Millionenstadt kennen, gewinnt Einblick in die Arbeitswelt von Kanzleien und Behörden und begreift schnell, wie viel sich mitunter mit ein bisschen Bakschisch erreichen lässt.