Krimis: Doppelbödige Schweiz - DER SPIEGEL
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Krimis Doppelbödige Schweiz

Im neuen Krimi des Schweizers Hansjörg Schneider sucht Kommissar Hunkeler einen Serienmörder ­ und stößt auf einen dunklen politischen Hintergrund.
Von Rainer Traub
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Basler Kriminalkommissar Peter Hunkeler, geschiedener Familienvater, ist ein eigenbrötlerischer Melancholiker. Er mag Gedichte und verfügt über einige philosophische Belesenheit, treibt sich aber auch gern in zweifelhaften Kaschemmen herum. Denn bei abgerissenen Nachtvögeln und sozialen Verlierern fühlt er sich besser aufgehoben als im gutbürgerlichen Milieu jener demonstrativ rechtschaffenen Landsleute, die Hunkeler als Spießer und Karrieristen zuwider sind.

Bei seinen Vorgesetzten gilt der knorrige Einzelgänger als schwierig und stur, auch wenn sie seinen Spürsinn schätzen. Der Jüngste ist er auch nicht mehr. Schon macht ihm die Prostata zu schaffen, nicht einmal den kurzen nächtlichen Weg von der Stammkneipe in seine Wohnung schafft er, ohne unterwegs Wasser zu lassen. Er erleichtert sich ausgerechnet an einem Zierbäumchen neben der Kantonalbank - und nimmt einen zusammengesunkenen Schatten auf einer Bank wahr. Der entpuppt sich als männliche Leiche mit durchschnittener Kehle und aufgeschlitztem Ohrläppchen. Noch einmal muss das Bäumchen herhalten - diesmal für den erbrochenen Mageninhalt des Kommissars.

Weil sich dergleichen für eine Schweizer Amtsperson nicht schickt, trägt der fünfte Hunkeler-Fall des Basler Theater- und Prosaautors Hansjörg Schneider,

66, den schönen Titel "Hunkeler macht Sachen". Wie die früheren Bände geizt auch dieser nicht mit Lokalkolorit und schweizerdeutschen Wendungen. Der Streifenwagen heißt "Pikett", der Kommissar trinkt "drei Stangen Bier" in seiner "Beiz" und verspürt nicht Sehnsucht, sondern "Langezeit" nach seiner verreisten Freundin. "Ich finde, man darf einer Prosa ruhig anmerken, woher sie kommt", hat der gebürtige Aargauer Schneider in einem Zeitungsbeitrag über den "Reiz des Dialektes für die schriftstellerische Arbeit" geschrieben: "Sprache ist mehr als bloße Kommunikation. Wenn man zusammen redet, entwirft man gemeinsam eine eigene Welt."

Bei aller Heimatverwurzelung ist dieser Autor das Gegenteil eines Hinterwäldlers. Sein Alter Ego Hunkeler entdeckt erst, dass der Tote, wie ein weiteres Mordopfer, von Zigeunern abstammt, und dass mit dem Schlitzen der Ohren von alters her die Zigeuner stigmatisiert werden. Und dann stößt er hinter der Fassade der vorbildlich zivilisierten Alpenrepublik auf das Schicksal, das die braven Schweizer den Fahrenden bereiteten, um sie sesshaft, zu ordentlichen Bürgern zu machen: Man nahm ihnen ihre Kinder weg und steckte sie in fremde Familien, wo sie ohne Kenntnis ihrer wahren Eltern und Ursprünge aufwuchsen. Wie dieser verdrängte Teil der Nationalgeschichte mit den Morden zusammenhängt, findet Hunkeler erst heraus, nachdem er wegen Eigenmächtigkeit schon vom Dienst suspendiert ist.

Der unverwechselbare Basler Kommissar behauptet trotz einiger Schwächen - Hunkelers Drang zum Moralisieren beispielsweise wirkt manchmal penetrant - einmal mehr seinen Thekenplatz im literarischen Gasthaus der gegenwärtigen europäischen Krimiliteratur.