Belletristik: Schlinge aus Selbstvorwürfen - DER SPIEGEL
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Belletristik Schlinge aus Selbstvorwürfen

Ein Mord auf einem alten keltischen Friedhof ist für die Schottin Val McDermid der Ausgangspunkt ihres neuen Krimis "Echo einer Winternacht".
Von Tobias Haberl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alex, Mondo, Ziggy und Weird studieren zusammen an der schottischen Hochschule St. Andrews, teilen sich ein Apartment auf dem Campus und halten zusammen wie Pech und Schwefel.

Das müssen sie auch. Denn in einer eisigen Winternacht finden die vier Kumpel auf dem Nachhauseweg von einer Party ein blutendes, halbtotes Mädchen auf dem alten keltischen Friedhof. Obwohl sie sofort einen Streifenpolizisten alarmieren und unter Schock versuchen, das Mädchen zu retten, stirbt es noch in der gleichen Nacht. Unschuldig schuldig werden die vier zu Hauptverdächtigen in einem mysteriösen Mordfall, bei dem die örtliche Polizei von Anfang an auf die falsche Fährte setzt.

Ein brutaler Mord in einem beschaulichen Akademikerstädtchen. Mit diesem traditionellen Setting geht die erfolgreiche schottische Krimiautorin Val McDermid von Anfang an auf Nummer sicher. Doch wie sie dann die verwickelte Handlung auf zwei Zeitebenen hievt und en passant überzeugende Psychogramme der vier verdächtigen Freunde entwickelt, das zeugt von großem Gespür für Charaktere und einem ausgeprägten Sinn für Dramaturgie.

Argwohn und Zweifel nagen an der romantischen Jungenfreundschaft und drohen sie auseinander zu reißen. Obwohl keiner dem anderen einen solchen Mord wirklich zutraut: Ein echtes Alibi hat niemand von ihnen. Der ermittelnde Polizeibeamte Barney Maclennan hat nämlich einige delikate Details erschnüffelt.

Nicht genug, dass die vier das Opfer Rosie Duff kannten - jeder Einzelne zeigt auch seine ganz speziellen Auffälligkeiten: Alex war in das Opfer verliebt, Ziggy verheimlicht seine Homosexualität, Weird war in der Mordnacht voll gepumpt mit Drogen, und Mondo hatte in einem geklauten Landrover seine jüngste Eroberung durch die Gegend chauffiert.

Eine Schlinge aus Selbstvorwürfen und Anfeindungen legt sich um die vier anscheinend so harmlosen Jungs: An der Universität werden sie angepöbelt, von den gewalttätigen Brüdern des Opfers schikaniert, von der Boulevardpresse verfolgt. Komplett überfordert, rastet einer von ihnen, Mondo, schließlich aus und bringt sich um ein Haar um.

Im zweiten Teil des Romans, der ein Vierteljahrhundert später spielt, findet der Titel "Echo einer Winternacht" seine Erklärung. Längst sind aus den vier Studenten von einst kultivierte Akademiker geworden. Als bekannt wird, dass ungelöste Kriminalfälle mit Hilfe neuer DNA-Methoden aufgerollt werden sollen, verschwindet erst das Beweismaterial des Falles "Rosie Duff", dann werden Ziggy und Mondo innerhalb weniger Wochen ermordet. Zu guter Letzt taucht auch noch Rosie Duffs unehelicher Sohn auf, um seine ermordete Mutter zu rächen. Der kann zwar die beiden Männer, nicht aber seine Mutter auf dem Gewissen haben. Gibt es zwei Mörder?

Val McDermid komponiert auf den letzten 200 Seiten ein packendes und intelligentes Krimidrama rund um die Themen Freundschaft, Schuld und Moral. In mehreren Erzählsträngen treibt sie die spannende Handlung einem höchst ungewöhnlichen Ende entgegen und löst schließlich jede Verwicklung und jeden falschen Verdacht meisterhaft und glaubwürdig auf.