Tipps & Trends Vernetzung der Buchkultur
Wenn er nach Büchern sucht, schaltet Björn Frommer manchmal den Rechner ein und geht ins Internet. Nach wenigen Klicks wird er fündig, die Schätze der Weltliteratur stehen festplattenweise zum Download bereit: Romane und Novellen, Essays und Gedichte, Feinsinniges und Flaches, Klassik und Cyberpunk, alles kein Problem, alles kostenlos, alles illegal.
Dieses Füllhorn des literarischen Schaffens ist ihm ein echtes Ärgernis. Dabei könnte er dankbar sein, denn ihm verdankt er seinen Job. Der junge Anwalt arbeitet in der Münchner Kanzlei Waldorf, die auf Urheberrechtsverstöße spezialisiert ist. "Die Raubkopiererei betraf bislang vor allem die Software-, Film- und Musikbranche", sagt Frommer, "aber mittlerweile wird auch das Verlagswesen von dieser Entwicklung eingeholt."
Rund 20 000 Buchtitel sind inzwischen im Internet kostenlos verfügbar, schätzt David Price von der britischen Agentur Envisional. Frommer vermutet, dass diese Zahl eher noch zu niedrig ist: "Stichproben zeigen immer wieder, dass Sie die meisten Bücher, die in Buchhandlungen angeboten werden, auch im Internet finden." Oft werden beliebte Buchtitel schon wenige Tage nach Erscheinen von kleinen Fanzirkeln eingescannt, korrekturgelesen und in Börsen angeboten.
Immer wieder stößt Frommer dabei auf ein Phänomen, das aus dem Film- und Musikbereich bislang unbekannt ist: auf den Tausch ganzer Privatbibliotheken. Weil Textdateien wenig Speicherplatz benötigen, passen 50 Bände auf eine CD. Geradezu archaisch mutet dabei die Methode an, mit der in der Online-Börse Ebay ganze Bibliotheken verkauft werden: Unter dem Deckmantel, eine gebrauchte Festplatte zu verkaufen, bieten Literaturdealer digitalisierte Bücher en gros an - bisweilen 3000 pro Platte.
Ungeklärt ist dabei allerdings, ob und wie sehr der Verkauf papierener Bücher unter der Texttauscherei leidet. Denn nach wie vor ist das Lesen am Bildschirm Gift für Augen, Aufmerksamkeit und Lesegenuss. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Jugendlicher den "Herr der Ringe"-Zyklus am Rechner verschlingt. Wahrscheinlicher ist, dass die Digitalbücher zum Testlesen, Überfliegen und gezielten Suchen nach Stichwörtern verwendet werden, vor allem im Sach- und Fachbuchbereich.
Besonders stark betroffen von der Digitalisierung ist der junge Hörbücher-Markt, denn anders als Buchtexte lassen sich vorgelesene Werke als MP3-Datei leicht auf digitale Abspielgeräte wie den iPod ziehen und unterwegs anhören, ohne dass die Kopie hörbar schlechter klingt als das Original.
"In Tauschbörsen tauchen vor allem Bestseller wie 'Harry Potter' und 'Herr der Ringe' auf", sagt Heike Völker-Sieber vom Hörverlag. In letzter Zeit häufen sich daher die Abmahnungen, doch dieses Vorgehen wird wohl einem Kampf gegen Windmühlenflügel gleichen, solange sich die Branche gegen die Wünsche der Nutzer stemmt. Bislang gibt es in Deutschland kaum legale Hörbuchangebote im Internet - teils aus juristischen Gründen: "In den alten Autorenverträgen waren die Rechte des Internet-Vertriebs nicht geregelt", so Völker-Sieber, "das müssen wir in Zukunft ändern."
Buchpiraterie und Online-Vertrieb sind dabei nur Teilaspekte eines binären Bücherbebens, das in den nächsten Jahren den Literaturbetrieb nachhaltig umkrempeln könnte. Die Elektronisierung der Literatur scheint dabei jedoch wenig geeignet, das Geschriebene und Gedruckte durch Homepage und Hypertext zu ersetzen. Stattdessen ist derzeit die Entwicklung dort am dynamischsten, wo sich die unterschiedlichen Medien vernetzen und ergänzen. Der Online-Zugang zu Volltexten hilft dabei, bislang tief in Büchern verborgenes Wissen zu entdecken; Online-Rezensionen verschaffen besser denn je einen Überblick über Neuerscheinungen; und Online-Antiquariate machen auch Vergriffenes wieder auffindbar.
Noch lässt sich kaum erkennen, wohin die gemeinsame Reise von Buch und Netz führt. Doch immer mehr Beobachter teilen den Eindruck, dass das Internet nicht den Untergang der Lesekultur einläutet, sondern ihr bester Verbündeter wird.
Anwalt Frommer beispielsweise will nicht die Fehler der Musikindustrie wiederholen, die jahrelang lieber über und gegen Piraten klagte, statt eigene Internet-Angebote zu entwickeln. Er pflegt die sanften Töne, wenn er darüber redet, wie er manch Buchpiraten mit Abmahnungen, außergerichtlichen Einigungen und pädagogischer Behutsamkeit zur Ordnung zu rufen versucht: "Wir sollten daran denken, dass junge Leser, die heute Bücher aus dem Netz saugen, vielleicht morgen die besten Buchkunden sind."
Bislang ist diese positive Grundeinstellung nicht allzu weit verbreitet in der Buchbranche, deren Vertreter gern mit einer elitären Technikfeindlichkeit kokettieren. Noch ist die Digitalisierung der Literatur ein Tummelfeld für Tüftler, Enthusiasten und Pioniere.
Werner-Christian Guggemos etwa mag Bibliotheken so gern, dass er am liebsten nie mehr eine betreten würde. "Die Art, wie die meisten Bibliotheken Bücher verleihen, ist doch steinzeitlich", sagt er. "Ich laufe zur Bücherei, hole das Buch ab, gehe zum Copyshop, kopiere mir ein paar Seiten, dann laufe ich wieder zur Bücherei und gebe das Buch ab. Diese Zeit würde ich lieber produktiv nutzen - zum Beispiel mit Lesen."
Eigentlich wollte der Münchner Unternehmer vor vier Jahren eine Habilitationsschrift über Firmengründungspolitik verfassen - und wurde stattdessen Mitgründer der Firma Ciando, die von München aus per Internet fast 4000 deutsch- und englischsprachige Titel als "E-Books" vertreibt, zu leicht herabgesetzten Preisen gegenüber Papierbüchern, zum Teil sogar kapitelweise. Seit Mai bietet auch die Universitätsbibliothek München ihren Nutzern über 600 Ciando-Titel zum Download an - bislang vor allem zu technischen Themen. Nach Ablauf der Leihfrist werden die Dokumente elektronisch verriegelt - damit erübrigt sich die sinnlose Fußarbeit beim Abholen und Zurückbringen der Bücher.
Noch dieses Jahr sollen zwei weitere Bibliotheken in Zusammenarbeit mit Ciando den Internet-Verleih einführen. In ein paar Jahren könnte der Anteil der E-Bücher am Buchmarkt bei 10 bis 15 Prozent liegen, glaubt Guggemos. "Immer mehr Kunden wollen einfach den Service, ein bestimmtes Buch auch nach Ladenschluss zu bekommen", sagt er. "Viele Raubkopierer sind nicht kriminell, sondern innovativ - und den Verlagen ein paar Jahre voraus."
Die Digitalisierung der Bibliotheksbestände steckt immer noch in den Kinderschuhen, denn viele Verlage scheuen die neuen Medien aus Angst vor Raubkopierern. Das gilt erstaunlicherweise sogar für den Bereich der Fachzeitschriften, deren ureigenstes Interesse, möglichst schnell viele Leser in aller Welt zu erreichen, perfekt mit den Möglichkeiten der Datennetze harmonieren müsste. Doch statt die Chance zu nutzen und missbrauchssichere Vertriebswege zu entwickeln, klammern sich manche Herausgeber an artifizielle Verzögerungstaktiken.
Das führt bisweilen zu absurden Szenen, bei denen Gabriele Beger von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, nicht sicher ist, ob sie zum Lachen oder zum Weinen sind. "Subito" nennt sich ein Dienst, der den Nutzern von 29 deutschen Bibliotheken erlaubt, Fachartikel per Internet zu bestellen und per E-Mail zugesandt zu bekommen, gegen eine Gebühr von einigen Euro. Die Nachfrage ist gewaltig und im vergangenen Jahr um 18 Prozent gestiegen, 1,1 Millionen Bestellungen wurden bearbeitet. Doch hinter der elektronischen Bibliothek steckt paradoxerweise mühsame Handarbeit: Sobald eine Bestellung eingeht, muss ein Bibliotheksmitarbeiter die Zeitschrift aus dem Regal holen, zum Scanner laufen, sie digitalisieren, per E-Mail versenden und wieder zurückstellen. Denn im Regelfall darf eine Bibliothek einen digitalisierten Text nicht speichern, sondern lediglich als "Privatkopie" versenden, laut Urheberrechtsgesetz. "Diese Rechtsauffassung ist ein Kompromiss", so Beger, "wir können schon froh sein, dass wir überhaupt Scans versenden dürfen." Momentan erarbeitet das Justizministerium Änderungen für das Urheberrecht.
Doch hinter rechtlichen Engstirnigkeiten lebt derzeit eine großartige Vision auf: Der Traum von Alexandria, einer Weltbibliothek, in der das neueste und das älteste Wissen, das Exotische und das Kanonische von jedem Ort aus abgefragt werden kann. Bislang verfolgen die Aktivisten des Project Gutenberg etwas Ähnliches, indem sie über 12 000 Bücher im Netz verfügbar machen, jedoch mit einer fatalen Beschränkung: Die Texte müssen allgemein frei sein, also im Regelfall älter als 70 Jahre. Dadurch ist dieses wunderbare Archiv zu einem Nischendasein verdammt, geplagt von Finanznot, mangelhaftem Lektorat und fehlender Aktualität.
Udi Manber liebt Bücher so sehr, dass er ihre Einbände zerfetzen und ihre Rücken aufschlitzen lässt, damit sie sich besser einscannen lassen. Der israelischstämmige Wahlkalifornier, Unix-Programmierer und Autor eines erfolgreichen Informatikbuchs, wollte ursprünglich ein System entwickeln, um das Zettelchaos auf seinem Schreibtisch zu bändigen. Aus diesem bescheidenen Ansatz entwickelte er eine bahnbrechende, neue Buchsuchmaschine: "Search inside the book" heißt der Dienst, den der Online-Buchhändler Amazon im Oktober 2003 freigeschaltet hat. Zum Start ließen sich bereits 33 Millionen Seiten aus über 120 000 Büchern über ein Suchfeld nach Wörtern durchchecken.
Natürlich ist die Nutzung der Online-Bücher stark beschränkt: Von den Fundstellen aus kann nur zwei Seiten vor- oder zurückgeblättert werden, Ausdruck und Download sind deaktiviert. Doch allein die so generierten Buchtipps sind unbezahlbar. Denn bislang war ausgerechnet die Buchwelt ein schwarzes Loch im Zentrum der Wissensgesellschaft. Zwar gibt es Pressedatenbanken und Online-Lexika. Doch um ausführlichere Quellen wie Fachbücher oder Romane zu durchforsten, waren Wissensdurstige bislang darauf angewiesen, von irgendeinem belesenen Menschen einen Tipp zu bekommen, wo die gesuchten Lesefrüchte verborgen sein könnten.
Leider umfasst die amazonische Buchsuchmaschine bislang nur englischsprachige Titel. Um dagegen zu erfahren, was in deutschsprachigen Büchern steht, bietet sich vor allem das Lesen von Rezensionen an. Auch hier ist ein tief greifender Wandel im Gange.
Propeller Marketingdesign ist einer der einflussreichsten Buchkritiker. Er schreibt weder für "Zeit" noch "Frankfurter Allgemeine", und auch Fernsehzuschauern ist sein Gesicht unbekannt. Dennoch beeinflusst er wahrscheinlich das Kaufverhalten gewaltig. Denn er ist der derzeit beliebteste Rezensent beim Online-Buchladen Amazon.
Hinter dem Pseudonym steckt Werner Fuchs, ein Werbefachmann aus dem Schweizer Städtchen Zug. Nach Feierabend verschlingt er Bücher, und schon wenige Tage später sind seine Zusammenfassungen auf den Seiten von Amazon zu lesen. Mittlerweile sind es über 500.
Propeller Marketingdesign ist einer von über 70 000 schreibenden Lesern, die ihre Meinung zu den online angebotenen Büchern kundtun. Ihre Empfehlungen erreichen mehr Leser als das Feuilleton, schätzt das Branchenmagazin "Buchreport", und sind obendrein direkt mit dem Kaufverhalten der Kunden verschaltet, denn nur einen Klick von ihren Rezensionen lockt der Bestellbutton - oder ein konkurrierendes Buch.
"Einerseits findet hier eine Verquickung von Kritik und Verkauf statt", sagt Thomas Anz, Literaturprofessor in Marburg. "Andererseits zeigen diese Buchbesprechungen eine wunderbare Unbefangenheit und Spontaneität: die Fortsetzung einer Plauderei mit anderen Medien."
Überraschenderweise warnt der Hochschullehrer jedoch nicht vor dem dilettantischen Parafeuilleton. Im Gegenteil: Er sieht es als Ansporn und Bestätigung, ebenfalls zur Öffnung der Literaturwissenschaft beizutragen. Gemeinsam mit seinen Studenten betreibt er die Website www.literaturkritik.de, mit Besprechungen, Aufsätzen, Ranglisten, Quizfragen und etwa 80 000 Besuchen pro Monat.
Doch die erfolgreichste Neuerung im Rezensionswesen dürfte der "Perlentaucher" sein. Jeden Morgen ab halb acht arbeitet der Berliner Journalist Thierry Chervel mit zwei Redakteuren und einigen freien Mitarbeitern die wichtigsten Zeitungen durch, fasst die Artikel, die ihm auffallen, knapp, treffend und launig zusammen, versieht sie mit Links zum Weiterlesen im Web und verschickt den Newsletter gegen 10 Uhr an etwa 10 000 Empfänger.
Nie war es so leicht, sich einen schnellen Überblick über das zu verschaffen, was andernorts gedacht und geschrieben wird, von der "New York Times Book Review" bis zur "Moskowskije nowosti", von "L'Express" bis "al-Ahram". Erstaunlicherweise liegen kaum Zeitungen in Chervels Büro herum; er hat nur zwei Abonnements laufen, den Rest liest er online.
Diese Art des Meta-Feuilletons, das bespricht, was andere besprechen, ist in dieser Form weltweit einmalig - und expandiert dementsprechend heftig. Neuerdings wird der "Perlentaucher" von der Kulturstiftung des Bundes gefördert, mit über einer Million Euro, verteilt auf drei Jahre. Ab 2005 will Chervel eine englischsprachige Ausgabe anbieten. "Pearlfisher", so der Arbeitstitel, soll über das Mittel der Presseschau das intellektuelle Leben in Deutschland widerspiegeln - Kulturglobalisierung made in Germany.
Doch die Elektronik macht den Literaturbetrieb nicht nur schneller, sondern stärkt auch sein Langzeitgedächtnis.
Peter Wölki ist einer der erfolgreichsten Gebrauchtbuchhändler. Als er 1997 das Elbeteam aufbaute, tat er das, um seiner schwer kranken Frau einen Arbeitsplatz zu schaffen. Per Internet verscherbelten sie den Ramsch, den er aus Haushaltsauflösungen heranschaffte. Aus den Speichern, Kellern und Rumpelkammern quoll ihm ein Strom an Büchern entgegen.
In einem quietschgelb renovierten Plattenbau in Dresden stapeln sich auf fast 17 Regalkilometern mehr als 1,4 Millionen Bücher. Über 190 Mitarbeiter füttern Datenbanken, beantworten Kundenwünsche im Callcenter, schicken Rechnungen, und sortieren täglich rund tausend neue Bände ein, die teils aus Privatbeständen stammen, teils von Verlagen als Mängelexemplare geliefert werden.
"Vergangenes Jahr haben wir unseren Umsatz auf 6,5 Millionen Euro mehr als verdoppelt", stöhnt Wölki, "das hat uns eine Menge Wachstumsschmerzen verursacht." Wölkis Geheimrezept ist einfach: gnadenlos niedrige Preise. Für die meis-ten Bücher zahlt er gar nichts, denn sie stammen aus Haushaltsauflösungen: "Die Leute sind froh, ihre alten Schinken loszuwerden."
Während der Absatz neuer Bücher sinkt, sind die Zuwachsraten bei gebrauchten gewaltig. Während hier zu Lande weniger als fünf Prozent der Umsätze beim Verkauf von Neubüchern übers Internet gemacht werden, liegt der Online-Anteil bei Gebrauchtbüchern Schätzungen zufolge bei über 20 Prozent. Alle 13 Sekunden wird im deutschsprachigen Teil von Ebay ein Roman versteigert, alle zwei Minuten ein Hörbuch. In den USA wird bereits jedes siebte Buch antiquarisch erworben.
Zum Teil stecke dahinter das Geiz-istgeil-Prinzip, sagt Ulrich Brand, Europachef von Abebooks, dem weltweit größten Portal für gebrauchte Bücher, mit einem Angebot von über 50 Millionen Bänden und einem jährlichen Umsatzzuwachs von 50 Prozent allein in Europa: "Secondhandbücher haben das Odium des Knauserigen verloren, sie gelten zunehmend als normale Gebrauchsgegenstände." Der zweite wichtige Grund: "Über 97 Prozent aller Titel sind heute vergriffen, also in einer normalen Buchhandlung gar nicht erhältlich."
Ausgerechnet das angeblich so schnelllebige Internet entwickelt sich so zu einem wohltuend langsamen Gegenpol zur Kurzatmigkeit der Buchmacher. Viele Buchkonzerne werfen "Schnelldreher"-Titel von Autoren wie Daniel Küblböck oder Dieter Bohlen lieblos auf den Markt, um sie ebenso hastig wieder aus der Backlist der lieferbaren Titel zu nehmen. Schon nach kürzester Zeit räumen sie ihre Lager und verramschen die Bücher an moderne Antiquariate und Firmen wie Elbeteam, die sie wiederum Amazon anbieten - direkt neben den neuen Büchern.
"Online-Antiquariate sind eine große Hilfe beim Recherchieren, vor allem beim Bücher finden", sagt der Autor und Übersetzer Reinhard Kaiser: "Vergriffene Bücher, nach denen ich in 'wirklichen' Antiquariaten ewig suchen müsste und wahrscheinlich vergeblich, werden im Internet wieder zu lieferbaren Büchern und sind schneller auf meinem Schreibtisch, als wenn ich versuchen würde, sie per Fernleihe zu beschaffen."
Und wieder einmal ist es Jeff Bezos von Amazon, der als einer der ersten Online-Buchhändler gewittert hat, wie lukrativ die Buchtrödlerei ist. Heute verdient er kräftig mit beim Lesen aus zweiter Hand: Rund ein Fünftel der Amazon-Bestellungen beziehen sich in den USA auf gebrauchte Waren - vor allem Bücher.
Amazon verfügt dabei genau wie die Konkurrenten Abebooks oder das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher über kein eigenes Lager für gebrauchte Bücher, sondern vermittelt nur den Kontakt zwischen Käufer und Anbieter. Viele der Angebote, die über diese Portale verkauft werden, stammen aus den 17 Kilometer langen Buchregalen von Elbeteam.
Die Billigbücher drücken nicht nur die Preise, sondern auch die Stimmung im herkömmlichen Handel. Denn Second-Händler untergraben indirekt auch die Buchpreisbindung: Schon wenige Tage nach dem Erscheinen werden viele neue Bücher von schnellen Lesern schon wieder abgestoßen, weit unter Neupreis.
Auch Verlage nutzen die Netztrödler als Schlupfloch, um druckfrische Bücher als "Mängelexemplare" über Strohmänner zu verkaufen. 300 Abmahnungen schickte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bereits an Ebay-Verkäufer. Besonders dreist hatte es ein Journalist getrieben, der seine Rezensionsexemplare verkauft hatte. Der neue Walser war so bereits vor seinem offiziellen Erscheinungstermin online erhältlich.
Die größten Verlierer sind jedoch kleine Antiquariate, sogar wenn sie selbst im Internet verkaufen. "Wenn irgendein Apothekenhelfer die wertvolle Privatbibliothek seines Vaters auf Ebay verhökert, dann macht das die Preise und damit den Fachhandel kaputt", kritisiert Ulrich Hobbeling, Vorsitzender des Verbands Deutscher Antiquare.
Bisweilen hat der Erfolg der Netzbuchhändler auch überraschende Folgen: Der Dresdner Online-Antiquar Wölki expandiert derzeit wieder vom Datennetz in die Welt real existierender Antiquariate, um seine Knauserkundschaft besser zu erreichen. Fast 30 Elbeteam-Ladengeschäfte hat er in den vergangenen Monaten eröffnet, die meisten davon in den neuen Bundesländern - viele in ehemaligen Konsum-Läden. Insgesamt sollen es bald achtzig werden, darunter auch einige im Westen.
Jeder dieser Bücher-Konsums bietet über zehntausend Secondhand-Bücher. Doch die meisten Titel befinden sich immer noch auf den Bildschirmen der jeweils zwei bis drei Internet-Rechner, die im Laden stehen. Hier können die Kunden per Mausklick weitere Billigbücher aus dem Dresdner Lager ordern.
Denn viele der besten Internet-Buchkunden sind nicht nur für Neubücher, sondern auch für einen eigenen Netzanschluss zu sparsam.