Hörbücher Die gestundete Zeit
Gustaf Gründgens beherrschte die Kunst des Sprechens in geradezu gespenstischer Perfektion, aus seinem "Mephisto" perlt Abgrundböses zunächst heiter heraus, um dann mit einzelnen Wörtern in Höllentiefen zu stürzen - "Hätt ich mir nicht die Flamme vorbehalten, / Ich hätte nichts Aparts für mich". Eine Stimme wie ein Messer in einer Scheide aus Samt, dem Hörer graut vor ihr, mit wohligem Schauder.
Im Mephisto hatte Gründgens seine Paraderolle gefunden. Wie er sich als solcher aufführte, lässt sich nun wieder hören: Als erstes Hörbuch überhaupt kam 1954 eine Sprechplatte der Deutschen Grammophon (DG) mit Gründgens "Faust"-Inszenierung heraus. Mit der Box "Gustaf Gründgens - Das komplette Schallarchiv" mit 17 CDs begeht
die DG nun das Jubiläum fünfzig Jahre Hörbuch.
"Die Pressekonferenz vom 16.2.1951", so schlicht nennt sich eine Doppel-CD, doch Gründgens machte aus seiner Pressekonferenz eine Inszenierung, ein Husarenstückchen, mit dem er sich gegen Verwaltungsbürokratismus - erfolgreich - zur Wehr setzte. Berühmte Monologe, "Sein oder Nichtsein" und die Rede des Marcus Antonius - sind ebenso zu hören wie Gründgens' Lesungen.
Als Gegenschnitt bietet sich das Hörbuch "Der Wendepunkt" an, Klaus Manns Autobiografie (Hörverlag, 13 CDs). Das Verbot von Manns "Mephisto"-Roman wurde nie aufgehoben (auch wenn er als Taschenbuch heute erhältlich ist), die Nähe von dessen Protagonisten Hendrik Höfgen zu Manns Ex-Schwager Gründgens war unübersehbar.
Gründgens setze die Reihe der Komplettwerke fort, sagt Bert Petzold, Programmleiter Hörbuch bei der Deutschen Grammophon, die im vergangenen Jahr für ihre großartige Kinski-Gesamtaufnahme die Auszeichnung "Hörbuch des Jahres 2003" bekam. "Das ist unsere Messlatte", so Petzold, "mit Gründgens wollen wir das wiederholen."
Mit dem Titel der zweiten Jubiläumsbox, "Das gesprochene Wort - 50 Aufnahmen aus 50 Jahren", gibt die DG ihr Programm vor: kaum aufwendige Hörspiele, dafür wird die puristische Annäherung an Literatur gepflegt. "Wir wollen zeigen, dass große Sprechkultur eine starke Tradition hat", so Petzold, denn nicht erst seit dem Hörbuch-Boom der vergangenen Jahre, sondern schon vor 20 und 30 Jahren "haben Autoren Stimmen bekommen" - ihre eigenen oder die von prominenten Sprechern. Max Frisch gibt in der Jubiläumsbox leicht schweizerisch seinen "Gantenbein", Peter Handke referiert seltsam blechern über "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt", und Siegfried Lenz liest mit etwas trockenem Studioton aus "So zärtlich war Suleyken", um nur einige zu nennen. Es gibt vieles vom Stammsprecher Will Quadflieg, Maria Becker raunt mit tragischem Ton Goethe, Kleist und Lasker-Schüler, während von Maria Wimmer große Bühnenmonologe zusammengestellt wurden - eine CD in der Art einer Anthologie: "Die schönsten italienischen Opernarien".
Auch der Münchner Hörverlag setzt auf historische Preziosen und begann mit dem Projekt "Dichterstimmen". Drei CDs präsentieren Autorenlesungen der sechziger Jahre, zu hören sind unter anderen Andersch und Bernhard, Kaschnitz und Koeppen.
Was von heutigen deutschsprachigen Autoren in diesem Jahr auf Hörbüchern herauskommt, ist dagegen von bescheidener Qualität. Sicher, Wladimir Kaminers Vortrag ("Ich mache mir Sorgen, Mama", Random House) gibt den in gedruckter Form oft banal wirkenden Geschichtchen die Spontaneität der öffentlichen Performance zurück, aus der sie bei diesem Autor fast immer entstehen; wer einmal Kaminer gehört hat, wird im Stillen dessen Texte mit russischem Akzent murmeln.
Die 14-stündige Wiedergabe von Sven Regeners neuem Roman "Neue Vahr Süd" (Roof Music) über den jungen Herrn Lehmann, der zum Bund muss, geben ein Sittengemälde der achtziger Jahre. Den Gegenentwurf hat Jörg Thadeusz geschrieben: "Rette mich ein bisschen" (Eichborn) erzählt vom Dasein eines Zivildienst leistenden Rettungssanitäters. Der Autor trägt seinen Text mit trockenem, fast schon melancholischem Humor vor und bleibt in weiser Distanz zu sich.
Diese Eigenschaft geht Benjamin von Stuckrad-Barre leider völlig ab. Sein "Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft (Remix 2)" (Eichborn) ist so geschwätzig, wie schon der Titel fürchten lässt. Er versammelt schwer erträgliche Küchentischgespräche und Live-Telefonate.
Aus diesem Mittelmaß an Themen und Stilen ragt eine Aufnahme heraus: Für die Deutsche Grammophon inszenierte Ulrich Lampen Thomas Hettches "Der Fall Arbogast". Die düstere Geschichte - sie geht auf einen historischen Fall aus dem Jahr 1953 zurück - handelt vom Justizirrtum um den Tod einer jungen Berliner Anhalterin im Schwarzwald. Sie ist hochspannend, ohne künstlich dramatisiert zu sein. Ein Hörspiel mit Geräuschen von Autos und dem Aufbrechen des Brustkorbs auf dem Seziertisch. Hettches schlanke Sprache wird unter anderem von Andrea Sawatzki und Christian Berkel schlicht und rein dargeboten.
Eher schwer verdaulich wirkt dagegen Raoul Schrotts "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde", von Michael Farin für den Bayerischen Rundfunk und den Hörverlag klug bearbeitet. Die verworrene Geschichte um die Insel Tristan da Cunha im kalten Südatlantik, die sich über Jahrhunderte hinzieht und in gedruckter Form bei Schrott über 700 Seiten dehnt, wurde auf einige zentrale Sätze reduziert (3 CDs). Untermalt von spröden Einzelklängen, kalter Tiefseemusik mit wimmernden Geigen, tragen Christian Redl, Jens Harzer und andere den Roman in freudlos-depressiver Tonlage vor. Perfekt für depressive Novemberabende.
Wie erfreulich anders sieht es dagegen im Club der toten deutschen Dichter aus. Großartige Tondokumente werden den Hörern wieder zugänglich gemacht, große Werke in Neuaufnahmen vor dem Versinken bewahrt. Eine davon ist Thomas Bernhards "Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft" (Hörverlag), vorgetragen von Thomas Holtzmann. Er liest die Sätze des manischen Wortwiederholers, als wäre es die allereinfachste Umgangssprache.
Hörenswert sind zwei Aufnahmen zur DDR-Autorin Brigitte Reimann (Der Audio Verlag). Die Hörspielcollage "Ich bin so gierig nach Leben" mit Renan Demirkan schneidet Tagebuchaufzeichnungen und Zitate aus ihrem Roman "Franziska Linkerhand" gegeneinander und erhellt so ein Dasein zwischen Lebensgier, Schreibdrang, politischen Zweifeln und hinderlichem Alltag. Jutta Hoffmann liest die Tagebücher der Dichterin, die 1973 im Alter von 39 Jahren starb - im gleichen Jahr wie die nur sieben Jahre ältere Ingeborg Bachmann.
Als ersten Teil einer großen Bachmann-Edition hat der Hörverlag die frühen Gedichte und Prosatexte ausgegraben, teilweise 1952 aufgenommen im Anschluss an die Tagung der Gruppe 47 in Niendorf. Mit karger Stimme, bebend fast, tieftraurig und zurückgenommen spricht die Bachmann ihre Gedichte. Ihr Vortrag der "gestundeten Zeit" dauert nur eine gute Minute und wiegt doch schwerer als manche mehrstündige Lesung lauer Literatur. "Jag die Hunde zurück. / Wirf die Fische ins Meer. / Lösch die Lupinen! / Es kommen härtere Tage" - der O-Ton der Dichterin kann auch Hartgesottene erschüttern.
Den Gegenentwurf zum Purismus der Autorenstimmen bietet "Otherland" von Tad Williams, vom Hessischen Rundfunk zusammen mit dem Hörverlag produziert und laut Verlag das "größte Hörspielprojekt der Radiogeschichte". Für 24 Stunden Laufzeit gingen neben Sophie Rois, Nina Hoss, Meret Becker und Rufus Beck weitere rund 200 Sprecher ins Studio, um die Science-Fiction-Saga über eine virtuelle Multimedia-Gesellschaft im 21. Jahrhundert aufzunehmen. (Radiopremiere am 10. Oktober auf hr2). Fantasy-Freunde finden so was wahrscheinlich gut. An dasselbe Publikum richtet sich die Vertonung des Öko-Thrillers "Der Schwarm", vom Autor Frank Schätzing selbst inszeniert (Hörverlag).
Aber nichts wiegt all dieser Aufwand gegenüber der "Ilias", gelesen von Rolf Boysen. Auch Hörbücher sind ja für Leser da, und wer nicht liest, wird schwerlich den Weg zum Hörbuch finden. Doch so wie Lesezeit im Alltag in Minuten und Stunden zusammengespart werden muss, so beanspruchen auch Hörbücher ihren Teil der Lebenszeit: gestundete Zeit. Die Vorstellung, man könne während des Zuhörens zusätzliche Arbeiten erledigen, ist irrig. Gute Hörbücher fordern volle Aufmerksamkeit, und für schlechte ist das Leben zu kurz. Wer sich auf den Live-Mitschnitt von Rolf Boysens Lesung im Residenztheater München (Hörverlag) einlässt, für den ist keine Minute vertane Zeit.
Der hohe Theater-Ton, der kein Hörspiel als Hintergrund braucht, kann ganz allein eine Geschichte erzählen und tragen - auch die größte Geschichte.