Klassiker Thomas Mann und sein Morgenland
"Erika Mann - Eine jüdische Tochter", nennt Viola Roggenkamp ihr Buch - und führt die Leser ein wenig in die Irre. Denn es geht der Autorin keineswegs nur um Thomas Manns Älteste, sein "kühnes, herrliches Kind". Durchleuchtet wird - wieder mal - die ganze Familie.
Mit dem Jüdischen stellt Viola Roggenkamp allerdings einen bislang kaum beachteten und für die Manns äußerst heiklen Aspekt in den Mittelpunkt ihrer biografischen Erkundungen. Denn Erikas Mutter Katia war zwar jüdischer Herkunft, aber als Jüdin hat sie sich nie verstanden. "Unsinn, alles Unsinn", habe die Mutter entsprechende Fragen stets abgewehrt und sei bei dem Thema "immer vollkommen rasend" geworden, erinnerte sich die jüngste Mann-Tochter, Elisabeth Mann Borgese.
"Worüber ich schreiben will", beginnt Viola Roggenkamp deshalb ihr Buch, "hätte Erika Mann nicht gefallen, und ihrer Mutter Katia Mann auch nicht." Der Leser sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Viola Roggenkamp erzählt vom alltäglichen Antisemitismus im Kaiserreich und vom verdrucksten Umgang mit dem Jüdischen nach 1945 in Deutschland.
Dies wie auch die Beispiele zum Antisemitismus im Hause Mann machen ihr Buch auch für diejenigen lesenswert, die sich nicht unbedingt für jede neue Wendung in der Mannschen Familienhistoriografie interessieren.
Seit der Reichsgründung von 1871 waren Juden in Deutschland ihren christlichen Landsleuten zwar rechtlich gleichgestellt. Doch Schmähungen und Benachteiligungen blieben alltäglich. "Gleichberechtiger deutscher Staatsbürger war man eigentlich nicht als Jude geworden, sondern nur als der Jude, den die Deutschen für einen Deutschen halten konnten", schreibt Roggenkamp.
Katia Mann hat früh erfahren, welche Demütigung es bedeutet, nicht dazuzugehören. In ihren "Ungeschriebenen Memoiren", aus denen Viola Roggenkamp zitiert, schildert sie eine charakteristische Szene in Münchens sogenannter feiner Gesellschaft. Die Gastgeber, ein Ehepaar Stuck, hätten ihre Besucher auf drei Tische verteilt. Einen für die Aristokraten, einen für "alle besseren Leute, auch meine Eltern und mich", und einen dritten für "den Abhub, Leute, die sie meinten, niemandem zumuten zu können". Und wer war das? "Ein Universitätsprofessor und seine Frau", beide "rein jüdisch".
Nun war Hedwig Pringsheim - ebenso wie ihre Tochter Katia - evangelisch getauft, aber der Vater, Alfred Pringsheim, blieb Zeit seines Lebens der jüdischen Gemeinde verbunden. Mochten andere Juden sich taufen lassen in der Hoffnung, so dem grassierenden Antisemitismus zu entfliehen. Er verweigerte diese "geschmeidige Unterwerfung" - und zahlte dafür einen Preis. Obgleich der Mathematiker in der Fachwelt angesehen und bei seinen Studenten beliebt war, berief die Universität München ihn, den Ungetauften, nie zum ordentlichen Professor.
Diese Zurücksetzung des Vaters mag Katia Mann darin bestärkt haben, ihr jüdisches Erbe so rigoros zu verleugnen. "Katia und ihre Brüder", schreibt Viola Roggenkamp "waren als Juden allem Jüdischen gegenüber in einer sich beständig erneuernden Abwehr."
In der Familie Mann wirkte das Tabu fort. Auch Erika, so Roggenkamp, sei es zeitlebens nicht möglich gewesen, "das Jüdische losgelöst vom Antisemitismus zu denken".
Dazu beigetragen hat sicher ihr übermächtiger Vater, "der Zauberer", wie sie ihn zärtlich und voller Bewunderung nannte. Thomas Mann, ganz Kind seiner Zeit, war von antisemitischen Ressentiments keineswegs frei. Zahlreiche Textstellen in seinen Werken belegen das. Von "Herablassung" und einem "Hang, die Juden in minderwertige Positionen abzuschieben", spricht die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger.
Was allerdings das jüdische Erbe in seiner Familie anging, so schwankte der Schriftsteller zwischen Faszination für das Exotische, das er im Jüdischen auch sah, und dem Wunsch, diese Familienbande ganz zu leugnen. "Kein Gedanke an Judenthum" komme bei Katias Eltern auf, rechtfertigte er sich nach seiner Heirat im Februar 1904 in einem Brief an seinen Bruder Heinrich. "Nichts als Kultur" spüre man stattdessen "bei diesen Leuten".
Wie ambivalent sein Verhältnis zur jüdischen Herkunft seiner Frau war, zeigt sich auch in anderen Formulierungen. Das Wort Jude mied er meist, wenn von den Seinen die Rede war. Stattdessen wählte er verschwiemelte Sprachbilder aus dem Reservoir westlicher Orient-Klischees. Mal nannte er seine Frau "Prinzessin des Ostens" und pries deren "elfenbeinerne Schultern", die, "anders als die unserer Frauen, Schultern von Flötenspielerinnen, Schultern des Niltals" seien. Dann wieder schwärmte er vom "Morgenland", das seine Kinder "im Blute hegen".
Gleich nach der Geburt seiner Ältesten allerdings berichtete er Bruder Heinrich: "Die Kleine, die auf Wunsch der Mutter Erika heißen soll, verspricht, sehr hübsch zu werden. Momentweise glaube ich, ein klein bisschen Judenthum durchblicken zu sehen, was mich jedes Mal sehr heiter stimmt."
Das Bekenntnis hat Tochter Erika offenbar gar nicht gefallen: In der von ihr zusammengestellten dreibändigen Edition der Briefe des Vaters fehlt dieses Schreiben.