Klassiker: Kleine Mysterien für alle - DER SPIEGEL
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Klassiker Kleine Mysterien für alle

Das Mozartjahr 2006 kündigt sich an: Die Neuerscheinungen mehren sich zum 250. Geburtstag des Komponisten. Etliche davon sind empfehlenswert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So nüchtern Friedrich Schiller bei Lebzeiten den Komponisten beurteilt hatte - zur Totenfeier des Dichters am 12. Mai 1805 erklang wie selbstverständlich "vor und nach der Rede eine Trauermusik aus Mozarts Requiem". Ein Klassiker beerdigt den anderen: fast schon symbolisch für das, was sich diesen Herbst in deutschen Buchläden beobachten lässt. Held Schiller, dessen 200. Todestag erst im Mai begangen wurde, ist passé, der neue Name lautet Mozart.

Für den fliegenden Wechsel am Jubiläumstisch drängt auch die Zeit. Schon am 27. Januar jährt sich der Geburtstag des Salzburger Tongenies zum 250. Mal; wenn Herbst- und Weihnachtsgeschäft da noch etwas einbringen sollen, müssen Autoren und Verlage sich sputen.

Die Experten vom Kasseler Bärenreiter-Verlag beispielsweise haben Mozart bald in allen Größen parat. Pünktlich zur Buchmesse bringen sie als Flaggschiff ein massives "Mozart-Handbuch" heraus, in dem elf Fachleute auf über 700 Seiten das aktuelle Wissen bilanzieren, daneben ein halb so dickes Studienbuch aus der Feder des Musikwissenschaftlers Ulrich Konrad und ebenfalls aus Konrads Werkstatt ein "Mozart-Werkverzeichnis".

Mehr noch: Gemeinsam mit dem Deutschen Taschenbuch Verlag druckt Bärenreiter eine Sonderausgabe der kompletten "Briefe und Aufzeichnungen" Mozarts nach; als Zugabe gibt es einen aktualisierenden Anhangsband. Alle, die schon immer mal Mozarts kurios verspielte und oft seltsam zotige Briefe an sein "Bäsle" Maria Anna Thekla oder die Korrespondenz mit Vater Leopold nicht nur häppchenweise, sondern komplett und im Original kennen lernen wollten, bekommen nun die seit Jahrzehnten gültige Standardedition auf neuestem Stand zum Schnäppchenpreis geboten.

Wer erst einmal schnuppern will, wird dagegen von Reclam gut versorgt: Dort hat Dietrich Klose ein Bändchen aus lauter Originaltexten zusammengestellt, das sich knapp und ehrlich "Mozart zum Vergnügen" nennt. Nahezu auf jeder Seite belegt dieser günstige Überraschungshappen, zu welch ausgelassenem Humor und welch erstaunlicher Weisheit der lebenslustige Musiker fähig war.

Neugierige hingegen, die jetzt aus gegebenem Anlass ein kluges Buch über Mozart lesen wollen, haben es erheblich schwerer, so viele neue Biografien und Werkporträts stehen an.

Ein warnendes Motto für die Schwemme hat der Jubilar Ioannes Chrysostomos Wolfgang Theophilus, den erst die Familiengewohnheit zum "Amadé" machte, schon selbst geliefert: "Um beyfall zu erhalten", beklagte er sich 1782 bei seinem Vater Leopold, "muß man sachen schreiben die so verständlich sind, dass es ein fiacre (Kutscher) nachsingen könnte, oder so unverständlich - dass es ihnen, eben weil es kein vernünftiger Mensch verstehen kann, gerade eben deswegen gefällt."

Zum Glück ist keiner der Autoren, die sich schon jetzt in Buchform um Wesen, Werk und Weg des Salzburger Wundermusikers gekümmert haben, in solche Extreme des Obskurantismus oder Populismus verfallen. Zu akribisch sind die Dokumente gesichtet, zu lange schon die vielen finsteren Geschichten um Mord und Gift in ihrer Dürftigkeit durchschaut; aus Mozarts erschreckend kurzem Erdendasein und seinem Tod an "hitzigem Frieselfieber", wie es in der Sterbeurkunde heißt - medizinisch ist die Diagnose bis heute unklar -, lässt sich kein Thriller mehr machen. Auch steile neue Deutungsthesen scheint das Jubiläum bislang nicht zu provozieren.

Wahre Mozart-Freunde werden es sogar begrüßen. Schließlich ist das Bekannte komplex genug; die stattliche Reihe großer, selbst schon klassisch gewordener Werkbiografien von Otto Jahn, Hermann Abert, Alfred Einstein, Erich Schenk, Bernhard Paumgartner und Maynard Solomon hat es lange bewiesen. Wer Mozarts Leben reichhaltiger erzählen will als Altmeister Joseph Heinz Eibl (der 1977 in einer Chronik die Tatsachen im Tages-Stakkato auflistete) oder Gernot Gruber (der jüngst alles Wesentliche auf 144 Seiten gebündelt hat), muss ohnehin wählen: mehr Leben oder mehr Werk, mehr Charakterfahndung oder mehr Klangrätsel.

Piero Melograni hat sich für das Erste entschieden. Sein Buch von 2003, das jetzt in solider Übersetzung bei Siedler erschienen ist, nennt sich schlicht "Eine Biographie" und will nicht mehr sein als das: ein erzähltes Leben, von der prekären Wunderkind-Existenz in der Obhut des ehrgeizigen, geschäftstüchtigen Vaters Leopold über die Jahre als Tonlakai des Salzburger Fürsterzbischofs Colloredo bis zum letzten Jahrzehnt freien Komponierens in Wien. Hier werden Freimaurerlogen erwähnt, dort kommt der Opernbetrieb zur Sprache - so bahnt sich Melograni anhand der Originaldokumente und sparsam zitierter Fachliteratur eine Schneise durchs Faktendickicht; die Tonwerke umflackert dabei kaum mehr als ein "magisches Feuer der Größe".

Musikfreunden wird das sicher nicht genügen. Doch für Einsteiger bietet Melogranis behutsame Übersicht gut dosierte, lesbar geordnete Information. Mozarts Sohn Carl Thomas, der sich 1844 von den Tantiemen des väterlichen Werks in Oberitalien ein Landgütchen leisten konnte, ist dabei ebenso wenig vergessen wie das geliebte Hündchen der Familie.

Auch Veronika Beci lässt "Pimpes" auftreten. Doch dann tut sie des Netten erheblich zu viel: fast vier engbedruckte, zitatengespickte Seiten für ein kleines Terrierweibchen, samt Exkurs über Hundehaltung im 18. Jahrhundert, alles unter der befremdlichen Rubrik "Haustiere und Dienerschaft" - so wird der Fleißbeweis zur Lachnummer. Auch sprachlich ist das Buch über "Die Familie Mozart" eher unbeholfen geraten ("Die Oper ist bekannt, doch sei zur Erinnerung ihr Plot noch mal kurz resümiert"). Da können die brav kompilierten Schlusskapitel über das weitere Lebensschicksal Constanze Mozarts und ihrer Söhne nicht mehr viel retten.

Ähnlich bemüht arrangiert die Berliner Dozentin Claudia Maria Knispel ihren Mozart-Band - nur versucht sie auf gerade mal 200 Seiten zwischen vielen meist schwarzweißen Bildern auch die Kultur der Epoche zu skizzieren und ein langes Kapitel über "Mozart-Bilder", also die Wirkungsgeschichte, unterzubringen. Das Ergebnis ist ein zähflüssiges Ragout halbverdauten Wissens, garniert mit Stilblüten ("Die bildnerische Auseinandersetzung mit Mozart stand im 18. Jahrhundert ganz im Zeichen des Porträts") - keine Konkurrenz für Gernot Grubers gediegenes, nun als Taschenbuchausgabe auch deutlich preisgünstigeres Bild-Text-Panorama im Insel Verlag.

Flotten Lesestoff findet der Neuling dagegen im Kurzporträt des funkerprobten Journalisten Clemens Prokop. In respektlosem Ton und kurzen Sätzen bereitet er Mozarts Lebensweg kenntnisreich fürs Internet-Zeitalter auf - samt fensterartig eingeblendeten Erläuterungen, allerlei Bildchen und Blickfang-Wörtern in Blau. Pech für Prokop, dass seine durchaus überzeugende Leitmetapher vom "Spieler" Mozart dann doch in der Luft hängt: Ob der oft stattlich entlohnte und dennoch regelmäßig klamme Komponist tatsächlich Geld verspielt hat, dieses hartnäckige Gerücht ist bislang noch nie durch Dokumente erhärtet worden.

Lernen kann man solche Details - inmitten vieler weiterer Forschungsergebnisse - aus dem Buch von Martin Geck. Der Dortmunder Musikwissenschaftler, von Fach-Insidern als ein letzter Generalist seiner Zunft bestaunt, weiß genau, dass es schier aussichtslos ist, dem Rätsel Mozart gerecht werden zu wollen. So praktiziert er in seinen 24 Kapiteln - zwölf zum Leben, zwölf zum Werk - einen Stil, den er "zärtliche Wissenschaft" nennt: Plaudernd, persönlich und doch stets mit profunder Kenntnis führt er durch den mozartischen Kosmos, in dessen Mittelpunkt er einen munteren (aber keineswegs nur fröhlichen) Harlekin am Werk sieht.

Als Biografie lässt sich Gecks wortreiches Buch kaum lesen; allzu oft schwenkt der Blick voraus und zurück. Doch wer anregende Einsichten über Mozarts OEuvre sucht, ist hier richtig: Endlich riskiert wieder einer, der im Grunde unfassbaren Meisterschaft, dem Moment genialer Klangerfindung nachzuspüren. Gecks Abschnitte zu den sogenannten Haydn-Quartetten oder über die vier letzten großen Symphonien animieren derart lustvoll zu genauem Hinhören, dass der Plattenschrank oder am besten eine Konzerthalle bei der Lektüre in Reichweite sein sollte.

Mozarts Komponieren ist für Geck "eine Tätigkeit, bei der man Gedanken einem Pool entnimmt und nach Gebrauch wieder zuführt". So hat er auch sein Buch geschrieben: kaleidoskopisch, schweifend, stets bereit, sich überraschen zu lassen.

Beim Heidelberger Professorenduo Dieter Borchmeyer und Jan Assmann überwiegt eher akademische Würde. Dafür jedoch ist ihnen etwas geglückt, das auf dem Jubiläums-Buchmarkt eine Rarität bleiben dürfte: Parallel haben sie über denselben Künstler, ja dasselbe Genre geschrieben, die Buchumschläge ähneln einander zum Verwechseln, beide widmen ihr Opus dem Freund - und dennoch ergänzen sich die Bücher nahezu perfekt.

Auf den ersten Blick hat Borchmeyer, 64, dabei den heikleren Part erwischt: eine Studie zu den sieben großen Opern vom "Idomeneo" bis zur "Zauberflöte" unter dem Titel "Mozart oder Die Entdeckung der Liebe" - das klingt verwegen, und wer das Vorwort aufschlägt, wird sogleich mit dem "Umbruch im Ehe- und Liebesdiskurs" der späten Rokoko-Epoche überfallen. Auch später leistet sich der Germanist und Theaterwissenschaftler gern ein paar verbale Kraftmeiereien ("intermediäres Auftreten", "Dissimulationspraxis").

Doch der Kathederprunk sollte niemanden abschrecken. Fängt Borchmeyer erst einmal an, über das Erwachen der Liebe, das riskante Verführungsspiel der beiden Paare in "Così fan tutte" oder weibliche Furien wie die Königin der Nacht zu erzählen, dann zeigt sich: Hier wirbt ein begeisterter Kenner und Liebhaber um Gleichgesinnte.

Allein der Abschnitt zum "Don Giovanni" ist eine kulturhistorische Tour de force, in der durch dicke Firnisschichten späterer Umdeutung - von E. T. A. Hoffmann und Søren Kierkegaard bis heute - ein vermeintlicher Groß-Erotiker als der Wüstling entlarvt wird, der er ursprünglich sein sollte. Wenn es etwas nützt, hat Borchmeyer mühelos Lessing, Wagner oder Thomas Mann zum Vergleich parat, ebenso Baudelaire oder den spätantiken Philosophen und Musiktheoretiker Boethius. Auch die Forschung ist im Anmerkungsteil sorgsam verarbeitet.

Besonders pfiffig geht das Kapitel über die "Zauberflöte" zu Werk: Es ist ganz im Blick auf Goethe, ja nahezu aus dessen Sicht geschrieben. Weimars Theaterchef begeisterte sich für Mozarts Oper so sehr, dass er aus dramatischem Wetteifer eine Fortsetzung begann. Allein im Blick auf dieses Fragment entschlüsselt Borchmeyer Mozarts märchenhaftes Spiel um Prinz Tamino und seinen derb-drolligen Gefährten Papageno als eigenständigen Mythos aus der Kraft der Musik.

Das Spiel über die Bande hat natürlich einen Grund: Borchmeyers Freund Jan Assmann, 67, Ägyptologe und Traditionstheoretiker von internationalem Ruf, wählt in seiner Mozart-Hommage die "Zauberflöte" als Zentrum. Für ihn ein scheinbar entsagungsvoller Plan - denn "Die Egyptischen Geheimnisse" (wie einst eine Hamburger Zeitung das Opernspektakel schon vor der Uraufführung ankündigte) haben mit dem wirklichen Ägypten außer ein paar pyramidalen Dekorationen eigentlich nichts zu tun. Zwischen Geisterwelt und Utopia sei Mozarts Werk angesiedelt, erläutert Assmann: in einem märchenhaften Nirgendwo.

Gerade darum aber wird der Ägyptologe, bestens bewandert in den Schattenzonen der Überlieferung, dann doch ein idealer Begleiter durch die exotische Welt Sarastros und der sternflammenden Königin. Was Emanuel Schikaneder, Mozarts Librettist und Theaterdirektor, in dem lange für abstrus erklärten Text der "Zauberflöte" tue, erläutert Assmann überzeugend, sei hochaktuell gewesen: Es stehe in direkter Verbindung zu Mysterienforschungen, die um die Entstehungszeit der Oper in Wiens Freimaurerkreisen großes Interesse auslösten.

In der Loge "Zur wahren Eintracht" entwickelte 1785 ein Mitbruder namens Kreil entsprechende "wissenschaftliche" Theorien: Die Einweihungskulte der Antike mit ihren seltsamen Zeremonien, Hieroglyphen und verschleierten Bildern hätten dazu gedient, ein Wissen aus ferner Urzeit symbolisch zu bewahren - auch wenn schon damals niemand mehr den Klartext der Botschaft gekannt habe. Dieses Zeichensystem, einst von Priestern in geheimen Höhlen gehütet, werde nun "vielleicht in unserem Orden fortgepflanzet", erklärte der Bundesbruder. In seinem Publikum saßen aller Wahrscheinlichkeit nach auch Mozart und dessen Vater.

Mitarbeiten an der Wahrung und Weitergabe einer verborgenen Weisheit, deren Bedeutung sich erst irgendwann einem ganz und gar Erleuchteten neu offenbaren würde: Was hätte den erlösungssüchtigen Sinnsuchern und Reformern des späten 18. Jahrhunderts verlockender erscheinen können? Bis in einzelne Wort- und Tonwendungen verfolgt Assmann, wie die "Zauberflöte" mit diesen Motiven spielt und sie im Licht aufklärerischen Tugendglaubens neu arrangiert.

Selbst der Dauerjux um den tumben, verfressenen und schwatzhaften Papageno passt da ins Bild: Der Vogelmann verkörpert den simplen Volksglauben, der sich aus Freimaurersicht mit "Kleinen Mysterien" zufrieden geben muss und kann. Prinz Tamino dagegen und auch seine Pamina werden nach etlichen Prüfungen schließlich in den esoterischen, hier aber aufklärerisch gemeinten Zirkel der wahrhaft Wissenden aufgenommen.

Spielerisch und mit vielen Widersprüchen geht es in der "Zauberflöte" zu, wie Assmann nachweist. Ein allegorischer Plan, den schon so mancher der Oper entlocken wollte, sei hingegen nicht am Werk - falls nicht die ungeheure, nie verebbte Faszination des Weihespiels selbst als magische Formel gelten kann.

Auch musikalisch verfolgt Assmann im klugen Wechsel von Detail und Hintergrundinformation, mit welchen Tricks Mozart auf der inneren Klaviatur seines Publikums zu spielen wusste: Für den bizarren Gesang der beiden geharnischten Wächter beispielsweise, die am Schluss der Oper die Prüfung des Liebespaars durch Feuersglut und Wasserflut ankündigen, verfremdete er kurzerhand einen lutherischen Choral.

Assmanns geistesgeschichtliche Spurensuche mit ihren Seitenblicken auf Mozarts übriges Werk ist bislang der originellste Buchbeitrag zum großen Jubiläumsjahr, auch deshalb, weil sie sich bei aller Gründlichkeit nur als Einstieg begreift: Kein gedrucktes Wort könnte den erlösenden Zauber des Klangs einholen. Schon in der "Zauberflöte" selbst wird diese Erkenntnis hörbar, fast nebenbei. Kurz vor Schluss singt das hohe Paar: "Wir wandeln durch des Tones Macht / Froh durch des Todes düstre Nacht."