Lesezeichen Die Pionierin und ihr "Land"
Die heute 77-jährige Pak Kyongni kam durch ihren vielbändigen Romanzyklus "Toji" (Land), der zwischen 1969 und 1994 entstanden ist, zu hohem Ansehen. Drei Bände dieser monumentalen Familiensaga liegen inzwischen in deutscher Übersetzung beim kleinen Osnabrücker Secolo Verlag vor, sieben weitere sind in Planung.
Seit langem gilt Pak Kyongni in Korea als Kandidatin für den Literaturnobelpreis. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis in einem Land, in dem Schriftstellerinnen noch bis vor einigen Jahren in einer von Männern dominierten geistigen Landschaft an den Rand der Literatur gedrängt wurden?
Der herablassende koreanische Ausdruck für von Frauen geschriebene Literatur lautete bis vor kurzem "Yoryu", "weibliche Strömung" - er hatte stets den faden Beigeschmack von Minderwertigem und Unwichtigem. Auch Paks literarische Verarbeitung der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte wurde lange als übermäßig persönliche Frauenliteratur abgetan, weil die Kriegerwitwe und Alleinernährerin ihrer Familie darin allerlei autobiografische Erfahrungen eingewoben hatte. Immerhin galt Pak Kyongni aufgrund ihres kritischen Blicks auf die Gesellschaft damals schon als die "männlichste" unter den "Yoryus". Von heute aus betrachtet hatte die Diskriminierung der jungen Schriftstellerin Pak Kyongni auch ihr Gutes: Ohne diesen Stachel wäre sie womöglich nicht über das Autobiografische hinaus zu ihrem reifen, historisch-fiktiven Stil gelangt.
Zu Beginn der sechziger Jahre schaffte Pak mit ihren beiden Romanen "Die Töchter des Apothekers Kim" (deutsch bei Pendragon) sowie "Markt und Krieg" (deutsch bei Secolo) den Durchbruch zur literarischen Anerkennung. "Die Töchter" gilt als Vorläufer von "Land". Darin tritt zum ersten Mal die Stärke der Autorin hervor, das Historische mit fiktiven Helden der nationalen Überlieferung zu besetzen: Das Folkloristische wird in eine anspruchsvolle Handlung eingebunden.
Diese Erzählweise wird in "Land" ins Extrem getrieben. Mehr als 700 Personen, davon allein 150 Hauptfiguren über drei Generationen hinweg, agieren zwischen 1897 und 1945, dem Jahr der Befreiung Koreas von der japanischen Besatzung. Im Roman wird die Kolonialzeit mit dem Verfall des Alten ebenso verarbeitet wie die Aufnahme des Neuen, vor allem des westlichen Einflusses. Dies spiegelt sich in den verschiedensten Schicksalsschlägen der einst mächtigen Adelsfamilie Tschhö und der Bauern von Phjongsari wider.
Inzwischen ist der abschätzige Ausdruck "Yoryu" nahezu vollständig aus der Mode gekommen. Seit Anfang der neunziger Jahre spricht man sogar vom Beginn eines "Zeitalters der Autorinnen". Eine der Ursachen liegt darin, dass nach jahrzehntelangen Diktaturen in Südkorea Ende der achtziger Jahre endlich eine Liberalisierung einsetzte. Die politisch-sozialen Themen und Werte beherrschten nicht länger das Denken. Auch in der Literatur wuchs der Raum für private Themen, für die Tücken des Alltags und für die Widersprüchlichkeit von Gefühlen; lauter Dinge, in denen Frauen zu Hause sind.
Eine Reihe von Schriftstellerinnen der jüngeren Generationen schufen preisgekrönte Bücher und wurden mit vorderen Plätzen auf den Bestsellerlisten belohnt. Die Pionierin Pak genießt inzwischen in Korea sogar höheres Ansehen als ihre männlichen Kollegen; ihr Erfolg ermutigt und motiviert junge Schriftstellerinnen.
Paks derzeitiger Wohnort, die hundert Kilometer östlich von Seoul gelegene Stadt Wonju (275 000 Einwohner), hat der Schriftstellerin ein Museum und ein Kulturinstitut mit Tagungsräumen und Unterkünften gewidmet. Und das Dorf Phjongsari, der Handlungsort des Romans, ist zu einer touristischen Attraktion geworden. Koreas Literaturkritiker stritten wie bei keinem anderen Werk darüber, ob "Land" historisch oder rein fiktiv zu verstehen ist. Die Erzählform des Zyklus, die traditionelle und moderne Elemente vereint, sichert ihm seinen besonderen literarischen Rang.
Die meisten Koreaner glauben, der Zyklus "Land" könne nur von ihnen entschlüsselt werden. Tatsächlich sind einzelne seiner Elemente, wie die Charakterisierung von Figuren durch Dialekte, in einer anderen Sprache nur eingeschränkt wiederzugeben.
Im Ganzen gesehen aber zeigt die deutsche Ausgabe, dass wahre Literatur von der Nationalität ihrer Urheber unabhängig ist. Die Koreaner haben aus ihrer Geschichte und aus ihrer philosophischen Tradition heraus die Einstellung entwickelt, dass es darauf ankommt, das Schicksal anzunehmen und ohne Groll zu überwinden. Wer diese Haltung, "Han", verstehen will, der muss "Land" lesen.