Sachbücher: Das deutsche Desaster - DER SPIEGEL
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Sachbücher Das deutsche Desaster

Warum nicht zusammenwächst, was zusammengehört.
Von Ulrich Schwarz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Nacht, als die Mauer fiel, lagen sich wildfremde Menschen in Berlin weinend in den Armen. Kurz darauf sagte Willy Brandt die geflügelten Worte: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört."

Schnee von vorgestern. Selten hat sich ein Prophet so geirrt wie der große alte Mann der Sozialdemokratie. 16 Jahre danach sind die Deutschen-Ost den Deutschen-West so fremd wie eh und je.

Den Westdeutschen sind die teuren Kosten der Einheit lästig, sie machen den Osten mitverantwortlich für den Niedergang der gesamten Republik. Die Ostdeutschen fühlen sich als Deutsche zweiter Klasse, sie haben die Wiedervereinigung dringend gewollt und fühlen sich nun verraten und verkauft. 25 Prozent der Westler wünschen sich nach einer Umfrage vom Frühjahr die Mauer wieder, und selbst 12 Prozent der Ostler sehnen sich zurück nach der sozialistischen Wärmestube DDR.

Die Lage im Osten ist in der Tat desolat, Besserung nirgends in Sicht. Das ehemalige SED-Land gleicht weithin einer Industriebrache, die Arbeitslosigkeit ist mit rund 20 Prozent doppelt so hoch wie im Westen, wer kann, macht sich davon. Vor allem die Mobilen und die Jungen suchen ihre Chance dort, wo schon ihre Eltern zu DDR-Zeiten das Glück gesucht haben. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern entvölkern sich ganze Landstriche. Zurück bleiben die Alten, die Arbeitslosen, die Unbeweglichen. 47 Prozent der erwachsenen Ostdeutschen bestreiten ihren Lebensunterhalt überwiegend aus staatlichen Transferleistungen.

"Ostdeutschland ist ökonomisch unterentwickelt, in weiten Teilen ohne Chance und Perspektive, hängt finanziell am Tropf des Westens und droht ernstlich zum deutschen Mezzogiorno zu werden." Der Satz steht in einem verdienstvollen Sammelband, den die ostdeutschen Journalisten Hannes Bahrmann und Christoph Links zum 15. Jubeltag der Einheit herausgebracht haben. Unter dem treffenden Titel "Am Ziel vorbei" analysieren insgesamt 22 Autorinnen und Autoren, die meisten in der DDR sozialisiert, die zumeist trostlose Befindlichkeit der Ostdeutschen anno 2005.

Große Schuld an der Misere gibt Ulrich Busch, einst leitender Mitarbeiter der DDR-Staatsbank, der westdeutschen Habgier bei der Währungsunion: Von der übereilten Währungsumstellung von 1990 bis heute sei die westdeutsche Wirtschaft "einziger Gewinner" gewesen. Busch unterstellt dem Westen pauschal, er habe die DDR-Wirtschaft nicht sanieren, sondern zerstören wollen: "Der Ruin war beschlossene Sache."

Der Ökonom Jörg Roesler, ehemals Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, begründet den bösen Verdacht mit dem Wirken der Treuhand, die das ostdeutsche Produktivvermögen sehr einseitig zu Nutz und Frommen westdeutscher Firmen und Investoren umverteilt habe: "Bis Mitte 1994 fielen 80 Prozent des von der Treuhandanstalt verwalteten ehemals ostdeutschen Produktivvermögens an Westdeutsche, 14 Prozent an Ausländer und 6 Prozent an ehemalige DDR-Bürger." Ostdeutsche, ehemalige Manager volkseigener Betriebe oder risikobereite Belegschaften etwa, bekamen kaum eine Chance.

Die Beispiele sind symptomatisch für den misslungenen Einheitsprozess. Präzise listet Rolf Reißig - in den achtziger Jahren einer der wenigen eigenständigen Denker an der Akademie der Gesellschaftswissenschaften, dem Braintrust der SED - die Kardinalfehler auf.

Das demokratische System der BRD, so Reißig, wurde den Ostdeutschen, die 40 Jahre in einem diktatorischen System gelebt hatten, einfach übergestülpt. Anschluss hieß das Zauberwort, Anschluss an eine Gesellschaft, in der angeblich alles zum besten bestellt war, die keine Reform nötig hatte. So sah es die politische Klasse der Bundesrepublik, angeführt vom selbstgefälligen Kanzler Kohl:

  • der Versuch, ostdeutsche Identität über eine neue Verfassung ins neue Gesamtdeutschland einzubringen - abgeblockt. Das Grundgesetz, so der Tenor aus allen Parteien, ist nicht verbesserungsbedürftig -, es ist perfekt.


  • das Bestreben der Ostdeutschen, ihr Eigentum und damit sowohl ihr Selbstwertgefühl als auch ihre ökonomische Basis zu erhalten - durch die fatale Formel des Einigungsvertrages "Rückgabe vor Entschädigung" ausgehebelt.


  • die ökonomische Stabilisierung der ostdeutschen Wirtschaft durch behutsame Privatisierung und Sanierung - durch die Treuhand unterlaufen. "Der Irrglaube an den sich selbst heilenden Markt", so der Ost-Berater der Bundesregierung Klaus von Dohnanyi, "war fatal."
"Kontinuität und Stabilität der alten Bundesrepublik", resümiert Reißig, "hatten Vorrang vor möglichen Neuerungen, Wandlungen und Reformen in der sich formierenden gesamtdeutschen Bundesrepublik."

Die Folge: Das westdeutsche Modell ist bis heute in den Lebenswelten der Ost-Bürger relativ schwach verankert - weil von außen auferlegt und gesteuert.

Wann wächst endlich zusammen, was zusammengehört? 2019 läuft der Solidarpakt aus. Bis dahin hat die Republik mehrere hundert Milliarden Euro an Alimente für das Einheitsprojekt aufgebracht. Ab dann soll sich der Osten selbst ernähren. Doch wie?

Reißig und Dohnanyi fordern ein gesellschaftliches Umsteuern, einen überfälligen Strategie- und Perspektivwechsel. "Die Leitfrage", schreibt Reißig, "kann nicht mehr länger sein, wann endlich die Angleichung und Anpassung Ost an West vollzogen sein wird. Ostdeutschland braucht einen neuen Entwicklungspfad." Aber welchen?

Und Dohnanyi konstatiert lapidar: Der Aufbau Ost bleibt das zentrale Thema der Zukunft im Interesse Gesamtdeutschlands. Aber mehr als vage Appelle haben auch Reißig und Dohnanyi nicht zu bieten.

Die Politiker aus dem Westen (Ostdeutsche spielen bis heute keine tragenden Rollen im System) haben nicht einmal das. Bis 2019 ist noch lange hin. Dann sind die jetzt Regierenden nicht mehr im Amt. Nach uns die Sintflut!

Im verflossenen Wahlkampf kam der Osten nur als Sumpfblüte vor: Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm machte die Ossis aufgrund ihrer langen "Proletarisierung" durch die SED pauschal mitverantwortlich dafür, dass eine Mutter in Frankfurt (Oder) ihre neun neugeborenen Kinder getötet haben soll. Edmund Stoiber schimpfte seine Landsleute im nahen Osten "Frustrierte", die nicht den Wahlausgang bestimmen dürften.

Jens Bisky, Autor des Buches "Die deutsche Frage. Warum die Einheit unser Land gefährdet", ist sich in der Analyse mit den Autoren des Bahrmann/ Links-Bandes weitgehend einig: "Der Nachbau der Bundesrepublik in den neuen Ländern ist misslungen. Deutschland ist ökonomisch, sozial, politisch und kulturell geteilt." Und: "Es gibt keine Aussicht auf Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West."

Doch Biskys Kassandrarufe sind weitaus kräftiger und polemischer. Den neuen Ländern, so seine Warnung, drohe "in drei Jahren schon, wenn die Transfers allmählich verringert werden, ein Kollaps, dessen Ausmaß das Vorstellungsvermögen der meisten von uns übersteigen dürfte". Angesichts der Milliarden, die der Staat immer weiter mit geringstem Erfolg in den Osten pumpt, fragt der Sohn des PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky süffisant: "Kann es sinnvoll sein, jedes Jahr aufs Neue eine Wüste zu bewässern und dann festzustellen, dass doch nur in ein paar Oasen etwas Vorzeigbares gedeiht?"

Auch Bisky hat statt handfester Lösungen nur hilflose Formeln parat. Er nennt lediglich "vier Schwerpunkte vernünftiger Vereinigungspolitik". Vordringlich wäre es, "der Bildung endlich den Stellenwert einzuräumen, der ihr zukommt". Dann müsste die Politik die West-Ost-Transfers und den Sozialstaat "neu organisieren" und, drittens, die Ostdeutschen darauf vorbereiten, dass ihre Gesellschaft demnächst ständig schrumpft. Dabei empfiehlt Bisky, Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", viertens, "innerdeutsche Gelassenheit".

"Ost und West", so seine Bilanz, "stehen vor der gemeinsamen Aufgabe, Abschied von Sicherheit und Wachstum zu nehmen, an die sie beide auf unterschiedliche Weise geglaubt haben und gegenwärtig weiter glauben wollen."

Schön und gut. Aber wer soll diese Sisyphosaufgabe schultern, wenn die Politik so kläglich versagt? Biskys Antwort ist für einen, der wie er in der SED-Nomenklatura groß geworden ist, einigermaßen verblüffend: "Nur ein politisch waches Bürgertum kann die neue Einheit auf die Tagesordnung setzen."

Wo, um Himmels Willen, gedeiht diese Spezies in unserer Gesellschaft?