Sachbuch: Dekorateure der Diktatur - DER SPIEGEL
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Sachbuch Dekorateure der Diktatur

In der Doppelbiografie "Auf den Wassern des Lebens" beschreibt die Publizistin Carola Stern, wie Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe von hochbezahlten Günstlingen des NS-Regimes zu Publikumslieblingen auch im Nachkriegsdeutschland wurden.
Von Karen Andresen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 in Berlin die Macht ergreift, spielt Gustaf Gründgens abends im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt den Mephisto. Draußen marschieren SA und SS mit Fahnen, Fackeln und Kampfliedern durch die Innenstadt. Drinnen verfolgen die festlich gekleideten Theaterbesucher gebannt, wie Faust den Pakt mit dem Teufel schließt. Die Symbolik dieses denkwürdigen Abends wird den wenigsten damals aufgegangen sein.

Noch dauert es etwas mehr als ein Jahr, bis auch Gustaf Gründgens seinen Teufelspakt eingeht: 1934 wird der brillante Schauspieler und Regisseur Intendant der renommierten Bühne am Gendarmenmarkt. Zusammen mit seiner späteren Frau, der Schauspielerin Marianne Hoppe, ist er fortan Aushängeschild der nationalsozialistischen Machthaber. Hoppe repräsentiert in zahlreichen Filmen den Prototyp der Nazi-Traumfrau - blond, fügsam, opferbereit.

Wie sehr die beiden Stars die Menschen beeindruckten, weiß Carola Stern noch aus eigener Erfahrung. Gründgens und Hoppe, schreibt sie in ihrer Doppelbiografie, seien die Helden ihrer Jugend gewesen. Die beiden hätten sie in ihrer "Begeisterung für den ,Führer'-Staat" immer wieder neu befeuert und "durch ihre großartigen künstlerischen Darbietungen die Sicht auf den wahren Charakter des Regimes" verstellt. "Dekorateure der Diktatur" nennt Stern ihre Lieblinge von einst rückblickend.

Die Nazis belohnten den Einsatz des Künstlerpaares mit fürstlichen Gagen. Bis zu 280.000 Mark kassierte Gründgens jährlich, Marianne Hoppe brachte es auf Tagessätze von 1500 Mark.

Das komfortable Leben im Unrechtsstaat hatte seinen Preis. Hermann Göring wollte umschmeichelt, Joseph Goebbels hofiert werden. Und wenn aus der Reichskanzlei angerufen wurde, um im Namen des "Führers" zum Essen zu laden, habe sie sich jedes Mal zur "Puppe gemacht", berichtet Marianne Hoppe später über ihre Zeit bei Hofe der NS-Potentaten.

Illusionen darüber, was die Nazi-Herrschaft bedeutet, konnte sich das Paar von Anbeginn an nicht machen. Schon gleich nach der Machtergreifung werden viele, die sie geliebt oder mit denen sie zusammengearbeitet haben, außer Landes gejagt. Auch Gustaf Gründgens fühlt sich zeitweilig wegen seiner homosexuellen Neigungen von den Nazis bedroht und flieht in die Schweiz. Göring, damals Ministerpräsident in Preußen, holt ihn zurück, ernennt ihn zum Preußischen Staatsrat und unterstellt ihn damit seinem persönlichen Schutz.

Klaus Mann, dessen Schwester Erika in den zwanziger Jahren mit Gustaf Gründgens verheiratet war, hat Deutschland schon im März 1933 verlassen. Dreieinhalb Jahre später setzt der Sohn von Thomas Mann seinem einstigen Schwager in dem Roman "Mephisto" ein bitterböses Denkmal - als unsympathischer Schleimer und gewissenloser Profiteur der braunen Brut.

Carola Stern geht mit ihren beiden Protagonisten nachsichtiger um. Die bald 80-Jährige, die als Heranwachsende begeisterte NS-Jungmädelführerin war, weiß um die Verführbarkeit von Menschen in Diktaturen. Sie zeigt Verständnis dafür, dass Gründgens und Hoppe in Deutschland weiterhin auftraten, und blickt hin und wieder erstaunlich milde auf das Künstlerehepaar. Je länger sie sich mit beider Leben beschäftigt habe, schreibt die Autorin, umso unsicherer sei sie sich in ihrer Beurteilung geworden. Ihr Resümee: "Es gibt nicht nur die eine, alles andere ausschließende Wahrheit, sondern mehrere Wahrheiten, die immer wieder Zweifel an den eben gewonnenen Gewissheiten hervorrufen."

Stern würdigt, wie sehr sich Gründgens und Hoppe für bedrängte Freunde und Kollegen einsetzten. Aber sie beschönigt auch nicht, wie schamlos das Paar mit dem NS-Regime kollaborierte - bis zuletzt. Noch im November 1944 schließt Gründgens einen neuen Vertrag ab - mit einer Laufzeit bis 1950 und der Aussicht auf ein sattes Ruhegeld danach.

Auch wenn die Nazis diese Vereinbarung nicht mehr erfüllen konnten - um ihre Zukunft mussten sich die beiden Schauspieler keine Sorgen machen. Die Deutschen, nach dem Ende des Nationalsozialismus von kollektiver Amnesie befallen, jubelten ihnen ungebrochen zu. 1953 erhält Gründgens das Bundesverdienstkreuz.

"Der einstige Göring-Günstling", so Stern, "repräsentiert nun im Ausland den Adenauer-Staat."