Hörbücher: Frauenstimmen für Hörerinnen - DER SPIEGEL
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Hörbücher Frauenstimmen für Hörerinnen

Die zündende Idee, mit starken Identifikationsfiguren als Vorleserinnen die weibliche Kundschaft zu erobern, hat den Hörbuchmarkt umgekrempelt.
Von Barbara Schaefer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frauen kaufen selten Hörbücher, das war bekannt; Männer fahren häufiger und länger Auto, das gilt als einer der Gründe. Wie bringen wir Frauen zum Hörbuch, fragte sich Karl-Heinz Pütz, Geschäftsführer von Random House Audio. Redakteurinnen von "Brigitte" - die Frauenzeitschrift gehört wie Random House zum Bertelsmann-Konzern - wussten Rat: "Starke Stimmen".

Die CD-Cover ihrer Hörbuch-Edition präsentieren nicht vorrangig Autoren oder Romane, sondern Namen und Fotos der Sprecherinnen. Die Aufnahmen kosten immer 9,95 Euro, und seien es vier CDs wie bei Corinna Harfouchs Lesung von Christa Wolfs "Kassandra". In der Box der Frauenstimmen sind neben anderen auch Sophie Rois und Heike Makatsch, Eva Mattes und Senta Berger zu hören. Iris Berben bestand darauf, "Bonjour Tristesse" von Françoise Sagan zu lesen, und Elke Heidenreich suchte sich mal wieder die legendäre New Yorker Erzählerin Dorothy Parker aus.


"Nein, mit diesem Erfolg habe ich nicht gerechnet", Pütz will das Schmunzeln gar nicht unterdrücken. Die "Brigitte"-Edition "Starke Stimmen" beherrscht die Bestsellerlisten: Im "Buchreport" vom August belegen Einzelproduktionen daraus 11 von 15 Plätzen, im Branchenmagazin "BuchMarkt" sind 11 unter den ersten 17. Die ganze Box mit 12 Hörbüchern hat sich gut 40.000-mal verkauft, einzelne CDs daraus über 100.000-mal. Dabei zählt normalerweise schon eine 10.000-mal verkaufte Einspielung als Bestseller. Margrit Osterwold von Hörbuch-Hamburg stellt fest: "Wenn ich 5000 Stück von einem Hörbuch verkaufe, das ist gut." Und Claudia Baumhöver (Der Hörverlag) präzisiert, wenn etwas so Komplexes wie ihre Musil-Edition "Der Mann ohne Eigenschaften - Remix" (20 CDs und ein 700-seitiges Booklet) eine Auflage von 2500 Stück erreiche, sei auch das durchaus ein Bestseller.

Einzelne Ausreißer mögen einen anderen Eindruck erwecken - so im selben Verlag die "Harry-Potter"-Produktionen (rund zwei Millionen Exemplare der fünf Bände), "Der Herr der Ringe" (350.000) und Frank Schätzings "Der Schwarm" (50.000) oder bei Hörbuch-Hamburg der "Polarexpress" von Ellen Weiss mit 40.000 Stück und als unverwüstlicher Klassiker Thomas Manns "Buddenbrooks" (Deutsche Grammophon) mit 50.000. Generell aber gilt, wie Petra Lölsberg von Argon sagt, ein Hörbuch als erfolgreich, "wenn es ein Zehntel der Verkaufszahlen des Hardcovers erreicht".

Der neue Hörbuchverlag Argon gehört zum Holtzbrinck-Konzern und bringt Novitäten ersten Ranges, allesamt aus den Konzern-Verlagen: Jonathan Franzens "Schweres Beben", Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah" und Nicole Krauss' "Die Geschichte der Liebe". Birgit Vanderbeke liest selbst ihr "Sweet Sixteen", eine um Aktualität bemühte Geschichte von Jugendlichen, die aus der Realität flüchten wollen - al- Qaida, iPod und andere Gegenwartsphänomene inklusive. Die herbe Stimme von Karoline Eichhorn grundiert kleine, verhaltene Erzählungen von Zsuzsa Bánk. Mit ernstem Ton nähert sich Jan Josef Liefers der "Erstaunlichen Geschichte des" als Greis geborenen und immer jünger werdenden "Max Tivoli", mit der US-Autor Andrew Sean Greer Furore machte. Ganz anders dagegen bewältigt Liefers T. C. Boyles "Dr. Sex" (Der Hörverlag): hauchend, dozierend, treibend, zögernd - eine Lesung, die alle Register zieht.

Auffallend viele belletristische Novitäten erscheinen in diesem Jahr zeitgleich mit der Printausgabe oder kurz nach ihr bereits als Hörbuch. Wie aber kommt man an die Lizenz für "Zorro" von Isabel Allende? "Da fahren Sie zu Carmen Balcells nach Barcelona, der Literaturagentin der spanischsprachigen Welt", so Claudia Baumhöver vom Hörverlag. Hörbücher zeitgleich mit dem Buch herauszubringen, sei jedoch ein großer Aufwand. Das "Zorro"-Manuskript habe sie kapitelweise bekommen und dafür einen männlichen Sprecher ausgesucht. Erst am Ende stellte sich heraus, "dass es eine weibliche Erzählerin braucht".

Ulrich Matthes ging für zwei belletristische Novitäten ins Studio; dem Hörverlag lieh er seine grandiose Sprechkunst für ausgewählte Kapitel von Amos Oz' autobiografischer "Geschichte von Liebe und Finsternis". Ein Höhepunkt dieser Aufnahme ist die bewegend erzählte Passage über die namenlose Verzweiflung des Jungen beim Selbstmord der Mutter. Für die Deutsche Grammophon las Matthes "Die Vermessung der Welt", Daniel Kehlmanns furiosen Roman über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.

In der Generation der jüngeren Sprecher reicht Matthes, der gerade von "Theater heute" zum Schauspieler des Jahres gekürt wurde, als Einziger an die Virtuosität eines Rolf Boysen oder Thomas Holtzmann heran. Er spielt mit seiner Stimme, jongliert mit dem leicht singenden Bühnenton, er bietet die reine Kunst des Sprechens, die die längsten Sätze trägt. Zudem kann der Käufer ungehört zugreifen: Wo Matthes draufsteht, ist immer Reinkultur drin.

John Grishams "Die Truhe" würde Matthes wohl nicht einspielen, das hat Charles Brauer übernommen (Random House Audio): In einer Box mit 36 CDs liefert er routiniert die Erfolgsthriller ab, darunter Spitzentitel wie "Die Firma", "Der Richter" und "Das Urteil".

Kann sich eine Stimme abnutzen? Bei Christian Brückner besteht die Gefahr, er war Warren Beatty und Robert Redford und vor allem immer wieder Robert De Niro. Aber der Synchronsprecher Brückner pflegt auch eine Leidenschaft für Literatur. Zusammen mit seiner Frau gründete er sein eigenes, umfangreiches Hörbuchlabel Parlando (Hoffmann und Campe) und erhielt dafür den vom WDR verliehenen Deutschen Hörbuchpreis 2005 in der Kategorie "Das besondere Hörbuch".

Brückners unverwechselbare Stimme klingt immer leicht gepresst, manchmal zu betont männlich, nie aber betulich. Erstaunlicherweise lauscht man ihm lieber bei Adalbert Stifters "Brigitta" als etwa bei Joseph Conrads "Herz der Finsternis": "Brigitta" ist weit genug entfernt von amerikanischen Kinohelden, so wirkt das Timbre einer Stimme, die vom Synchronisieren allzu bekannt ist, wieder frisch. Parlando-Bestseller ist auch Sándor Márais "Die Glut".

"Ich glaube, man hört mir gern zu", sagt der Ich-Erzähler der "Liebesblödigkeit" (Hoffmann und Campe), und Autor Wilhelm Genazino selbst liest herausragend das Lamento des freischaffenden Apokalyptikers, der mit zwei Frauen gesegnet oder gestraft ist. Das weiß er nie so genau.

Vielleicht werden Frauen nun auch dieses Hörbuch kaufen. Gut zwei Drittel der Käuferinnen der "Brigitte"-Edition, so der Random-House-Mann Pütz, haben noch nie zuvor ein Hörbuch gekauft. Nun aber seien Frauen als Käuferschicht gewonnen. "Das tut der ganzen Branche gut", glaubt er.

"Das muss die Konkurrenz, wenn auch nicht neidlos, zugeben. Claudia Baumhöver, Verlegerin des Hörverlags, gesteht: "Zu gern hätten wir das gemacht. Ich wusste sofort, dass das phantastisch gut läuft." Die "Starken Stimmen" seien eine sensationelle Punktlandung, sie bringen "richtig Aufmerksamkeit für das Medium". Bert Petzold, Programmleiter der Deutschen Grammophon, erkennt, die Bestsellerbox bringe Menschen zu literarischen Texten, "die sicher nicht von sich aus zu dem jeweiligen Buch gegriffen hätten". Bedenklich werde es allerdings, wenn der Handel durch die Präsentation einzelner "aggressiv beworbener Verkaufsaktionen" vergesse, dass eine gute Hörbuchabteilung die Vielfalt der Produktionen widerspiegeln sollte.

Durch günstige Sonderausgaben hätten sich die Bedingungen des Marktes "radikal verändert", warnt Margrit Osterwold von Hörbuch-Hamburg. Jeder durchforste nun die Liste seiner lieferbaren Titel, drucke ein neues Cover und verkaufe alte Aufnahmen billiger. Schwierig sei es jedoch mit neuen Produktionen: "Von Fritzi Haberlandt gibt es bei 'Brigitte' Irmgard Keun und bei mir Amélie Nothomb." Beide seien keine besonders berühmten Autorinnen, über den Erfolg entscheide darum die Sprecherin. Osterwolds Aufnahme kostet 24,90 Euro, die von "Brigitte" 9,95 Euro, "da habe ich keine Chance".

Der Preis sei "ein heikles Thema", räumt Pütz ein. Man habe nicht "die Aldisierung auf allen Gebieten" vorantreiben wollen, sondern speziell auf den "Erst-Kontakt mit dem Medium" abgezielt. Bei einer Aufnahme wie Rüdiger Safranskis Schiller-Biografie (Random House Audio) spiele es keine Rolle, ob sie 5 oder 30 Euro koste - die wolle man haben oder nicht. Wer aber noch nie ein Hörbuch gekauft habe, dem seien 20 Euro zu teuer.

Die "Brigitte"-Edition wird im Frühjahr 2006 weitergeführt, die Branche lauscht den "Starken Stimmen" mit gemischten Gefühlen.