Rohstoff-Krieg "Ölschock in Zeitlupe"
SPIEGEL: Mr. Yergin, Europa hängt von russischem Erdgas ab, Venezuela und Bolivien verstaatlichen ihre Ölindustrie, Iran droht mit der Ölwaffe. Wie sicher ist die Energieversorgung der Welt?
Yergin: Wir leben in einem neuen Zeitalter der Versorgungsangst. Diese Angst zeigt sich in einem Aufschlag auf den Ölpreis, der zwischen 10 und 15 Dollar pro Barrel liegt. Wir beobachten die Wiedergeburt eines Rohstoff-Nationalismus im Stil der siebziger Jahre, der die Preise treibt. Die Kräfte sind aus dem Gleichgewicht geraten, die Ölexportländer sind heute in einer viel stärkeren Position.
SPIEGEL: Würden Venezuelas Präsident Hugo Chávez oder sein russischer Kollege Wladimir Putin so selbstbewusst auftreten, wenn das Barrel noch immer nur 20 Dollar kosten würde?
Yergin: Wohl kaum, ihre Bedeutung hat sich dramatisch verändert. Es ist nicht mehr als ein halbes Jahrzehnt her, da galt die Ölindustrie als die älteste der Old Economy. Sämtliche Regierungen waren bestrebt, die staatlichen Ölfirmen zu privatisieren, und versuchten verzweifelt, Kapital anzulocken. Sie brauchten das Geld und die Technologie. Heute haben sich die Dinge umgekehrt, die Produzenten haben die besseren Karten.
SPIEGEL: Was sind die Folgen der veränderten Machtverhältnisse?
Yergin: Wir leben heute in einer anderen Welt. Man kann es überall in den internationalen Beziehungen beobachten: Es war zum Beispiel auffallend, dass Chinas Präsident nach seinem Besuch in Washington nach Saudi-Arabien weiterreiste. Und der erste Staatsbesuch des saudi-arabischen Königs Abdullah führte ihn nach Peking. Es gibt eine bemerkenswerte Neuorientierung. Die Russen wenden sich nach Osten zu den Chinesen - zur Überraschung der Europäer. Mir schien es schon immer so, dass sich die Beziehung zwischen Russland und China weniger auf Marx und Lenin gründet als auf Öl und Gas.
SPIEGEL: Es scheint, als verfolge China in seiner Außenpolitik allein den Zweck, seinen gigantischen Bedarf an Energie zu stillen. Wie wahrscheinlich ist ein Konflikt zwischen China, der Supermacht von morgen, und der Supermacht von heute, den USA?
Yergin: Nun, hätte ich die Zeit, einen politischen Thriller oder ein Drehbuch zu schreiben, dann wäre dies ein großartiger Plot. Trotzdem denke ich, dass es sich in der Realität nicht so dramatisch verhält. Es ist kein Nullsummenspiel. Die Chinesen sind neue Akteure in der Weltwirtschaft, sie haben Rohstoffe sehr nötig. Es wäre viel beunruhigender, wenn sie auf ihren Hunderten von Milliarden Dollar in der Zentralbank sitzen blieben und das Geld nicht ausgäben, um in die Exploration zu investieren und Öl-Barrel zur Versorgung der Welt hinzuzufügen.
SPIEGEL: Aber die Chinesen offenbaren ein anderes Geschäftsgebaren, wenn sie um Förderprojekte konkurrieren. Sie bieten sogar Waffen an, was ein westliches Unternehmen natürlich nicht kann.
Yergin: Es können Anlagen sein, es können Eisenbahnen sein, es können Bauprojekte sein. Aber schauen Sie sich einmal Angola an: Die Chinesen haben dort eine Menge Geld ausgegeben, um Zugang zu bekommen, aber sie sind dort nur ein Akteur unter vielen anderen. In einigen Jahren werden die Chinesen als normale Akteure der internationalen Industrie betrachtet werden. Ihre Unternehmen müssen ihren Aktionären berichten genauso wie den chinesischen Behörden. Sie müssen profitabel wirtschaften, sie müssen effizient sein. Gewiss brauchen die Chinesen Rohstoffe, aber ich glaube kaum, dass sie Interesse an einem Konflikt mit den Industriestaaten haben: Dort liegen immerhin die Märkte für ihre Waren.
SPIEGEL: Chinas Hunger nach Öl macht den Energiemarkt umkämpfter als je zuvor. Wie können die Öllieferanten diese steigende Nachfrage befriedigen?
Yergin: Ich glaube, die Zeit des Nachfrageschocks ist vorüber. 2004 noch wuchs der Verbrauch in China um bemerkenswerte 16 Prozent. Nun aber gerät die Angebotsseite wieder mehr ins Rampenlicht. Wir erleben gerade auf der Angebotsseite einen Ölschock gleichsam in Zeitlupe, es fehlen etwa zwei Millionen Barrel am Tag. Das hat mit den Unruhen in Nigeria zu tun, aber auch mit den Produktionsverlusten nach den Hurrikanen im Golf von Mexiko, seit dem Irak-Krieg von 2003 und mit dem gesunkenen Ausstoß in Venezuela seit 2002. Wir stehen heute an einem historischen Punkt: Nach einem Vierteljahrhundert ist der große Kapazitätspuffer, der nach den Turbulenzen der siebziger Jahre geschaffen wurde, weitgehend aufgebraucht.
SPIEGEL: Ist die aktuelle Knappheit nur eine Frage von Kapazitäten oder eher eine Frage der Geologie? Es gibt einige Fachleute, die glauben, dass der Höhepunkt, der Peak der globalen Produktion erreicht ist und dass sie nun relativ schnell abfällt.
Yergin: Dies ist nicht das erste Mal, dass der Welt das Öl ausgeht. Es ist wohl eher das fünfte Mal. Zyklen von Knappheit und Überfluss sind charakteristisch für die gesamte Geschichte des Öls. Es gab ähnliche Befürchtungen nach 1880, am Ende des Ersten und des Zweiten Weltkriegs sowie in den siebziger Jahren. Die Menschen unterschätzen stets den Einfluss der Technologie. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: In den Siebzigern konnte man bei der Meeresförderung 200 Meter tief gehen, heute sind wir bei 4000 Metern.
SPIEGEL: Aber nicht mal die aufwendigsten Technologien können verhindern, dass die Produktion in Feldern, etwa in der Nordsee, abfällt.
Yergin: Die Nordsee sollte schon in den Achtzigern am Ende sein, später dann in den Neunzigern. Und nun ist die Produktion noch immer am Laufen. Niemand behauptet, Öl sei unbegrenzt vorhanden, aber Tatsache ist: Der Himmel wird nicht einstürzen. Wir haben eine weltweite Analyse von Ölfeldern vorgenommen, die ergeben hat, dass die Produktionskapazität in den nächsten zehn Jahren um 20 bis 25 Prozent steigen kann, inklusive der Produktion aus nicht-traditionellen Quellen wie den kanadischen Ölsanden sowie der verbesserten Ausschöpfung existierender Quellen.
SPIEGEL: Dann ist die ganze Peak-Oil-Theorie also Quatsch?
Yergin: Das Bild ist irreführend. Treffender wäre es, ein Plateau zu beschreiben, das im vierten oder fünften Jahrzehnt des Jahrhunderts erreicht werden könnte. Nicht die Geologie stellt das größte Hindernis dar, sondern das, was über der Erde geschieht: die internationalen Beziehungen, Politik, Investitionen und Technologie.
SPIEGEL: Wird es nicht immer schwerer und teurer für die Ölfirmen, neue Lagerstätten zu finden?
Yergin: Gewiss, Tiefseeprojekte haben sich seit 2000 um 68 Prozent verteuert. Und es gibt außerdem einen Engpass beim Personal: Wir hatten den Chef eines Ölkonzerns bei einer Konferenz in Houston, der gegen Ende seiner Rede mit einem Lächeln meinte: "Bitte geben Sie Ihren Lebenslauf an der Tür ab!" Am Ende aber geht es immer nur um den Zugang zu Feldern. Das steht ganz oben auf der Agenda der Ölfirmen. In den nächsten Jahren wird sich zwar das Angebot vergrößern, aber nach 2010 wird es sich auf weniger Länder konzentrieren. Das ist der Grund für unser Unbehagen und unsere Sicherheitsbedenken.
SPIEGEL: Die Verbraucherländer werden abhängiger und verletzbarer.
Yergin: Sie müssen ernsthaft darüber nachdenken, wie sie mit der Frage der Energiesicherheit umgehen. Unvermeidlicherweise wird es neue Schocks im Markt geben. Einige Versorgungsunterbrechungen werden in etwa vorhersehbar sein, zum Beispiel koordinierte Attacken von Terroristen oder Aufstände in Lateinamerika, die die Ölproduktion beeinflussen. Andere werden überraschend auftreten: Niemand hat vorhergesehen, in welchem Ausmaß die Stürme im vergangenen Sommer die Anlagen im Golf von Mexiko zerstören konnten.
SPIEGEL: Was können die Industriestaaten tun, um Energiesicherheit zu gewährleisten?
Yergin: Als Erstes müssen wir eine gemeinsame Sprache für Energiesicherheit finden. Dieser Begriff hat je nach Land eine völlig andere Bedeutung. In Amerika ist es vor allem eine geopolitische Frage. In Europa geht es überwiegend um die Abhängigkeit von Erdgas. Der Ausgangspunkt für Energiesicherheit ist heute und war immer die Diversifizierung der Versorgung und der Quellen.
SPIEGEL: Was ist dazu notwendig?
Yergin: Man muss in neue Technologien investieren. Es ist bemerkenswert, wie inventiv man sich heute zum Beispiel dem Ethanol widmet. In vier oder fünf Jahren könnten die USA zehn Prozent ihres Kraftstoffs aus Ethanol gewinnen, das wäre so, als würde ein neuer Förderstaat Indonesien geschaffen. Sogar die Investoren aus dem Silicon Valley geben schon mehr als eine Milliarde Dollar in neue Energietechnologien. Aber das genügt nicht: Um Energiesicherheit zu bieten, braucht man ein Versorgungssystem mit einem Puffer gegen Schocks. Es bedarf großer, flexibler Märkte. Und es ist wichtig, die Tatsache anzuerkennen, dass die gesamte Energie-Wertschöpfungskette gesichert werden muss.
SPIEGEL: Der Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer sagte, dass, die Allianz betreffend, Öl und Gas eine Rolle bei der Verteidigung der Seewege spielen könnte. Das macht ein bisschen Angst.
Yergin: Es demonstriert die Erkenntnis, dass es eine Anzahl von heiklen Punkten auf den See-Transportwegen für Öl und verflüssigtes Gas gibt, die besonders verletzlich sind wie die Straße von Hormus oder der Suez-Kanal. Immer mehr Öl und Gas wird über Grenzen transportiert oder verschifft. Jeden Tag bewegen Tanker etwa 40 Millionen Barrel auf den Ozeanen; 2020 könnten es schon 67 Millionen sein.
SPIEGEL: Diese Sicherheit gibt es nicht kostenlos.
Yergin: Die Sicherung von Pipelines und anderen sensiblen Orten bedarf verstärkter Beobachtung sowie schneller Einsatzkräfte. Der private und der öffentliche Sektor müssen investieren, um einen größeren Grad an Energiesicherheit zu erreichen.
SPIEGEL: Am Ende ist die Versorgung mit Öl und Gas eher eine Frage der Diplomatie als des Geschäfts?
Yergin: In einer Welt wachsender gegenseitiger Abhängigkeit wird Energiesicherheit sehr davon abhängen, wie Staaten ihre Beziehungen handhaben. Deshalb wird Energiesicherheit eine der wichtigsten Herausforderungen der Außenpolitik in den kommenden Jahren sein. Öl und Gas waren immer schon politische Rohstoffe. Aber heute sind sie politischer als in den vergangenen Jahren.
INTERVIEW: ALEXANDER JUNG, GEORG MASCOLO