Indien: "Indien ist reifer, als viele glauben" - DER SPIEGEL
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Indien "Indien ist reifer, als viele glauben"

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie, 59, über sein Verhältnis zu seiner Heimatstadt Bombay, seine literarischen Helden und die Gefahren durch fundamentalistische Scharfmacher in allen Weltreligionen
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Rushdie, Sie sind in Bombay aufgewachsen, einer Stadt, die in Ihrem Werk von "Mitternachtskinder" über "Die satanischen Verse" bis zu "Des Mauren letzter Seufzer" immer wieder auftaucht, liebevoll beschrieben, fast als Idyll des Zusammenlebens.

Rushdie: Das Bombay meiner Jugend habe ich als paradiesisch in Erinnerung. Ich bin in einer toleranten muslimischen Familie aufgewachsen. Ich hatte eine christliche Kinderfrau, und die wollte natürlich Weihnachten feiern. Also hat meine Mutter einen künstlichen Baum gekauft - richtige Weihnachtstannen gab es nicht -, und dann wurden Geschenke daruntergelegt. Alle Glaubensgemeinschaften feierten die Feste der anderen mit. Ich bin das Kind eines Zeitalters, in dem Politiker noch nicht herumlaufen und sich gegenseitig mit ihrer angeblichen Gott-Nähe ausstechen mussten.

SPIEGEL: Sind Sie trotz des Erstarkens extremistischer Hindu-Nationalisten und islamistischer Terroristen optimistisch für die Zukunft Ihrer Heimatstadt?

Rushdie: Ja. Bombay ist sicher nicht charakteristisch für das ganze Land; die meisten Inder halten die Stadt nicht zu Unrecht für materialistisch, vielleicht sogar seelenlos. Es ist die Stadt des Business und die Stadt der Traumfabrik Bollywood, bei der es primär um Geld geht. Im täglichen Leben spielt die religiöse Dimension keine so große Rolle. Meiner Meinung nach macht gerade das die Bewohner dieser Stadt so viel widerstandsfähiger gegenüber Extremismus, als es andere Regionen Indiens sind.

SPIEGEL: Indien ist auf dem Weg zur Weltmacht, mit erstaunlichen Wirtschaftserfolgen, sagen die einen. Immer noch ein Armenhaus mit schreienden sozialen Gegensätzen, sagen die anderen. Wie sehen Sie Ihr Land: als dynamisch innovativ oder als lethargisch rückständig?

Rushdie: Als beides. Es gibt keinen Zweifel daran, dass der indische Wirtschaftsaufschwung ein reales Phänomen ist, es existiert eine neue, große, ziemlich wohlhabende Mittelschicht. Wahr ist aber auch, dass die indische Gesellschaft noch immer furchtbar zerrissen ist, zwischen Stadt und Land, zwischen prosperierenden Regionen und absolut desolaten, wie etwa dem Bundesstaat Bihar. Dort leben die Menschen wie im Mittelalter und werden dazu noch von einer mafiosen lokalen Bande regiert. Wir müssen diese extreme Kluft zwischen Arm und Reich schließen, sonst können die religiösen Extremisten rasch an Boden gewinnen.

SPIEGEL: Und die Korruption ...

Rushdie: ... ist nach wie vor ein Problem. In meinem Roman "Des Mauren letzter Seufzer" definiert eine meiner Figuren Indiens Demokratie als: "ein Mann, eine Bestechung" und spricht von der bei Politikern verbreiteten "indischen Art der Relativitätstheorie" - alles für die "relatives", die Verwandten. Und doch muss ich sagen: Indien ist reifer, als viele glauben. Die Menschen wählen bewusst und konsequent die Korruptesten ab; sie sehen die eigenen Probleme kritisch. Indiens Selbstbild ist so geräumig und so biegsam, dass es eine Milliarde Unterschiede aushalten und integrieren kann. Es ist weit origineller als die alte Idee vom "Schmelztiegel". Nach meiner Meinung wird die Kraft der Idee Indien unterschätzt.

SPIEGEL: Und doch haben Sie einen britischen, keinen indischen Pass.

Rushdie: Den britischen Pass habe ich, seit ich mit 14 Jahren in eine britische Schule kam. Bis jetzt lässt die indische Regierung eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht zu. Ich höre, das ändert sich - und ich will jetzt einen indischen Pass beantragen.

SPIEGEL: Sie fühlen sich als indischer Schriftsteller?

Rushdie: Ja. Ich bin ein indischer Autor, der ziemlich viel in der Welt herumgekommen ist und sich deshalb die Freiheit nimmt, nicht nur über Indien zu schreiben, sondern sich seine Themen auszusuchen. Das unterscheidet mich nicht von anderen Autoren der Diaspora. Graham Greene hat in Südfrankreich gelebt, das hat ihn nicht zu einem Franzosen gemacht, James Joyce in Triest, und er wurde nicht Italiener. Ich glaube, man macht zu viel Aufhebens darum, wo jemand lebt - das Ausland macht einen nicht automatisch entwurzelt oder verwestlicht.

SPIEGEL: Manche indischen Autoren halten alles für "unindisch", was in Englisch geschrieben ist.

Rushdie: Ja, ich weiß. Meine Behauptung, dass Indiens beste Literatur seit der Unabhängigkeit vermutlich in der Sprache der früheren Imperialisten geschrieben worden sein könnte, ist für manche schwer zu ertragen.

SPIEGEL: Verstehen Sie denn Hindi, Tamil und genug andere Regionalsprachen, um das abschließend beurteilen zu können?

Rushdie: Urdu ist meine Muttersprache, und ich verstehe einige Regionalsprachen. Es geht nicht darum, dass auch in diesen interessante Bücher veröffentlicht werden. Aber es ist schon ein bemerkenswertes Phänomen, dass es während der letzten 50 Jahre der britischen Besatzung kaum eine Handvoll lesenswerter englischsprachiger Bücher indischer Autoren gab und danach eine ganz enorme Zahl. Englisch als verbindende Sprache hat offensichtlich an Bedeutung dazugewonnen, nicht verloren. Und der angebliche Verlust an künstlerischer Qualität ist in den Werken der besten dieser Autoren nicht zu erkennen.

SPIEGEL: Dass Nobelpreisträger Rabindranath Tagore in Bengalisch geschrieben hat ...

Rushdie: ... mindert seine Qualität nicht, aber er ist wohl der einzige nicht englisch schreibende indische Autor von Weltruhm. Im Übrigen: In welcher Sprache wir auch schreiben, wir trinken bei vielen unserer Werke aus derselben Quelle - Indien, dieses unerschöpfliche Füllhorn von Geschichten, ernährt uns alle.

SPIEGEL: Wen schätzen Sie von Ihren indischen Kollegen am meisten? V. S. Naipaul, den anderen indischstämmigen Literatur-Nobelpreisträger, der einmal gesagt hat, Indiens kreatives Leben stagniere, "Shiva tanzt hier nicht mehr"?

Rushdie: Natürlich ist er sehr gut, wenn er auch in Bezug auf die stagnierende Kulturszene unrecht hatte. Interessant ist, dass er bei seinen ersten Reisen nach Indien ...

SPIEGEL: ... Naipaul ist in der Diaspora der Karibik aufgewachsen ...

Rushdie: ... viel kritischer mit dem Land umging als heute. Seine Sachbücher "Land der Finsternis" und "Indien - Eine verwundete Kultur" sind Schlüsselschriften, auch weil sie zum Widerspruch reizen. Viele haben ihm die Härte seiner Reaktionen übelgenommen, aber zugleich eingeräumt, dass Naipaul mit seiner scharfen Kritik an Missständen oft den Nagel auf den Kopf traf. "Ich bin anti Naipaul, wenn ich mich im Westen aufhalte, aber zu Hause bin ich häufig pro Naipaul", hat mir einmal ein berühmter indischer Romancier gestanden.

SPIEGEL: Und wen schätzen Sie sonst noch besonders?

Rushdie: Vikram Chandra, Amitav Ghosh, Anita Desai, auch Arundhati Roy. Mein Kollege Vikram Seth und ich sind in buchstäblich jeder Frage verschiedener Meinung, aber das gefährdet nicht unsere enge Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung.

SPIEGEL: Sie haben nach Ajatollah Chomeinis Fatwa aus dem Jahr 1989 praktisch ein Jahrzehnt im Untergrund gelebt ...

Rushdie: ... und ich wollte mich gerade bedanken, dass der Begriff "Fatwa" in diesem Gespräch noch nicht gefallen ist ...

SPIEGEL: ... aber nun doch unvermeidlich ist. Wie sehr Sie es auch hassen mögen.

Rushdie: Ja, ja, ich weiß. Es ist, als wäre etwas weltberühmt, das ich nicht bin. In den Jahren kam es mir manchmal vor, als schrieben andere meine Lebensgeschichte. Aber ich habe das längst hinter mir gelassen. Ich lebe ein freies, normales Leben mit meinen Hauptwohnsitzen New York und London sowie häufigen Reisen in meine Geburtsstadt Bombay.

SPIEGEL: Wissen Sie noch, an welchem Tag die Fatwa ausgesprochen wurde, begehen Sie das jährliche Jubiläum?

Rushdie: Wie könnte ich das Datum aus meinem Gedächtnis streichen - es handelt sich um den Valentinstag. So vergesse ich wenigstens die Blumen für meine Frau nicht.

SPIEGEL: Sie als Experte für Terrorismus ...

Rushdie: Wie komme ich zu der Ehre? So sehe ich mich ganz und gar nicht.

SPIEGEL: Ihr New-York-Buch "Wut" mit seiner Beschreibung eines terrorbedrohten Amerika aus dem Frühjahr 2001 wurde von vielen als prophetisch angesehen, als eine Art Vorwegnahme von Nine-Eleven; Ihr letzter Roman "Shalimar der Narr" schildert die Verwandlung eines Zirkusartisten aus Kaschmir in einen Terroristen, unter anderem in einem Dschihadisten-Camp.

Rushdie: Wenn Sie meinen, das reicht, um mich zum Terrorismusexperten zu machen ...

SPIEGEL: Ja, schon. Sie müssen sich bei Ihren Recherchen und besonders jetzt bei dem gerade noch in London verhinderten Massenmord doch den Kopf darüber zerbrochen haben: Wie werden aus scheinbar normalen, netten Jungs von nebenan Terroristen? Wie ticken diejenigen, die zu tickenden Zeitbomben werden?

Rushdie: Für das weltweite Phänomen des Terrorismus gibt es viele - und viele unterschiedliche - Gründe. In Kaschmir schließen sich manche den sogenannten Widerstandsbewegungen an, weil die ihnen warme Kleidung und eine Mahlzeit verschaffen. In London waren es bei den Anschlägen im letzten Jahr noch junge muslimische Männer, deren Integration in die Gesellschaft gescheitert schien; jetzt haben wir es mit Möchtegern-Terroristen zu tun, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Junge Muslime, die in vielfältiger Weise sogar die Freiheiten genossen haben, die ihnen die westliche Gesellschaft bietet. Es scheint, als spielten gesellschaftliche Diskriminierungen keine entscheidende Rolle mehr, als könnte jeder zum Terroristen werden.

SPIEGEL: Und doch: Es muss Gründe, zumindest aber doch Auslöser geben für diese schreckliche Bereitschaft, das Leben anderer - und das eigene - auszulöschen.

Rushdie: Man muss jeden Einzelfall betrachten. Um etwa zu erfahren, warum sich jemand zum bewaffneten Kampf entschließt, hilft nur die Beschäftigung mit der individuellen Persönlichkeit. Bei Shalimar ist es eine Mischung aus privaten und politischen Gründen.

SPIEGEL: Es spielt gekränkter männlicher Stolz eine Rolle, weil ihm der amerikanische Botschafter in Delhi seine große Liebe abspenstig macht. Es geht aber auch um die Entwicklung von einer multikulturellen Gesellschaft zum Tummelplatz von Terroristen. Um brutale Übergriffe der indischen Armee, die Shalimar in die Hände der Dschihadisten treiben. Haben Sie sich mit dieser Darstellung der kaschmirischen Wirklichkeit keinen Ärger eingefangen?

Rushdie: Erfreulicherlicherweise kaum. Mein Buch wurde in Indien nicht verboten wie damals "Die satanischen Verse" und kurzzeitig, wegen angeblicher Verleumdung eines indischen Politikers, auch "Des Mauren letzter Seufzer". Ich erhielt in meiner alten Heimat euphorische Kritiken und sogar den wichtigsten Literaturpreis. Ich fühle mich als Halb-Kaschmiri diesem verlorenen Paradies besonders zugetan. Proteste blieben vielleicht auch deshalb aus, weil jeder gemerkt hat, wie umfassend ich dort recherchiert habe und wie viel ich von den dortigen Verhältnissen weiß.

SPIEGEL: Ihr Protagonist ist zumindest am Anfang des Romans sympathisch.

Rushdie: Ja. Mir ging es nicht um Schwarzweißzeichnungen: hier der von Anfang an und grundauf verdorbene Täter, dort das unschuldige Opfer. Mir ging es darum, die Entwicklung aufzuzeigen, wie einer in die Fänge der Fundamentalisten gerät. Und wie andererseits die Terrorgruppen nach potentiellen Attentätern Ausschau halten, ihr Umfeld ausspionieren, die Menschen umgarnen und ihre Schwächen ausnützen. Das Buch heißt "Shalimar der Narr", nicht "Shalimar der Killer".

SPIEGEL: Beim Kampf um Kaschmir spielen nationale Fragen eine große Rolle, aber wesentlich auch religiöse. Fürchten Sie die Macht der religiös Radikalen?

Rushdie: Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen sind das Grundübel unserer Zeit. Fast alle meine Freunde sind Atheisten, ich fühle mich nicht als Ausnahme. Wenn Sie sich die Geschichte ansehen, werden Sie feststellen, dass es die Erkenntnis, was gut oder böse ist, immer schon vor den jeweiligen Religionen gab. Die Religionen wurden erst im Nachhinein von den Menschen erfunden, um diese Idee auszudrücken. Ich jedenfalls brauche, um ein moralisches Wesen zu sein, keinen obersten "heiligen" Schiedsrichter.

SPIEGEL: Sie haben unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September 2001 geschrieben: "Um die freien Gesellschaften besser vor dem Terror zu schützen, wird es unumgänglich sein, unsere Rechte einzuschränken."

Rushdie: Ich dachte damals an schärfere Flugzeugkontrollen oder Ähnliches. An lästige, aber sehr überschaubare Einschränkungen. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass die Bush-Regierung darangehen könnte, den Apparat eines autoritären Staates aufzubauen.

SPIEGEL: Hat sie das?

Rushdie: Aber ja. Ich war in den letzten beiden Jahren PEN-Präsident in New York, Vorsitzender der amerikanischen Schriftstellervereinigung. Wir haben uns wieder und wieder mit diesen weitgehenden Angriffen auf die bürgerlichen Freiheiten auseinandersetzen müssen. Und ich weiß, wovon ich spreche: Ich habe aus meiner eigenen Bedrohungsgeschichte heraus durchaus Sympathie für Geheimdiensttätigkeiten entwickelt. Meine Beschützer genießen meine Hochachtung.

SPIEGEL: Geht Bush also zu weit?

Rushdie: Es deprimiert mich zutiefst, dass gegenwärtig die amerikanisch-britische Politik und die arabische Politik einander bestätigen - und zwar in ihren schlimmsten Vorurteilen. Schauen Sie sich den Irak an, den Libanon: Es gibt keine gerechte Seite. Aber gleichzeitig brauchen wir eine moralische Klarheit, wie ich sie bei vielen liberal denkenden Menschen - und ich bin ein Liberaler - in letzter Zeit oft vermisse: eine Klarheit darüber, was richtig und falsch ist.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Rushdie: Ich war immer strikt gegen Blasphemiegesetze, die Religionen vor angeblicher Diffamierung schützen sollen. Es ist völlig in Ordnung, dass Muslime, wie alle anderen, in einer freien Gesellschaft Glaubensfreiheit genießen. Zweifellos gibt es im Westen vielfach reflexartige Reaktionen, die zu vorschnellen antiislamischen Verdächtigungen führen. Absolut nicht in Ordnung ist dagegen, wenn islamische Führer in unseren Ländern fordern, ihr Glaube müsse vor Kritik, Respektlosigkeit, Spott und Verunglimpfung geschützt werden. Auch bösartige Kritik, auch beleidigende Karikaturen - das gehört zu unserer Meinungsfreiheit, zu unseren Grundwerten, denen sie sich beugen müssen, wenn sie mit uns leben wollen.

SPIEGEL: Herr Rushdie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Redakteur Erich Follath