Belletristik Trauer ohne Trost
Es gibt einen Augenblick, kurz nach dem unerwarteten Herztod ihres Mannes, da denkt Joan Didion, sie müsse das Vorgefallene unbedingt mit ihm besprechen. Wie der Angestellte in dem New Yorker Krankenhaus, in das John Gregory Dunne gebracht worden war, sie einen "cool customer" genannt hatte. Und wie es wohl wäre, nicht so beherrscht zu sein? Dürfte sie dann einfach zusammenbrechen? Schreien?
Vier Jahrzehnte lang waren sie ein Ehepaar, das nicht nur zusammen gelebt, sondern auch miteinander gearbeitet hat. Didion, 71, hat sich vor allem als kritische, unberechenbare Essayistin der amerikanischen Geschichte und Gesellschaft ("Spiel dein Spiel", "Das weiße Album") ihren Namen gemacht, Dunne als Journalist und Schriftsteller; als Paar haben sie mehrere Drehbücher für Hollywood-Filme geschrieben.
Aber das Wichtigste, was je zu besprechen war - Johns Tod -, das kann Joan Didion nicht mehr mit ihm teilen.
Stattdessen hat sie ein Buch über die Zeit nach Dunnes Tod im Dezember 2003 verfasst. Es ist ein Buch über ihre Ehe geworden, über ihre Trauer - und ihre Angst um Tochter Quintana, die in einem anderen New Yorker Krankenhaus im Koma lag, als ihr Vater starb, und noch lange dahinsiechen sollte. "Das Jahr magischen Denkens" hat den National Book Award gewonnen und ist in den USA ein unerwarteter Bestseller.
Unerwartet zum einen, weil der Tod in der US-Gesellschaft wohl noch heftiger verdrängt wird als in Europa. Und zum anderen, weil Didion, die klassische Intellektuelle, keine Elegie verfasst hat, die um die Empathie ihrer Leser buhlen würde. Didion schreibt an keiner einzigen Stelle auch nur, dass sie geweint habe. "Das Jahr magischen Denkens" ist einfach ihr Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen - mit den Mitteln, die ihr als Essayistin zur Verfügung stehen. Doch nur wer keine Augen hat zu lesen, wird übersehen, welches Leid unter der Oberfläche ihrer Betrachtungen wühlt.
"Das Leben ändert sich schnell.
Das Leben ändert sich in einem Augenblick.
Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.
Die Frage des Selbstmitleids."
Das sind die ersten Worte des Buches, zugleich die ersten Worte, die Didion nach Dunnes Tod überhaupt getippt hat. Er war am Esstisch zusammengebrochen, als sie den Salat fürs Abendessen anrichtete, und wohl schon tot, ehe der Krankenwagen eintraf. Dunne hatte Vorahnungen gehabt, immer wieder gesagt, dass er nicht mehr lange leben würde. Joan Didion wollte nichts davon wissen. Sein Tod trifft sie mit der Wucht einer Naturkatastrophe.
Auffällig ist, wie unendlich allein Didion zu sein scheint. Zwar erwähnt sie andere Menschen - Verwandte, Freunde, Ärzte -, die ihr beistehen. Aber keiner dringt wirklich zu ihr durch. Der Einzige, der zählt, ist fort. Ihr Leben ist leer.
Sie kämpft mit der Schuld, mit dem Aberglauben, dass sie ihren Mann hätte retten können (aber wie?). Sie bringt es nicht einmal fertig, alle Schuhe Dunnes wegzugeben - worin sollte er dann laufen, wenn er wiederkehrt?
Sie versucht, ihre Trauer mit Recherche zu bekämpfen ("Information heißt Kontrolle"), liest Tagebücher, Romane und Studien, Gedichte, Ratgeber zum Thema Tod und Trauern. Aber auch wenn sie einige ihrer Reaktionen wiedererkennt: Besiegen lässt sich die Trauer nicht. Nur ein Buch mit Anstandsregeln von 1922, das simple Tipps für den Umgang mit Hinterbliebenen anbietet, findet ihre Anerkennung - es zeugt von "einer Welt, in der das Trauern noch wahrgenommen wurde, in der es erlaubt und nicht den Blicken entzogen war".
Einige Monate nach Dunnes Tod erzwingt ein erneuter Zusammenbruch ihrer Tochter Quintana, die zwischenzeitlich aus dem Krankenhaus entlassen worden war, Joan Didions Umzug nach Los Angeles. Dort hatte sie 24 Jahre ihrer Ehe verbracht. Nun pendelt sie jeden Tag zwischen Hotel und Universitätsklinik, in die ihre Tochter als Notfall eingeliefert worden ist - immer bemüht, Orte zu umschiffen, an die Erinnerungen geknüpft sind. Natürlich entkommt sie diesen "Fallen" nicht, und so wird "Das Jahr magischen Denkens" auch eine Chronik ihrer langen, glücklichen Beziehung: der Häuser, in denen Didion und Dunne gelebt haben, der - oft noblen - Hotels und Restaurants, der - oft berühmten - Freunde, der Reisen und beruflichen Erfolge. Wenn es auch Didion keinen Trost spenden mag: Der Leser hat den Eindruck, dass sich hier zwei Menschen ein erfülltes, schönes Leben zusammen geschaffen haben.
"Leid, so stellt sich heraus, ist ein Ort, den von uns niemand kennt, solange wir nicht dort sind", schreibt Didion. Am Ende ihres Berichts von diesem Ort hat die Autorin verstanden, dass sie, um selber leben zu können, den Toten dem Tod überlassen muss. Doch das macht es ihr nicht einfacher, wirklich Abschied zu nehmen.
Kurz bevor "Das Jahr magischen Denkens" in den USA veröffentlicht wurde, starb - im August 2005 - auch Quintana. Joan Didion hat ihren Tod nicht mehr in ihr Buch aufgenommen. "Es ist beendet", sagt sie.