Bildung Für ältere Semester
Karl-Heinz Webel ist 73 und seit ein paar Monaten wieder Student. Der Diplomingenieur sitzt in einem Seminarraum im lippischen Bad Meinberg - vor dem Haus der barocke Kurpark, dahinter ein sorgfältig angelegter "Garten der Sinne", Mittagessen gibt es nicht in der Mensa, sondern gleich nebenan im Hotel "Zum Stern".
Doch trotz Kurortkulisse hat das Seminar "Die Wiederkehr der Infektionskrankheiten" nichts von einem beschaulichen Vortrag für gelangweilte Kurgäste. Dozent Reinhard Bornemann von der Uni Bielefeld scheucht Webel und seine Mitstudenten in sechs Stunden durch Geschichte und Gegenwart der Epidemien - von den biblischen Plagen über Pest und Grippe bis hin zu Aids, Ebola und Sars.
Ingenieur Webel, seit zehn Jahren im Ruhestand, ist einer von rund 35 Immatrikulierten an Deutschlands erster Hochschule nur für ältere Menschen, dem "Europäischen Zentrum für universitäre Studien der Senioren" (EZUS). Seit Anfang August läuft in Bad Meinberg das erste akademische Programm: ein "Studium generale" über sechs Trimester, das Fächer wie Religionswissenschaft, Medizin, Geschichte, Kunst, verschiedene Naturwissenschaften und Gerontologie umfasst und mit einem Zertifikat der Universität Bielefeld endet. Weitere Kurse sind geplant.
"In Zukunft werden wir darauf angewiesen sein, Erfahrung und Engagement älterer Menschen viel stärker zu nutzen", erklärt der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Paul Wolters, Geschäftsführer und Erfinder des EZUS.
Bis zum Jahr 2050, schätzen Experten, wird die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland von heute rund 42 auf weniger als 30 Millionen sinken. Zugleich steigt die Lebenserwartung - der Ruhestand dauert mitunter ebenso lange wie das Erwerbsleben. "Der Bildungsmarkt für ältere Menschen ist eine echte Wachstumsbranche", glaubt Wolters. Seit dem EZUS-Start erreichen ihn regelmäßig Anfragen von Unis, die sein Konzept kopieren wollen.
Zwar ist die Idee des Seniorenstudiums an sich nicht neu: Fast alle Hochschulen gestatten Pensionären, etwa als Gasthörer an Vorlesungen und Seminaren teilzunehmen. Mehr als 20.000 Vertreter der Generation 60 plus sitzen regelmäßig in deutschen Hörsälen; weitere 10.000 haben sogar schon die 70 überschritten.
Doch als Gasthörer müssen sich die Senioren für ein bestimmtes Fach entscheiden und können keinen Abschluss machen. Und nicht immer sind sie hochwillkommen: An der Uni München, an der allein knapp 3000 Senioren eingeschrieben sind, beklagten sich beispielsweise vor kurzem Studentenvertreter über "Behinderungen" ihres Studienablaufs.
Besonders im bei Senioren beliebten Fach Geschichte fühlten sich die nachwachsenden Akademiker von den überpünktlichen Ruheständlern aus den Bänken gedrängt und in Diskussionen an die Wand geplaudert.
"Manchmal dominieren die Gasthörer die Diskussion", räumt EZUS-Leiter Wolters ein, "zum Teil haben sie zeitgeschichtliche Ereignisse ja selbst erlebt und sind älter als der Dozent." Da könne es schon mal sein, dass die betagten Studiosi dem Professor erzählen möchten, wie es wirklich war.
Wolters hingegen wollte eine wissenschaftliche Weiterbildung, die genauer auf die Ansprüche der älteren Klientel zugeschnitten ist als eine Gasthörerschaft im Uni-Alltag. So kommen seine Studenten nur donnerstags und freitags zu ganztägigen Kursen nach Bad Meinberg, den Rest der Woche können sie das Gelernte am heimischen PC aufarbeiten.
"Die Studenten haben Zugriff auf unser Intranet, wo noch einmal alle Dias aus den Vorlesungen und viel zusätzlicher Lesestoff zu Verfügung stehen", sagt Wolters. Nicht alle EZUS-Studenten waren von Anfang an topfit am PC und im Internet, doch mittlerweile, sagt Wolters, kommen alle gut zurecht: "Wir haben eben eine besonders umfangreiche Einführung zum Intranet gemacht."
Beim Studium generale gefällt den Bad Meinberger Studenten vor allem der breite Ansatz: "Ich mache das für mich und fürs Gehirn", erklärt Student Webel, "Ruhestand bedeutet ja nicht morgens Zeitung lesen und dann bis zum Abend vor den Fernseher."
Eine zweite Karriere strebt die erste EZUS-Generation nicht an - einige der Studenten sind sogar weiterhin berufstätig. Reinhard Mühlenhof, 67, leitet noch immer seine Baufirma. "Ich möchte vor allem meinen Horizont erweitern, eine andere Sicht auf die Dinge bekommen", sagt er. "Viele Bereiche haben sich so rasant weiterentwickelt, dass man aktuelles Wissen braucht, um mitreden zu können", bestätigt sein Kommilitone Peter Schneider, 67, Justizoberamtsrat a. D.
Auch Elisabeth Wielage, 57, eine der wenigen Frauen im Seniorenstudium, ist vor allem zum Vergnügen am EZUS. Die gelernte Lehrerin hat wegen ihrer vier Kinder den Beruf aufgegeben. "Jetzt habe ich Zeit und möchte gern was Neues lernen", sagt sie.
Das lassen sich die interessierten Senioren einiges kosten: 400 Euro Studiengebühren zahlen sie pro Trimester, insgesamt 2400 Euro für das zweijährige Studium generale.
Für Michael Schröter, 66, und Harald Wünsche, 68, kommt auch noch die Studentenbude dazu: Einmal pro Woche ziehen sie in eine Bad Meinberger Pension - die tägliche Anfahrt in den kleinen Kurort ist ihnen zu weit.
Schröter, Orthopäde aus Meschede, hat in seinem Leben so viele medizinische Fortbildungen mitgemacht, dass er jetzt "nicht mehr nur ein Fach kennenlernen" möchte. Sein Mitstudent Wünsche, Einzelhändler im Ruhestand, interessierte sich vor allem für Politik und Naturwissenschaften.
Trotz der Begeisterung für die Fächervielfalt soll es am EZUS nicht bei einem rein allgemeinbildenden Studium bleiben. Anfang nächsten Jahres startet das zweite Studienfach. Die Ausbildung zum "Senior Consultant" orientiert sich gezielt am Arbeitsmarkt. "Für die spätberufliche Phase gibt es viel zu wenig Weiterbildungsangebote", erklärt Wolters.
Zahlreiche Unternehmen stellen ältere Bewerber erst gar nicht ein, und auch die eigene alternde Belegschaft wird meist noch vernachlässigt. Erst seit kurzem steuern die Konzerne gegen: Bei der Telekom etwa gibt es seit einem Jahr die Projektgruppe "Age Management", auch andere Firmen entdecken allmählich die älteren Mitarbeiter als Personalressource.
Als Zielgruppe für seine Ausbildung zum Senior-Berater hat EZUS-Chef Wolters ältere Berufstätige und Arbeitslose im Visier. "Für die wachsende Zahl älterer Arbeitnehmer werden künftig ganz neue Weiterbildungsmöglichkeiten gebraucht", erklärt er: "Wir bieten Zusatzqualifikationen in den Bereichen Konfliktmanagement, Moderation oder Change Management an."
Auch ein Wiedereinstieg in den Beruf, hofft Wolters, könnte seinen Consultants glücken. An Interessenten für das nächste Jahr mangelt es nicht; verschiedene Unternehmen aus dem Lippischen haben sich als Sponsoren des Programms gemeldet.
Den Bedarf sehen auch die EZUS-Pioniere: "Ab 55 werden doch viele Arbeitnehmer von jüngeren Kollegen beiseitegedrängt", sagt Senioren-Student Schneider, "insofern ist das hier auch eine Antidiskriminierungsmaßnahme."