Christentum: Lernen unterm Kirchturm - DER SPIEGEL
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Christentum Lernen unterm Kirchturm

Viele Eltern wollen die Ausbildung ihrer Kinder nicht mehr dem Staat überlassen. Während öffentliche Schulen schließen müssen, erleben konfessionelle Lehranstalten einen Gründungsboom.
Von Ulrike Demmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist 7.30 Uhr, als die Glocke ertönt. Im Klostergebäude St. Blasien im Schwarzwald hat die erste Stunde begonnen. Hinter den hölzernen Bänken stehen die Teenager aufgereiht, um ihren Englischlehrer mit einem kräftigen "Good morning" zu begrüßen, Jungen in T-Shirt und Turnschuhen, Mädchen mit Pickeln und Makeup im Gesicht. Philipp, 16, spricht das Morgengebet: "Lord", beginnt er auf Englisch, "help us to feel for each other, help us to listen to each other, help us to love each other, all for your sake. Amen."

Anschließend soll die Klasse Vokabeln zum Thema Hochzeitsnacht zusammenstellen. Die englischen Begriffe für Ehebruch, Hochzeitstorte und Polterabend fallen den Teenagern sofort ein. Bis auch die Vokabeln für Pfarrer, Kirche und alles, was sonst noch so zu einer Hochzeit gehört, an der Tafel stehen, vergeht eine knappe Viertelstunde.

Fröhlich geht es in dem katholischen Kolleg zu, keine Spur von verkrampfter Religiosität. Auch in den folgenden Unterrichtsstunden erinnert vor allem das hölzerne Kreuz über der Tür an den christlichen Auftrag der Schule.

"Ich will hier keine Frömmelei", sagt Pater Johannes Siebner energisch. Der Direktor der Schule mit angeschlossenem Internat sitzt im Janker in seinem Büro. Hinter seinem Schreibtisch hängen große Gemälde mit chinesischen Schriftzeichen. Das kleine tönerne Kreuz neben der Tür ist mit wilden Pinselstrichen eines abstrakten Künstlers verziert.

Siebner erzählt von Respekt, Großzügigkeit und Freiheit. Freiheit, die allerdings ihre Grenzen hat. "Wer sich hier vom Religionsunterricht abmeldet, meldet sich von der Schule ab", sagt Siebner. Dass der sonntägliche Kirchgang Pflicht ist, versteht sich von selbst.

Dennoch ist der Andrang groß. 870 Schüler lernen hier derzeit, etwa ein Drittel lebt im Internat. 95 Euro pro Monat beträgt das Schulgeld, 1060 Euro monatlich müssen die Internatler zahlen. "Wir Jesuiten wollen die Schüler zur Verantwortung erziehen", sagt Pater Siebner, "die Schüler sollen ein Gespür für soziale Gerechtigkeit entwickeln."

Während der Direktor die Vorzüge seiner Lehranstalt preist, klingelt das Telefon. Ein Vater möchte seinen Sohn für das kommende Schuljahr . Bis dahin sind es zwar noch zehn Monate Zeit, aber der Vater will sichergehen, dass sein Sohn auch wirklich einen Platz im Internat bekommt.

Fast täglich nimmt Siebner solche Anrufe entgegen, und am Ende muss er tatsächlich Interessenten zurückweisen - etwa 20 Prozent sind es pro Schuljahr.

Wie in St. Blasien boomt es derzeit an vielen konfessionellen Lehranstalten. Rund hundert evangelische Schulen sind bundesweit in den letzten fünf Jahren neueröffnet worden. An den katholischen Schulen ist die Zahl der Schüler zwischen 1998 und 2003 um rund zehn Prozent gestiegen.

In den siebziger und achtziger Jahren galt christliche Erziehung bei aufgeklärten und studentenbewegten Eltern als verstaubt und politisch inkorrekt. Von Ordensschwestern geleitete Schulen waren als "Nonnenbunker" verschrien. Doch der Zeitgeist hat sich gewandelt. Die Vermittlung von Werten steht wieder hoch im Kurs, und viele Eltern wollen die Ausbildung ihrer Kinder nicht mehr dem Staat überlassen. Vor allem in den neuen Bundesländern müssen bereits staatliche Schulen schließen.

Dabei sind nur wenige Väter und Mütter, die für ihre Kinder eine christliche Schule aussuchen oder sich sogar für die Gründung einer konfessionellen Schule stark machen, gläubige Christen. Erwartet wird nicht ein Mehr an Religionsunterricht, sondern die Vermittlung von Anstand, Toleranz, Verlässlichkeit und vielleicht auch Nächstenliebe.

Manuela Fischer hat noch profanere Gründe dafür, dass sie ihre Lisa für 55 Euro Schulgeld pro Monat auf das katholische Norbertusgymnasium in Magdeburg schickt. "Hier muss ich keine Angst haben, dass meine Tochter keine Turnschuhe mehr trägt, wenn sie aus der Schule kommt", sagt die Mutter. An dem Gymnasium sei der "Umgang" einfach ein anderer als an den städtischen Oberschulen; das sonst übliche Abziehen sei tabu, sagt Fischer und fügt noch hinzu, mit Religion habe ihre Entscheidung nichts zu tun.

Nur wenige Eltern, die für ihre Kinder christliche Schulen aussuchen, sind gläubige Christen

Das Norbertusgymnasium liegt wie eine kleine Oase am Rande Magdeburgs inmitten von Plattenbausiedlungen. Auf dem Hof hinter dem historischen Schulgebäude haben die Jungen und Mädchen einen Garten angelegt. Runde Holzpflöcke begrenzen ordentlich das Beet. Die zehn Jahre alten Tischtennisplatten glänzen blitzblank in der Sonne. Stolz präsentiert die stellvertretende Schulleiterin Sabine Behrendt die Werkräume, die Sporthalle und die Figur des heiligen Norbert. Der Namensgeber der Schule war im 12. Jahrhundert Erzbischof in Magdeburg. "Good atmosphere needs just a smile" steht auf einem Poster an der Tür zum Lehrerzimmer.

Der Slogan scheint zu wirken. Spuren von pubertären Wutausbrüchen sind in der Schule nirgends zu sehen. Die Tische sind nicht beschmiert oder zerkratzt, und die Wände der Klassenräume strahlen blütenweiß, als wären sie erst gestern gestrichen worden.

Religion ist im Norbertusgymnasium ein zusätzliches Angebot, keine Pflicht. Den Religionsunterricht können die Schüler auch abwählen. "Zum Glauben kann man niemanden zwingen", sagt Behrendt, die selbst gläubige Katholikin ist.

Anders könnte die Schule im glaubensfernen Magdeburg vielleicht auch gar nicht existieren. Nicht einmal jeder fünfte Bewohner der Stadt ist getauft. Die Zahl der praktizierenden Christen ist noch geringer. Dennoch hielten viele Eltern schon gleich nach der Wende die neugegründeten konfessionellen Schulen für vertrauenswürdiger als die Nachfolger der alten SED-Kaderschmieden. Selbst eine einstündige Anreise per Bus nehmen Väter und Mütter für ihre Kinder in Kauf, damit sie den lateinischen Ablativ oder die Bruchrechnung am Norbertusgymnasium üben können.

40 Prozent der Bewerber muss die Schule jedes Jahr abweisen. Gleichzeitig gehen den öffentlichen Schulen in Magdeburg die Schüler aus. Das Humboldt-Gymnasium etwa, nur zwei Häuser weiter, steht vor der Schließung.

Bis zum Jahr 2008 werden von 116 staatlichen Schulen in der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt 40 schließen müssen. Ursache ist vor allem der Geburtenrückgang - aber auch der Erfolg der konfessionellen Lehranstalten.

Oberbürgermeister Lutz Trümper betrachtet das Norbertusgymnasium dennoch als Gewinn: "Hochqualifizierte Arbeitskräfte suchen immer zuerst nach einer guten Schule für ihre Kinder, bevor sie sich entscheiden, nach Magdeburg zu ziehen." Außerdem finanzieren sich die privaten Schulen zu einem erheblichen Teil selbst und entlasten so den städtischen Haushalt.

Doch nicht überall sind die christlichen Schulen so willkommen wie in Magdeburg. "Wir haben fast jedes Mal, wenn wir eine neue Schule gründen wollen, die Verwaltung gegen uns", berichtet Manfred Hermann von der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, "die haben Angst vor der Konkurrenz."

Jürgen Frank hat dafür kein Verständnis. "Für den Staat sind unsere Schulen ein gutes Geschäft", sagt der Leiter der Abteilung "Bildung" im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er schätzt, dass die Schulen in kirchlicher Trägerschaft den Staat nur etwa 60 Prozent von dem kosten, was für die öffentlichen Schulen ausgegeben werden muss.

Da die Kirchen ihre Schulen jedoch nicht ganz aus eigener Kraft finanzieren können, sind sie auf öffentliche Förderung angewiesen - und der Staat ist hierzu nach dem Grundgesetz auch verpflichtet. Allerdings werden die Zuschüsse in Zeiten knapper Kassen immer mehr zusammengestrichen. Zudem beginnt die staatliche Förderung frühestens drei Jahre nach Eröffnung einer konfessionellen Schule, was die Gründung solcher Schulen erschwert.

Um diese Hürde zu umgehen, ist die Evangelische Stiftung Alsterdorf inzwischen dazu übergegangen, Filialen zu gründen. Wie eine Supermarktkette auf Expansionskurs hat die Hamburger Stiftung in den vergangenen Monaten neue Klassen in verschiedenen Teilen der Hansestadt aufgemacht - als Außenstellen einer bestehenden Schule. So werden langwierige Genehmigungsverfahren vermieden, und die Staatsgelder fließen vom ersten Tag an.

"Schule unterm Kirchturm" hat die Stiftung ihr Projekt getauft. Im feinen Hamburger Stadtteil Groß-Flottbek ist der Name sogar wörtlich zu nehmen. Die 24 Erstklässler drücken im ehemaligen Gemeindehaus direkt neben der Bugenhagen-Kirche die Schulbank. Gespielt wird in den Pausen auf der Wiese direkt neben dem Friedhof. Mittagessen gibt es in der Kirche.

Nils Clausen ist schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Dennoch haben er und seine Frau sich entschieden, ihre sechsjährige Tochter Julie in die evangelische Grundschule in Groß-Flottbek zu schicken. Anfangs waren sie skeptisch: "Wir haben uns auf dem Informationsabend schon genau erkundigt, wie weit das mit der christlichen Erziehung so geht." Sie haben sich Schulhefte von älteren Kinder zeigen lassen, die Lehrer befragt. Das pädagogische Konzept schien den beiden überzeugend. "Wir wollten nur nicht, dass die Religion hier eingetrichtert wird", sagt Clausen.

Am Ende waren es wiederum ganz weltliche Vorteile, die das berufstätige Ehepaar überzeugten. Die Klasse ist mit 24 Schülern klein und überschaubar. Die Eltern stehen in engem Kontakt zur Lehrerin, und Julie wird ganztägig betreut - von halb acht am Morgen bis um fünf Uhr am Nachmittag.

Für die evangelische Kirche ist das Betreiben solcher Schulen neu. Während die Katholiken schon seit Jahrhunderten in Lehranstalten investieren und die Ordensschule als missionarische Einrichtung nutzen, konzentrierte sich das evangelische Engagement lange auf Förder- und Sonderschulen. Ganz dem diakonischen Gedanken verschrieben, kümmerte man sich um die Schwächsten der Gesellschaft.

Doch in einer Zeit, in der sich die Kirchen nur noch am Heiligen Abend füllen und Kinder nicht mehr auf das Christkind, sondern auf "Rudolph the red-nosed reindeer" warten, wollen auch die evangelischen Kirchen an der Ausbildung künftiger Kirchensteuerzahler teilhaben. "Über die Schulen können wir ganze Familien wieder stärker in das Gemeindeleben integrieren", sagt Hartmut Wahl, Leiter der "Schulen unterm Kirchturm".

Nicht alle sehen das so euphorisch. Bei rund 120 Euro Schulgeld im Monat profitierten nicht mehr Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten von der evangelischen Ausbildung, warnt Folkert Doedens. Für den Bildungsexperten vom Pädagogisch-Theologischen Institut Nordelbien in Hamburg ist das ein Verrat an den evangelischen Idealen: "Wir sollten keine Rückzugsschulen für die Ober- und Mittelschicht gründen." Von Elitenbildung hält Doedens nichts.

In St. Blasien pauken Philipp und seine Klassenkameraden mittlerweile Latein. Alle folgen dem Unterricht - im Klassenzimmer ist es mucksmäuschenstill. Wer hier lernt, fühlt sich zur Elite gehörig. Auch Philipp, der mit vollem Namen Philipp Schenk Graf von Stauffenberg heißt. "Natürlich ist es etwas anderes, sein Abitur in St. Blasien zu machen, als an irgendeinem Dorfgymnasium", sagt der 16jährige selbstbewusst.

Doch für Philipps Eltern war nicht nur der Chinesischkurs und das konsequente Lernen unter Aufsicht ausschlaggebend für ihre Schulwahl. Die Stauffenbergs bezeichnen sich "als weltoffene gläubige Christen". In St. Blasien soll auch der Spross der Adelsfamilie dazu erzogen werden.

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