Erneuerbare Energien Windenergie vom Ölfeld
Das Kribbeln im Bauch beginnt morgens um sieben am Heliport in Aberdeen, Schottland. Jörg Oberbeckmann, 27, Windenergie-Techniker aus Herford, zerrt den Trockenanzug über seine hünenhafte Gestalt. Darüber schnallt er die schwere rote Rettungsweste mit dem Atemgerät und Luft für drei Minuten. Stöpsel in die Ohren. Fertig.
Jörg - hier reden sie sich alle nur mit Vornamen an - ist startklar für den Hubschrauberflug "offshore", zur Ölplattform "Beatrice Alpha". Zu einem Windkraft-Montage-Einsatz mitten auf hoher See, außerhalb der 12-Meilen-Zone, in 58 Grad 6 Minuten nördlicher Breite, 3 Grad 5 Minuten westlicher Länge.
Es dämmert über den olivgrünen Highlands. Im Osten schwarze Tinte: die Nordsee. Das Vibrieren des Helikopters verstärkt das eigene Fiebern. Der blonde Mann freut sich auf seinen fünften Einsatz auf der Bohrinsel, auf die Wellenritte von dort aus hinaus zum Kraftwerk, auf die abendlichen Pokerrunden. Vor allem aber darauf, endlich die Mühle anzuschmeißen. Hoffentlich. Er ballt die Fäuste.
Die "Mühle" ist ein Fünf-Megawatt-Windkraftwerk, weltweit eines der ersten dieser Leistungsstärke. Es ragt höher hinaus als der Kölner Dom, wenn ein Rotorblatt senkrecht nach oben steht. 22 Kilometer vor der Nordostküste Schottlands und anderthalb Kilometer entfernt von "Beatrice Alpha" steht das Kraftwerk in 45 Meter Wassertiefe. Im Winter herrscht hier entweder Starkwind. Oder Sturm.
Das Mega-Windrad des deutschen Herstellers REpower soll Strom für Beatrice Alpha liefern. Rund 110 Millionen Kilowattstunden schlucken die Ölpumpen im Jahr, so viel wie manche mittelgroße Stadt. Zwei Drittel davon soll nun die Windkraft liefern, der Rest kommt von Land. Alpha gehört zu den wenigen Plattformen, die per Unterseekabel ans nationale Netz angeschlossen sind. Landstrom ist billiger als die Versorgung mit den sonst üblichen Dieselgeneratoren.
Ausgerechnet dieses Kabel zum Festland hat die Phantasie ihres Besitzers beflügelt. Der Strom für Alpha ist bloß Phase eins. Phase zwei soll Strom für ganz Schottland bringen. Und irgendwann vielleicht sogar für ganz Europa. Diese Gegend gehört immerhin zu den windigsten des Kontinents.
Offshore-Stromversorger in spe ist der kanadische Öl-Konzern Talisman Energy. Für die Windbranche ist der reiche Investor ein Glücksfall: Talisman hat schon jetzt rund 60 Millionen Euro in die Exploration des neuen Geschäftsfelds gesteckt. Das ist außerordentlich viel für gerade mal zwei Testanlagen, für Verkabelung und Anschluss sowie für die umfangreiche begleitende Umwelt- und Windforschung. Ein Viertel des Budgets sind öffentliche Zuschüsse: sechs Millionen Euro aus Brüssel, 4,5 Millionen aus London, 4,5 Millionen aus Edinburgh.
Der Offshore-Windpark, der den Ölleuten vorschwebt, soll die Leistung eines Atomkraftwerks haben: ein Gigawatt. Das wären 200 Räder der jetzigen Bauart. Hunderte Windkathedralen, die von der Küste aus bloß als Nadelkissen am Horizont sichtbar wären. Und auch das nur bei klarem Wetter.
Ein schöner Plan. Aber noch ist er ein Traum: Es ist ungewiss, ob das raue Klima hier draußen überhaupt eine stabile Stromgewinnung zulässt. Ein Gigawatt installierte Leistung sagt noch nichts aus über den tatsächlichen Ertrag. Den bestimmen die gelaufenen Stunden.
Offshore-Windkraft ist hip. Aber noch ist ihre Wirtschaftlichkeit nicht erwiesen. Einige Räder drehen sich zwar schon in Parks etwa vor der dänischen Küste. Obwohl sie vergleichsweise nah am Ufer in geringer Wassertiefe stehen, haben sie massive Probleme: Bei Horns Rev mussten bereits alle 80 Turbinen ausgetauscht werden. Ursache: Korrosion durch Seeluft. Und bei Wilhelmshaven wurde im Sommer 2005 der Versuch abgebrochen, eine 4,5-Megawatt-Anlage vor der Küste zu verankern: Das Fundament verformte sich.
Die Planungen der deutschen Regierung, bis 2030 an die 25000 Megawatt an erneuerbarer Energie offshore zu installieren - also 5000 solcher Räder wie von Talisman - wirken vor diesem Hintergrund noch wie reichlich kühne Träume.
Es sei denn, die Ölleute hier draußen bewährten sich als Offshore-Windpioniere. Ingenieursgeschichte, das steht fest, haben sie schon jetzt geschrieben.
Dazu haben auch die Hamburger Turbinenfabrikanten beigetragen. Vor Korrosion, davon ist Wind-Mann Jörg überzeugt, ist seine Mühle sicher. Ein Entfeuchter hält die Innenraumluft trocken.
Jörg hat ein ganz anderes Problem. Eins, mit dem keiner gerechnet hatte. Es heißt "Eric": Emergency Rapid Intervention Craft. Ein neongelbes Seenotrettungsboot, zwölf Meter lang, sechs Tonnen schwer und bis zu 40 Knoten schnell, sturmfest, nicht kenterbar. "Eric" kann auf See beinahe alles. Außer bei meterhohen Wellen an einem Turm anlegen. Der Schritt vom Schiff auf die Landetreppe ist dann lebensgefährlich. Einen Kollegen von Jörg hätte es fast erwischt: Eine Welle riss an ihm, als er gerade auf der ersten Stufe stand. Seitdem steht der Mann jedesmal Todesängste aus.
Ein Himmelreich für zwei Tage Flaute! Seit Oktober sind die Wellen fast immer mehrere Meter hoch. Zwei Arbeitstage braucht Jörg noch. 16 Stunden, die sich hier zu Monaten dehnen können. Den letzten halben Tag an der Turbine gewährte ihnen Petrus vor zehn Tagen. Jörg braucht die Zeit für die letzten Tests am Umrichter oben in der Gondel. Der Umrichter ist das Herzstück der Anlage. Er macht das Kraftwerk mit dem Netz vor Ort kompatibel.
Kritisch blickt Jörg in die Tiefe: Die See sieht aus wie eine Schafweide. Schaumkrone an Schaumkrone. Seine Laune sinkt.
Nach 20 Minuten Flug sind jetzt drei schwarze Punkte und ein weißer Strich in Sicht: die drei Beatrice-Bohrinseln Alpha, Bravo, Charly, und davor, wie ein weit ausgereckter Schwanenhals, das Windrad.
Die Männer klettern aus dem Heli. Treppab, treppauf, treppab. Wer hier bummelt, kommt nie ans Ziel; Alpha, Baujahr 1981, ist ein zweiköpfiger Riesendrache. Der Westblock spuckt Tag und Nacht Feuer - verbrennendes Nordseegas. Im Ost-Turm wohnt die 100-köpfige Mannschaft in kargen Zweierkabinen. Jörgs Heimat für die kommenden zwei Wochen erinnert an eine verfallende sowjetische Liegenschaft. Leitern und Gitterböden sind orangebraun verrostet, die Muttern wirken tumorartig.
Seit einem Vierteljahrhundert fördern sie hier Öl aus 2000 Meter tiefen Erdschichten. Anfangs lieferte das Ölfeld Beatrice mehr als 60000 Fass pro Tag. Heute holt Talisman täglich nur noch rund 3500 Barrel hoch. Als 1998 der Ölpreis auf unter zehn Dollar pro Barrel abstürzte, schien das Ende von Beatrice greifbar. Die Zentrale in Calgary ordnete Sparmaßnahmen an. Es gelang, die Kosten für die Förderung um die Hälfte zu drücken. Doch der größte Posten blieb: die Stromrechnung.
2002 betraute Talisman einen seiner erfahrensten Petroleumingenieure, den Schotten Allan MacAskill, mit der Neustrukturierung von Beatrice - bis hin zur teuersten Option, der Totaldemontage, eine 150-Millionen-Euro-Operation. Der Mann galt als Nordseetrüffeljäger, einer, der selber Ölfelder entdeckt hatte. Und der stellte die naheliegende Frage: Können wir den teuren Strom nicht selbst machen?
Jetzt jagt der Ölmann den Wind.
Allan, 51, stattlich, volles Haar, Nickelbrille, ein Gemütsmensch mit einem Rechnerhirn, steht draußen am Geländer von Alpha und blickt zu seinem ranken Riesenbaby hinüber. Schon von hier, aus anderthalb Kilometer Entfernung, nimmt sich die Windanlage eher filigran aus.
Er erklärt, gestikuliert, addiert. Ein Tag Schwimmkran für das Rausschleppen des 760 Tonnen schweren Sockels: 50000 Euro. Ein Lasergerät zur Windbeobachtung, das "Lidar", das oben auf Alpha-West steht: 130.000 Euro. Sollposten, denen ein gewaltiger Habenposten gegenübersteht: pro Windrad 1,3 Millionen Euro Jahresertrag, in Strom.
Wenn es sich doch bloß schon drehte!
Allans Team bei Talisman besteht aus sieben Mitarbeitern. Sie nennen sich die "reformierten Ölleute" und treffen sich zu DVD-Abenden, um Al Gores Klima-Schocker "Eine unbequeme Wahrheit" zu sehen. Der frühere US-Vizepräsident, der zur Rettung der Umwelt aufruft, ist ihr Held.
Es ist nicht das schlechte Gewissen wegen der Ölmengen, die Jahr pro Jahr tonnenweise aus ihren Plattformen in die See lecken, das sie antreibt. Es ist die Freude an Technik. "Ölleute sind Tüftler", erklärt der Jaguar-Fahrer. "Wir lieben technische Herausforderungen. Und wir sind es gewohnt, dabei hohe Risiken in Kauf zu nehmen."
Allan saugt Alphas Luft ein. Schnüffelt. "Bisschen wie faule Eier, was? Schwefelwasserstoff. Erst wenn man's nicht mehr riecht, wird's gefährlich." Spätestens dann piept das Messgerät, das er wie alle hier draußen an seinen Overall geklemmt hat. Geigerzähler für Gas.
Die größte Herausforderung war die Montage. Normalerweise werden Offshore-Turbinen genau wie an Land zusammengebaut: Erst den Turm aufstellen, dann die Gondel hochkranen, zum Schluss den Rotor anschrauben. Schon bei geringen Wassertiefen ist all dies teurer als an Land. Offshore-Räder, so die Faustregel, kommen doppelt so teuer wie ihre Pendants onshore. Je tiefer das Wasser, desto teurer.
Deshalb haben sie hier etwas Neues versucht. Am 20. August vergangenen Jahres war Weltpremiere. Turm, Turbine und Rotor - fast tausend Tonnen Stahl und Karbon - wurden, fertig montiert, an einen Schwimmkran gehängt. Der schleppte den Koloss ins offene Meer und hievte ihn direkt auf den haushoch über die Wasseroberfläche hinausragenden stählernen Sockel. Es klappte. Sogar besser als erwartet.
Um den Aufprall beim Absetzen des Windkraftwerks abzufedern, hatte eine britische Firma eigens eine riesige hydraulische Manschette aus Stahl konstruiert. "Wir haben die Hydraulikpumpen nicht mal gebraucht. Die See war spiegelglatt. Das Befestigen des Turms auf dem Sockel war eine Sache von ein paar Stunden." Allan schüttelt den Kopf. An einem gewöhnlichen Wintertag wie heute unvorstellbar.
Auch im letzten August kachelte es schon am nächsten Tag wieder. Und dann noch zwei Wochen lang. Der Wind, auf den sie hier setzen, hat ihnen die bisher schlimmste Schlappe eingebracht: Das zweite Kraftwerk, baugleich mit diesem hier, konnte nicht wie geplant aufgestellt werden. Die Schwimmkräne waren nicht lange genug gebucht. Die fertigmontierte Anlage blieb an Land. Sie steht noch immer an der Küste in Nigg und harrt ihres Einsatzes. Für kommenden Juli ist der Kran bestellt.
Ein ganzes Jahr hinter Plan! Die Verzögerung kostet Talisman Millionen. "Die größte Herausforderung ist nicht die Offshore-Windgewinnung", so Allans Erkenntnis. "Es ist die Verzahnung und Optimierung aller Teile des Unterfangens."
Vor allem die Windräder müssten größer werden. Erst ab Turbinen mit sieben Megawatt, hat Allan errechnet, könne sich sein Windpark rentieren. Derart leistungsstarke Anlagen - die noch nicht existieren - machten fast ein Viertel der 200 projektierten Sockel verzichtbar. Die sind die teuersten Posten. Aber auch da ist Allan dran.
Zum Beispiel die Kabel. Einen wertvollen Monat haben sie durch die Verkabelung des Sockels verloren. Eine aufwendige Aktion, bei der mit Hilfe von Unterwasserrobotern das Kabel vom Meeresboden durch das 64 Meter lange Stahlgerüst hoch zum Windturm gezogen wurde. "Wir müssen das Kabel künftig schon vorab an Land im Sockel verlegen. Und dann nur noch mit dem Turmkabel per Stecker verbinden." Der Ingenieur stülpt die Hände ineinander. Klick. So einfach könnte es gehen.
Es gibt so einen Superstecker, für Verbindungen unter Wasser. Aber der kostet eine Million Pfund.
Allan setzt auf Massenproduktion. Beim Stahlverarbeiter Burntisland Fabrications im schottischen Methil warten sie nur darauf. Direkt am Wasser steht dort die größte Werkshalle der britischen Insel. Sie stand leer, bis Talisman den Sockel orderte. Früher haben bis zu 5000 Mann im Schichtbetrieb in Methil Ölplattformen gebaut.
Die Sockel für die Beatrice-Räder haben 150 Leuten Arbeit gegeben. Die gelben Stahlriesen sind für Jahrhundertwellen ausgelegt. Unter den Ingenieuren läuft eine Wette: Wird die Verbindung zwischen Sockel und Windturm dauerhaft den gewaltigen Vibrationen standhalten, oder werden sie nachrüsten müssen? Der Wetteinsatz ist ein nachhaltiges schottisches Produkt: Whisky.
Auch im Seetransport der Sockel steckt Musik: "Wir könnten sie mit Luftkissen versehen und zum Einsatzort treiben. Das spart den Schwimmkran." Das ist knifflig, aber machbar.
Der Praktiker kneift die Augen zusammen. Wenn der Windpark kommen soll, muss sich einiges verbessern. Das Einrammen der Pfeiler für die Sockel zum Beispiel. 40 Meter tief sind sie in den Meeresgrund getrieben. "Das müssen wir im Winter machen, da stört der Lärm die Tiere weniger." Außerdem gebe es da eine leisere Technik. Die Hamburger Firma Menck habe eine tolle Lösung, bei der eine Art Plastikziehharmonika die Hammergeräusche schlucke.
MacAskill hat neben Mathematik Geologie studiert. Kaufmännisches Denken, findet er, braucht man nicht zu lernen. Ein Ölmann hat den jeweiligen Barrel-Preis im Blut. Und ein reformierter Ölmann den Tarif für Windstrom.
Die Reformation hat auch anderswo eingesetzt: Shell gehört zu den weltweit größten Windkraftbetreibern, mit derzeit 850 Megawatt im Portfolio - und Gigawatt in Planung. Das schottische Forschungsinstitut ITI Energy entwickelt gerade eine revolutionär anmutende Technik für die Offshore-Branche: Windkraft auf schwimmenden Plattformen. Dem Schwanken in der Dünung soll ein integriertes Wellenkraftwerk entgegenwirken. Allans Augen leuchten bei der Vorstellung.
Er selbst braucht jetzt erst mal ein anständiges Boot. Das auch bei viel Welle an einem Hochseeturm anlegen kann. Leider war die nötige Million bisher nicht drin.
Es ist Sonntag, der 4. Februar. Blauer Himmel, auf dem Meer kaum Gischt. Mike Scott, der Plattformmanager, weiß das auch ohne Ausblick nach draußen: Er studiert in seinem Büro die Windkurven online. Vier Stunden lang dürfte das Tal anhalten. "'Eric' klarmachen", befiehlt er über Lautsprecher. Jörg und zwei Kollegen lassen sofort die Tischtennisschläger fallen und zwängen sich in die Trockenanzüge. Mike klopft den Jungs auf die Schultern. Good luck! Auf der alten Alpha hat die neue grüne Lehre glühende Anhänger.
Kevin Taylor, 46, war sogar dreimal in Bremerhaven. Dort stellt REpower die Anlagen her. Kevin war zur Schulung dort, zusammen mit Kollegen. Irgendwann wollen die Öltechniker die Windanlagen in Eigenregie fahren.
Der muskulöse Mann hat Furchen im Gesicht. Es sind sehr lange Schichten hier draußen. Künftig werden immer mehr Windtechniker so leben: zwei Wochen offshore, zwei bis drei Wochen Festland. Trotzdem, Kevin würde seinen Arbeitsplatz nicht tauschen für einen an Land. "Never!" Der Schotte bricht in sein heiseres Raucherlachen aus. "Meine Frau schimpft schon jetzt immer, dass ich alles durcheinanderbringe, wenn ich nach Haus komme."
"'Eric' klar!" tönt es. Die REpower-Männer steigen in das 20 Meter über dem Meeresspiegel an der Plattform hängende Boot ein. Es sinkt, dreht sich, sinkt. Plötzlich gewaltiges Schaukeln. Jörg setzt sich nach achtern. Er liebt das Spritzwasser.
Mit voller Wucht brettert "Eric" fünf Minuten später in die dreieckige Lücke zwischen den stählernen Landetreppen des Windrades. Der Bug stampft selbst bei diesem Wetter bedenklich. Einer nach dem anderen tastet sich an der Kabine entlang nach vorn auf das tanzende Vorschiff, hält sich dort fest und wartet auf einen günstigen Moment, wenn eine Stufe auf gleicher Höhe ist. Ein großer Schritt - und hoch.
Unten im Turm ist ein kleiner Aufenthaltsraum mit Notkojen. Die Männer pellen sich dort aus den Anzügen. Der Fahrstuhl im Turm braucht zweieinhalb Minuten hoch zur Turbine. Danach noch zwei letzte Leitern.
Die Gondel! Heute scheint sogar die Sonne durch die kleinen Schiffsluken. Der Raum schwankt leicht. Auf 120 Quadratmeter befindet sich hier, 88 Meter über dem Meer, eine 410 Tonnen schwere Fabrik - schwerer als ein vollbeladener Jumbo-Jet. Hier sind Getriebe, Generator, ein Montagekran und Schränke voller Regelungstechnik.
Draußen hüpft "Eric" in den Wellen, ein winziger gelber Fleck. Der Kapitän wartet. Wenn der Wind zunimmt, lässt er die Operation sofort abbrechen. Dann müssen die Männer alles stehen und liegen lassen. Es dauert 25 Minuten, bis sie wieder in den Trockenanzügen sind. Zeit, in der die Wellen bedrohlich wachsen können.
Heute haben sie ganze fünf Stunden, bis der Mann unten mit lautem, metallenem Klopfen zum Aufbruch drängelt. Schade. "Nur noch einen Tag so ein Wetter", macht Jörg sich Mut, "maximal zwei."
Dann wird sich die erste Beatrice-Mühle drehen. Das erste Tiefwasser-Offshore-Windrad der Welt. Das leichte Schwanken hier oben wird sich verstärken, die riesigen Rotorblätter werden die Luft verwirbeln.
Und der Lärm? "Die Wellen hier unten sind lauter." Jörg glaubt nicht, dass das Windrad das maritime Öko-System überfordert. "Die Delfine haben uns hier schon besucht", sagt er. "Und die Vögel meiden die Anlagen. Das ist längst erforscht."
Anfang März verkündet die REpower-Zentrale in Hamburg einen Rückschlag: Das Kegelrollenlager im Generator soll vor Inbetriebnahme ausgetauscht werden. Eine Vorsichtsmaßnahme, die noch mal mindestens vier Arbeitstage kosten wird.
Im April, sagen die Männer nun, wenn die Stürme sich legen, wird Windrad "Beatrice I" laufen. Es soll Rekorde aufstellen: Der Wind, der "Eric" ständig außer Gefecht setzt, dürfte die Turbine auf Trab halten. Ab 12 Meter Wind pro Sekunde bringt sie volle Leistung. Die sind hier draußen Standard. Erst bei 35 Meter pro Sekunde stellt der Rotor automatisch ab. Bei Orkan.
Allan ist siegesgewiss: "Technisch ist Offshore-Stromgewinnung machbar. Die Wirtschaftlichkeit ist nur noch eine Frage der Zeit."
Der Ölmann tippt auf zehn Jahre. Maximal.