Richtig studieren In der Welt zu Hause
Sonne, Palmen, Wellenreiten - dass Florian Leinberger für seinen Studienaufenthalt ausgerechnet Hawaii wählte, lag vor allem am hohen Freizeitwert des Standorts. Von November bis April wollte der Konstanzer Student dem neblig-kalten Wetter entfliehen. Der Winter in Honolulu gestaltet sich bei 25 bis 30 Grad doch wesentlich angenehmer als am Bodensee.
So flog der Student der Politik- und Verwaltungswissenschaften mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen Ende 1994 nach Hawaii, um sein Pflicht-Auslandssemester am Matsunaga Institute for Peace zu absolvieren. Fast täglich ging der damals 23-Jährige an den Strand, lernte surfen und genoss es, "zwischen Hunderten von tropischen Fischen und Schildkröten lautlos durchs Wasser zu gleiten".
Doch der Aufenthalt sollte noch aus einem ganz anderen Grund unvergesslich werden.
In Deutschland fingen damals gerade die ersten Studenten an, E-Mails zu schreiben. In den USA, und damit auch auf Hawaii, gehörte der eigene Internet-Auftritt für Unis aber schon zum guten Ton. Auch Leinbergers hawaiianisches Friedensinstitut fand es an der Zeit, eine eigene Homepage einzurichten. Mit der Aufgabe betraute man den jungen Deutschen.
Bis dahin wusste Leinberger eigentlich nur, wie man einen Computer bedient, um Texte zu schreiben. Auf eigene Faust lernte er im noch sehr kleinen Internet zunächst die Computersprache HTML. Von da an tauchte er immer seltener in die Meereswellen und stattdessen in die für ihn "total überraschende, faszinierende" Netzwelt ein. Begeistert unterhielt sich der Konstanzer mit Freunden in Australien mittels einer simplen Chat-Funktion. Über Ereignisse in der Heimat informierte er sich in Artikeln, die auf der jungen Homepage des SPIEGEL erschienen.
Am Ende hatte Leinberger ein Drittel seines Auslandssemesters im Internet verbracht. "Das zweite Drittel war ich an der Uni", sagt der sportliche Mann mit den kurzgeschorenen blonden Haaren und grinst, "und ein Drittel am Strand."
Als seine Homepage fertig war, kehrte der Süddeutsche heim. Doch das Internet ließ ihn nicht mehr los. "Ich wollte meinen Informations- und Know-how-Vorsprung nutzen." Zurück in Konstanz, wählte Leinberger Informationsmanagement als Zusatzfach an der Uni. Er begann, auch in Deutschland Internet-Seiten zu bauen, und gründete noch als Student mit Freunden eine Firma namens Seitenbau.
Heute arbeiten bei Seitenbau und einem Tochterunternehmen knapp 60 Mitarbeiter; die Konstanzer Software-Firma, spezialisiert auf E-Government-Anwendungen und Informationsportale, hat vor kurzem sogar den "Kabinett-Informations-Server" der Bundesregierung aufgebaut. "Ohne Hawaii würde es diese Firma nicht geben", sagt Geschäftsführer Leinberger nicht ohne Wehmut.
Dass ein Studium im Ausland nicht nur Sprachkenntnisse fördert, sondern auch den persönlichen und fachlichen Horizont erweitert, ist eine Binse. Doch nie zuvor haben sich so viele Studenten diese Erkenntnis zunutze gemacht.
Rund 40 000 deutsche Studenten waren im Jahr 1994 an ausländischen Hochschulen eingeschrieben - 2004 waren es schon 69 000, Tendenz steigend. Etwa 30 Prozent der deutschen Studenten haben derzeit einen längeren Studien- oder Praktikumsaufenthalt im Ausland verbracht.
Der Bundesbildungsministerin ist das noch längst nicht genug. Die Christdemokratin Annette Schavan ließ kürzlich als Ziel verkünden, diesen Anteil "mittelfristig auf 50 Prozent zu erhöhen". Angesichts des "globalen Wettbewerbs", so Schavan, brauche Deutschland "in Zukunft Führungskräfte in Wirtschaft und Wissenschaft, die sich auf der ganzen Welt auskennen".
Nicht immer wird es dabei zu solch spektakulären Erfolgsstorys kommen wie der von Ehssan Dariani: Der Volkswirtschaftsstudent, ein Deutscher iranischer Abstammung, erlebte bei einem Praktikumsaufenthalt in den USA den Hype um das Web 2.0 und lernte das Studentenverzeichnis "Facebook" kennen. Im Oktober 2005 gründete der Sankt-Gallen-Absolvent das deutsche Pendant "StudiVZ" - nahezu ein Plagiat von Facebook. Und nur 14 Monate später, im Dezember 2006, verkauften Dariani und seine Mitstreiter die boomende Studentenplattform an den Holtzbrinck-Konzern - für angeblich bis zu 85 Millionen Euro.
Mit einem Auslandssemester begann die Karriere vieler Prominenter. ZDF-Moderator Claus Kleber schnupperte bei einem Forschungsaufenthalt für seine Promotion erstmals amerikanische Luft. Das war 1984. Zwei Jahre später kehrte er als ARD-Korrespondent nach Washington zurück. Der SPD-Gesundheitsguru Karl Lauterbach ging zum Medizinstudium nach Texas. Ihn reizte der Forschungsvorsprung der USA. Doch als er begriff, dass der medizinische Spitzenstandard nur Spitzenverdienern zugute kam, wandte er sich der Gesundheitsökonomie zu: Heute trommelt der Professor im Deutschen Bundestag für eine Bürgerversicherung.
Für eine andere berühmte Professorin, die Juristin Juliane Kokott, wurde ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im französischsprachigen Genf "der erste wesentliche Baustein für meine spätere internationale Laufbahn". Kokott, 49, ist heute Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg - Arbeitssprache: Französisch.
Allein durch die Ausdehnung und die wirtschaftliche Verflechtung der Europäischen Union werden Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen immer wichtiger. Es gebe in Deutschland "fast keine anspruchsvolle Tätigkeit mehr, bei der man nicht irgendwann einmal etwas mit dem Ausland zu tun hat", sagt DAAD-Referatsleiter Claudius Habbich.
Die Bereitschaft für ein Auslandsstudium ist von Fach zu Fach höchst unterschiedlich ausgeprägt. Ausgerechnet deutsche Sprach-, Kultur- und Sportstudenten, aber auch angehende Ingenieure seien an ausländischen Universitäten "relativ unterrepräsentiert", wie es in einem Arbeitspapier des DAAD heißt. Dabei wären Auslandssemester "gerade auch für diese Fächer angesichts der zunehmenden Internationalisierung überaus wünschenswert", so Habbich.
Schon mittelständische Firmen wollen sich auch im Ausland Kundenkreise erschließen oder suchen dort nach günstigeren Zulieferern. Großunternehmen sind ohnehin meist international verflochten. Wissenschaftler unterhalten sich auf Konferenzen häufig nur noch auf Englisch. Selbst die traditionell aufs Nationale beschränkte Berufsgruppe der Richter und Rechtsanwälte hat immer öfter mit grenzüberschreitenden Fällen zu tun. Kanzleien und Gerichte können oft nicht erst auf die deutsche Übersetzung von Urteilen aus Straßburg und Luxemburg warten, die schließlich auch in Deutschland ihre Wirkung entfalten.
"Zwei plus" ist die Devise, die DAAD-Präsident Theodor Berchem ausgibt - mindestens drei Fremdsprachen sollten's schon sein. Berchem hat gut reden: Angeblich spricht der Chef der Auslandsvermittlungsbehörde 15 Sprachen.
Der Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum, Tiemo Kracht, sieht das ähnlich: "Mindestens Englisch muss als Esperanto der globalisierten Welt so beherrscht werden wie das Essen mit Messer und Gabel." Der "Managertyp der Zukunft", so Kracht, solle am besten schon während der Schulzeit ein Jahr ins Ausland gehen. Er soll bereits bei Studienbeginn Englisch fließend beherrschen und im Studium bei weiteren "substantiellen" Auslandsaufenthalten möglichst auch noch einen "anerkannten internationalen Abschluss im angelsächsischen Umfeld" erwerben. Dann darf Mann oder Frau von Welt bei einem "global aufgestellten Unternehmen" ins Berufsleben einsteigen.
Ein Auslandsaufenthalt macht "gut im Lebenslauf"
Natürlich geht's auch eine Nummer kleiner. Aber auch all jene, die nicht später ein Blue-Chip-Unternehmen managen wollen, sollten sich die Chancen, die eine Auslandsstudium bietet, nicht leichtfertig entgehen lassen.
Katja Speck, 33, verbrachte während ihres BWL- und Tourismusstudiums an der Fachhochschule München je ein Semester in Mexiko und Spanien. Obwohl sie im Studium Englisch und Spanisch, aber nicht Französisch hatte, fand Speck ihre erste Stelle in der Karlsruher Niederlassung einer französischen Firma. "Meinen Chefs war wichtig zu wissen, dass ich schon eine Zeitlang weg war." Diese Erfahrung garantiere, so das Kalkül, dass die Neue auch mit längeren Aufenthalten in der französischen Zentrale zurechtkäme.
Dass sich ein Auslandsaufenthalt "gut im Lebenslauf macht", hat Hanna Altheimer, 26, bereits bei der Bewerbung um Praktika erlebt. Im Wintersemester 2004/2005 war die Skandinavistik-Studentin in Schweden. Nach ihrer Rückkehr blieb sie international aktiv: Die sympathische Frau mit dem braunen Pferdeschwanz wurde Präsidentin der europäischen Studentenvereinigung Aegee in München und organisierte Sommeruniversitäten für ausländische Gaststudenten.
Bei Microsoft in München waren sie so beeindruckt, dass sie dem jungen Organisationstalent gleich ein Projekt anboten. Altheimer betreut jetzt Veranstaltungen, bei denen der Software-Riese potentiellen Kunden neue Produkte vorstellt. Für diese Aufgabe hat die Literaturfachfrau sogar ein Urlaubssemester eingereicht - erst mal.
Auch in fachlicher Hinsicht kann ein Auslandsstudium erheblichen Mehrwert bieten. Tobias Schwabe, 24, Student der mathematischen Finanzökonomie in Konstanz, zog es eigentlich an den Atlantik nach Lissabon. Doch mangels eines Stipendiums für die Stadt seiner Träume riet ihm sein Professor, nach Maastricht zu gehen, an eine Uni, die über die Grenzen der Niederlande hinaus für ihre unkonventionellen Methoden bekannt ist.
"Das hat sich total rentiert", sagt Schwabe. Statt in Vorlesungen lernte der junge Finanzer den Stoff in Tutorials, bei denen die Studenten die Sitzungen - auf Englisch - selbst vorbereiten und leiten, der Professor nur im Notfall einschreitet. Angst vor Präsentationen vor internationalem Publikum kennt Schwabe nicht mehr.
In Maastricht durften er und seine Kommilitonen auch schon den Ernstfall proben: Im Auftrag einer Immobilienfirma rechneten die Studis ein reales Projekt durch - mit Bauplänen, Marktanalysen und Daten der Immobilienverbände, an die Studenten sonst nicht herankommen. "In Konstanz wird Immobilienmanagement kurz theoretisch angeschnitten", sagt Schwabe, "aber das war's dann auch."
Studenten der Human- oder Tiermedizin machen beim Gaststudium in Frankreich ähnliche Erfahrungen. Während ihre deutschen Kommilitonen nur sporadisch mit echten Fällen zu tun haben, arbeiten angehende französische Mediziner als fortgeschrittene Studenten vormittags in der Klinik und betreuen dort - unter Aufsicht eines Arztes - relativ eigenständig Mensch oder Tier.
"An der Ludwig-Maximilians-Universität in München konnten wir Tiere höchstens mal in der Gruppe behandeln", sagt die Tierärztin Heike Pinsdorf, die im Wintersemester 2002/2003 in Toulouse war. "In Frankreich haben wir Studenten von der Patientenaufnahme über die Diagnose bis hin zu einfacheren Eingriffen fast alles allein gemacht."
Einen Praxisschock erlitt die Münchner Studentin nicht, im Gegenteil: Frankreich habe sie "neu motiviert", so die Veterinärin, danach sei ihr in Deutschland "vieles leichter von der Hand" gegangen.
Auch der Humanmediziner Peter Wollny lernte bei Gastsemestern in Paris und auf Guadeloupe die französischen Lehrmethoden zu schätzen. "Bei der Visite stellen die Studenten ihre Patienten dem Oberarzt vor und nicht umgekehrt", beobachtete Wollny staunend. Gegen Ende seines Aufenthalts hatte der Deutsche sogar eigene Patienten.
Heute hat Wollny seinen ersten Job seinen Auslandssemestern zu verdanken: Der frisch Approbierte bewarb sich auf eine Stellenanzeige des Kreiskrankenhauses von Wissenbourg im Elsass. Er wusste, dass im Elsass deutsche Ärzte gern genommen werden - zumal die älteren Patienten noch die elsässische Mundart sprechen und viele französische Kollegen ungern in die Grenzregion ziehen. Obwohl sein jetziger Chef eigentlich einen erfahreneren Arzt suchte, nahm er daher Wollny. Der war deutsch - und mit dem französischen System vertraut.
Gerade in Berufen, in denen der Arbeitsmarkt in Deutschland sehr umkämpft ist, kann die Auslandserfahrung Chancen auf einen Job eröffnen. Erst recht, wenn man zusätzlich einen ausländischen Titel hat.
Der Jurist Armin Koch(Name geändert), 31, hatte bei längeren Aufenthalten in Frankreich und England die dortigen Studienabschlüsse - Maîtrise und Master of Laws, kurz LLM - gleich mit erworben. Doch mit dem tollen Job in Deutschland, auf den der angehende Junganwalt dank Praktika bei der EU-Kommission in Brüssel und in einer internationalen Top-Kanzlei gesetzt hatte, wurde es nichts: Kochs Zweites Staatsexamen fiel nur ordentlich aus - nicht überragend.
Was nun? Koch graute es vor der Perspektive, die auf viele durchschnittliche Jura-Absolventen wartet: freies Durchwursteln zu Dumping-Stundenlöhnen. Ihm kam zu Ohren, dass große Wirtschaftskanzleien in Luxemburg gern auch deutsche Anwälte einstellen, wenn diese einen französischen Abschluss vorweisen können. Koch bewarb sich und wurde sofort genommen. "In Deutschland hätte ich eine so gut bezahlte Stelle nie bekommen", freut er sich.
Die größte Hürde für ein Auslandsstudium ist oft die Bewerbung. Einen Studienplatz im Wunschland zu ergattern gleicht oftmals einem Lotteriespiel: Die meisten Länder nehmen im Rahmen von Stipendienprogrammen Auslandsstudenten nur auf Gegenseitigkeit auf. Ansonsten fallen oft hohe Studiengebühren an.
Beliebte Zielländer sind seit einigen Jahren Schweden und die Niederlande. Viele Veranstaltungen werden dort auf Englisch abgehalten. Seit den späten neunziger Jahren hat sich die Zahl der deutschen Auslandsstudenten mehr als vervierfacht.
Spannend sind auch grenzüberschreitende Studien, wie sie etwa die Universitäten Freiburg und Karlsruhe mit Partner-Hochschulen in Basel und Straßburg im Fach Biotechnologie anbieten. Die Studenten kommen aus allen drei Ländern und studieren gemeinsam. Gelehrt wird an der École Supérieure de Biotechnologie in Straßburg meist auf Französisch, die praktischen Studienteile laufen in Basel, Freiburg und Karlsruhe in der Regel auf Deutsch und Englisch.
Am Ende halten die Biotechnologen einen Abschluss aus drei Ländern in den Händen und sind in allen drei Sprachen fit für die spätere Arbeit bei Pharma- und Agrarmultis. Im täglichen Umgang mit den Kommilitonen lernen sie auch die verschiedenen Mentalitäten kennen. "Es macht schon viel aus", sagt die Freiburger Studentin Stefanie Müller, "wenn man die unterschiedlichen Umgangsformen kennt."
Noch größere kulturelle Differenzen zu überbrücken, lernen derzeit Informatik-Studenten an der TU Berlin. Dort gibt es einen Studiengang, der nach einem zweijährigen Studienaufenthalt in Shanghai ein chinesisch-deutsches Doppeldiplom einschließt.
Timo Glaser, 24, schreibt momentan seine Doktorarbeit über die Sicherheitsrisiken, die die kulturellen Unterschiede beim Auslagern von IT-Dienstleistungen nach China mit sich bringen. Trotz der Ausbildung im wirtschaftlich boomenden Reich der Mitte hat sich aber die Erwartung von Glasers Dozenten, dass die Industrie sich um die Inhaber des Doppeldiploms reißen würde, bislang nicht erfüllt. Die ersten vier Absolventen sind alle noch an ihrer Alma Mater in Berlin. Und auch bei der nächsten Generation stehen die Unternehmen nicht Schlange. "In China gewesen zu sein", sagt Diplomand Johannes Schaback, 25, "ist es nicht allein." Berufserfahrung sei mindestens genauso wichtig, und die müssen die Informatiker erst noch erwerben.
Für seinen Kommilitonen Martin Mehlitz hat sich der China-Aufenthalt allerdings jetzt schon gelohnt. Mehlitz hat dort nämlich nicht nur "potentielle Geschäftskontakte" geknüpft, sondern eine Chinesin, die er an der Uni kennenlernte, gleich nach Deutschland mitgebracht. Als Ehefrau.