Fächerreport: Eine Frage der Ähre - DER SPIEGEL
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Fächerreport Eine Frage der Ähre

Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften sind Winzlinge im Uni-Betrieb. Doch dank naturwissenschaftlicher Kenntnis und wirtschaftlichem Know-how sind die Absolventen für den Arbeitsmarkt gut gerüstet.
Von Merlind Theile
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihr Halbjahressoll hat die Sau erfüllt. Matt liegt sie da im Rotlicht, die prallen Zitzen belagert von elf frisch geworfenen Ferkeln. Doktor Heinz Jüngst blickt über seine Halbbrille zufrieden ins Stroh und beginnt zu rechnen.

"So 'ne Sau soll ja 23 Ferkel im Jahr kriegen", sagt er mit lauter Dozentenstimme, "man nützt die Tiere drei Jahre, macht also insgesamt 69 Ferkel." Mit vier Jahren schieden die Muttertiere aus, erklärt Jüngst, grauer Bart, grüner Parka, weil ältere Sauen noch größere Würfe bekämen, "da sind die Ferkel dann unausgeglichener". Unausgeglichener heißt, dass manche dick sind und andere schmächtig, weil die Nachfrage an Futter größer ist als das Angebot. "Eine Sau hat 14 Zitzen", doziert Jüngst. "Wenn sie dann 18 Ferkel kriegt, haben einige eben Pech."

Basiswissen Landwirtschaft, gelehrt im Grundstudium des Fachs Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. Auf deren Versuchsgut Frankenforst, idyllisch zwischen Hügeln oberhalb des Rheins gelegen, bekommen angehende Agraringenieure von Jüngst und seinen Kollegen die praktischen Grundlagen in Ackerbau und Viehzucht verpasst. Sie lernen, wie man fette Schweine züchtet, Mais ertragreich anbaut oder eine Kuh ersteigert.

In der Landwirtschaft geht es wie überall zuerst ums Geldverdienen, das hat Mathias Kluth, einer der Bonner Absolventen, schon vor dem Studium auf dem Hof seiner Eltern in Korschenbroich bei Neuss gelernt. "In so einem Betrieb zählt vor allem der wirtschaftliche Nutzen", sagt der 26-Jährige - doch so wohlhabend wie sein Großvater, der den Hof einst gründete, kann der klassische Bauer heute kaum noch werden.

Die Landwirtschaft hat in Deutschland einen beispiellosen Umbruch erlebt: Vor hundert Jahren arbeiteten hierzulande mehr als ein Drittel der Erwerbstätigen auf dem Acker und im Stall, heute sind noch gerade 2,2 Prozent im Agrarbereich tätig.

Im Uni-Betrieb fristen die Agrarwissenschaftler dementsprechend ein Nischendasein. In Deutschland ist die Zahl der Absolventen so gering, dass sie in Statistiken oft mit den artverwandten Ernährungs- und Forstwissenschaftlern zusammengefasst werden. In allen drei Fächern verzeichnete das Statistische Bundesamt 2005 zusammen nur 6510 Absolventen - im Vergleich zur Gesamtzahl der Hochschulabschlüsse gerade mal 2,6 Prozent.

Die sind allerdings bunt durchgewürfelt. Allein unter den Bonner Agrarwissenschaftlern sind von Dreadlocks bis Seitenscheitel alle Frisuren vertreten, und mit ihnen die entsprechenden Weltbilder und Berufswünsche. Auf dem Bauernhof landen im Hauptberuf kaum Absolventen, ihr Horizont geht über Fragen der Ähre weit hinaus.

Agrarwissenschaftler sind heute Allrounder mit betriebs- und naturwissenschaftlichen Kenntnissen, und ebenso vielfältig ist ihr Einsatzgebiet: Nach dem Abschluss arbeiten sie zum Beispiel in Umweltbehörden und in der Entwicklungshilfe oder als Quereinsteiger in Softwarefirmen und Unternehmensberatungen. Agraringenieure haben nach einer Studie der Bundesagentur für Arbeit (BA) vor allem in der Gentechnologie Perspektiven.

Mathias Kluth, der mit seinem gestreiften Oberhemd und seinem Wirtschaftsvokabular auch als Nachwuchsmanager durchgehen könnte, hat im Hauptstudium den Schwerpunkt BWL gewählt und schreibt gerade am Bonner Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik (ILR) seine Dissertation. Es geht darum, wie Landwirte Geld sparen können, wenn sie in der Produktion zusammenarbeiten. "Ich erwarte mir durch die Doktorarbeit natürlich positive Effekte auf mein späteres Einkommen", sagt er. Einstiegsgehälter bis zu 45.000 Euro im Jahr seien "durchaus machbar".

Den elterlichen Hof, auf dem er nebenbei arbeitet, möchte Kluth auch später weiter betreiben. "Man hängt an seiner Scholle", sagt er. Diese Heimatverbundenheit ist immer geblieben, nach Praktika und Studienaufenthalten in den USA wurde sie sogar noch stärker. Im Hauptberuf möchte Kluth aber nicht Bauer, sondern Sachverständiger werden, sein Vater ist damit heute schon erfolgreich.

Vielleicht wird Mathias Kluth aber auch von der Industrie angeworben. "Nach meinen Doktoranden fragen regelmäßig Unternehmen, Verbände, unterschiedliche Organisationen", sagt Ernst Berg, Professor am ILR und Kluths Doktorvater. "Seit Mitte der neunziger Jahre haben alle einen Job gefunden, noch bevor sie mit der Doktorarbeit fertig waren."

Ernährungswissenschaftler: "Die besten Aussichten hat man als Pharmareferent"


Die Jobaussichten für Agrar- und Ernährungswissenschaftler hält Berg denn auch für "deutlich günstiger" als die der BWLer oder Juristen, da seine Studenten als Naturwissenschaftler mit ökonomischem Know-how "vernetzt denken und breiter aufgestellt" seien. Zwar glaubt Berg nicht, dass sich der mediale Bio-Boom und das gestiegene Interesse an nachwachsenden Rohstoffen unmittelbar auf den Arbeitsmarkt auswirken, doch der momentane konjunkturelle Aufschwung steigere auch das Angebot für seine Absolventen. "Der Öffentliche Dienst ist dicht, aber im Bereich Handel und Dienstleistungen wächst der Bedarf."

Von der Lebensmittelproduktion bis zum Tisch des Konsumenten reicht die Arbeit der Nahrungsmittelindustrie - von diesem Milliardensektor zehren auch immer mehr Ernährungs- und Haushaltswissenschaftler. "Stellenmarkt legt 2005 nochmals zu", titelte der Verband der Oecotrophologen kürzlich in seiner Zeitschrift "VDOE-Position": In seiner eigenen Jobbörse hat der Verband über 1250 einschlägige Stellenangebote zusammengetragen. Besonders in der Lebensmittelindustrie, aber auch in der Chemie-, Kosmetik- und Pharmabranche seien Ökotrophologen gefragt.

Die BA zeichnet die Aussichten für die Zunft weniger rosig: Die Zahl der Stellen habe zwar zugenommen, gleichzeitig hätten sich 2005 aber auch mehr Ökotrophologen als im Vorjahr arbeitslos gemeldet, so eine BA-Studie zur Arbeitsmarktsituation für Naturwissenschaftler. Vor allem Berufseinsteiger seien von der Arbeitslosigkeit betroffen gewesen. Bessere Aussichten habe, wer sich auch auf Stellenangebote für Biologen, Lebensmittelchemiker und -technologen bewerbe.

Andrea Schneider hatte sich zu Beginn ihres Studiums vor allem für Ernährungsmedizin interessiert. Später fand die Ökotrophologin auch an der Laborarbeit Gefallen: Für ihre Diplomarbeit, die sie gerade schreibt, testete sie an der Uni Bonn fünf Monate lang ein Verfahren, mit dem man den Alkoholgehalt von Wein reduzieren kann. "Das Thema ist praxisnah", sagt die 26-Jährige, "das erhöht meine Chancen, in der Produktentwicklung oder in der Qualitätskontrolle eine Stelle zu finden. In dem Bereich arbeiten sonst vor allem Lebensmittelchemiker."

Schneider sieht der Jobsuche, die nach ihrem Abschluss Mitte des Jahres ansteht, gelassen entgegen. "Ich habe noch von keinen Kommilitonen gehört, die dabei Schwierigkeiten hatten." Ihre Bekannten landeten etwa bei Maggi in der Produktentwicklung, in einer Praxis für Ernährungsberatung und in einer Klinik für übergewichtige Kinder.

Ökotrophologen profitieren vom Trend, sich bewusst zu ernähren - vor allem seit erwiesen ist, dass das richtige Essverhalten selbst Volkskrankheiten wie Herzinfarkte oder Diabetes eindämmen kann. Der Gesundheitssektor gewinnt an Bedeutung. "Die besten Aussichten hat man als Pharmareferent", sagt Schneider.

Ihre Freundin Birte Kirschbaum, 25, machte vergangenen Juli ihr Diplom in Haushaltswissenschaften. Danach schrieb sie nur drei Bewerbungen und hatte binnen vier Wochen einen Job - seit September arbeitet sie bei Signum PR in Köln, einer PR-Agentur für Gesundheitskommunikation. Kirschbaum macht Öffentlichkeitsarbeit für Medikamente, ihre Kunden kommen aus der Pharmaindustrie. "Ich fühle mich genau richtig in dem Job", sagt sie, auch wenn sie derzeit noch als Trainee für monatlich 1500 Euro brutto angestellt ist. Schon im Mai aber soll ihr Jahresvertrag vorzeitig entfristet werden, sie wird dann bald knapp das Doppelte verdienen.

Forstingenieure: "Man ist heute eher ein Flächenmanager"

Weit schlechter als für die Ökotrophologen sieht es für Forstingenieure von der Fachhochschule und Diplom-Forstwirte von der Universität aus - der Arbeitsmarkt für Absolventen dieser Fachrichtung ist eng. In der freien Wirtschaft finden sie kaum Beschäftigung. Nur in Einzelfällen kommen sie im Holzhandel, in der chemischen Industrie, bei Baumschulen, Consulting-Unternehmen oder Versicherungen unter.

Das Hauptziel der Ausbildung ist der Beruf des Försters - von denen werden jedoch immer weniger gebraucht. Die Zahl der Privatwaldbesitzer, die sich einen eigenen festangestellten Förster leisten, ist sehr gering. Förster gibt es hauptsächlich in der öffentlichen Verwaltung, aber auch die hat in den vergangenen Jahren massiv Stellen abgebaut.

"Vor 15 Jahren war es selbstverständlich, dass man nach dem Studium einen Arbeitsplatz als Förster bekam", sagt Luitpold Schneider, Absolvent der Forstwirtschaft an der Fachhochschule Weihenstephan. Doch Bayern reformierte, wie andere Bundesländer auch, seine Forstverwaltung und baute dabei seit 2005 rund 20 Prozent der Stellen ab. Bundesweit werden heute weniger als 40 Prozent aller Absolventen einer forstwirtschaftlichen Ausbildung Beamte in einer staatlichen Forstverwaltung.

In Bayern müssen angehende Förster nach der Hochschule zudem ein Anwärterjahr mit Abschlussprüfung absolvieren - für Luitpold Schneider "das härteste Jahr meines Lebens". Das Lernpensum ist gewaltig, der Druck enorm: Allein von der Examensnote hängt es ab, ob man in den Staatsdienst übernommen wird. "Da ich nicht wusste, ob das am Ende klappt, habe ich mich auch auf andere Jobs beworben", sagt der 31-jährige Münchner. Doch egal, ob Schneider sich bei einer Artenschutzorganisation, einer landwirtschaftlichen Stiftung oder als Umweltbeauftragter einer Gemeinde bewarb, er bekam nur Absagen.

Bei seinem Examen hatte der Förster in spe dann Glück: Mit der Abschlussnote von 2,73 war er der Fünftbeste, die zehn Erstplazierten stellte der Staat ein. Seit Februar streift Schneider nun 42 Stunden pro Woche in Bergschuhen und Outdoorklamotten durch die Wälder von Gauting, Gilching und Weßling und hofft, dass er in spätestens zwei Jahren endgültig verbeamtet wird, auf Lebenszeit. Das Monatsgehalt von bislang rund 2500 Euro brutto ist nicht üppig, aber Schneider liebt die Natur, Tiere und den Umgang mit Holz. "Superhappy" sei er über seinen Beruf - auch wenn der mit dem gängigen Försterklischee nicht mehr viel zu tun hat.

"Dass der Förster mal zum Jagen geht und sonst nur abhängt - das gibt's nicht mehr", sagt Schneider. In immer größeren Gebieten müssten die Revierleiter immer mehr Aufgaben übernehmen. "Man ist heute eher ein Flächenmanager." Schneider betreut in seinem Gebiet die privaten Waldbesitzer, führt Schulklassen durch den Forst, macht Öffentlichkeitsarbeit oder sorgt dafür, dass die Waldgesetze eingehalten werden.

Das Wichtigste aber ist auch in seinem Beruf die Ökonomie: "Die Bäume müssen so erzogen werden, dass sich das Holz gut verkauft."

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