Fächerreport: Betörender Duft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fächerreport Betörender Duft

"Orchideenfächer" gelten als entbehrlich, ihre Absolventen als potentielle Arbeitslose. Dabei tragen sie zum Renommee deutscher Hochschulen bei - und Karrieren sind nicht ausgeschlossen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles begann mit Asterix und Kleopatra. Es folgten Geschichtsbücher. Dann, mit 16, reiste Maren Schentuleit zum ersten Mal nach Ägypten. Sie stand vor den Pyramiden von Gizeh, ihr stockte der Atem, sie war wie gelähmt vor Glück. Nach der Schule gab es nur noch eins: Sie wollte die Hochkultur der alten Ägypter studieren. Um jeden Preis. Auch als der Berufsberater blass wurde.

"Meine Eltern haben mich unterstützt, sonst hätte ich es nicht geschafft", sagt die 33-jährige Ägyptologin heute und rät jedem potentiellen Studienanfänger, von "leidenschaftlichem Idealismus" ergriffen zu sein. "Wer das nicht hat, ist verloren. Die Jobaussichten für Ägyptologen sind äußerst schwierig. Man muss schon absolut sicher sein, was man tut."

Schentuleit war sich sicher. Sie stürzte sich in ihr Studium, entzifferte Hieroglyphen, analysierte Gräber- und Tempelinschriften, promovierte über eine "demotische Papyrussammlung". 2004 bewarb sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen - und bekam die Stelle. Seitdem bringt sie einer Handvoll Studenten am Seminar für Ägyptologie und Koptologie die Geheimnisse antiker Sprachen und Schriften bei: Alt-, Mittel- und Neuägyptisch, Demotisch - und Koptisch, das Idiom ägyptischer Christen, das im Mittelalter vom Arabischen verdrängt wurde.

"Wenn Ägyptologie ein Orchideenfach ist, dann ist Koptologie eine Orchidee in der Orchidee", schwärmt sie. Obwohl, eines Tages könnten die ersten Jobangebote aus Kairo kommen, weil dort immer mehr koptische Christen ihre kulturellen Wurzeln erforschen, so Schentuleit: "Da sprechen viele nicht mehr nur im Gottesdienst, sondern auch im Alltag Koptisch. Wer weiß, vielleicht brauchen die irgendwann eine gutausgebildete Koptologin aus Göttingen."

Es schwingt zumeist Respekt und Faszination mit, aber auch Mitleid oder elterliche Besorgnis, wenn von den Klein- und Kleinstfächern in Deutschland die Rede ist: den Orchideenfächern. Es sind vor allem Geisteswissenschaften wie Bohemistik, Byzantinistik oder Tibetologie, aber auch naturwissenschaftliche Disziplinen wie Mineralogie oder angewandte Kernphysik, die oft nur von einem Professor vertreten werden und manchmal einstellige Studentenzahlen haben. Kleinode, mit denen sich Hochschulen schmücken? Oder verzichtbare Anhängsel? Vielen droht jedenfalls der Rotstift. Einige teilen sogar das Schicksal manch echter Orchideenart: Sie sind vom Aussterben bedroht.

Gewächse seien dies, "von betörendem Duft und fremdartiger Schönheit", so ein emeritierter Ägyptologie-Professor, der sich nach Jahrzehnten reicher Forschung in den neunziger Jahren plötzlich anhören musste, ein "dekoratives, aber nutzloses und teures" Fach zu vertreten. Schließlich, so das Mantra vieler Bildungspolitiker, solle sich die Hochschule eng am Bedarf von Wirtschaft und Arbeitsmarkt orientieren. Wie aber lässt sich der volkswirtschaftliche Nutzen eines Pharaonenforschers berechnen?

"Das ist schwer bis unmöglich", gibt Ulrich Meyer-Doerpinghaus von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zu, "darüber können sich nur die betroffenen Fächer selbst Gedanken machen." Mit Drittmitteln und hohen Studierendenzahlen - den traditionellen Förderkriterien - könnten die kleinen Fächer jedenfalls nicht um Aufmerksamkeit buhlen.

Passend zum "Jahr der Geisteswissenschaften" - einer mit 64 Millionen Euro dotierten Kampagne des Bundesbildungsministeriums - will die HRK deswegen eine Rote Liste der bedrohten Disziplinen erstellen. "Manchem Landespolitiker ist gar nicht bewusst, welche Schätze er in seinen Universitäten beherbergt", so Meyer-Doerpinghaus, "da wurde in der Vergangenheit häufig viel zu schnell gekürzt und gestrichen."

Von "Orchideenfächern" will Meyer-Doerpinghaus im Übrigen nicht reden, das habe doch etwas Abwertendes. Schließlich seien die kleinen Fächer alles andere als nutzlos: "Sie tragen bei zum Verständnis von Kulturen, sie transportieren wichtige Wissensbestände. Das darf nicht verlorengehen."

Alexander Riehle weicht oft aus, wenn er nach seinem Studium gefragt wird. Nicht, weil es ihm unangenehm wäre. Doch eine halbe Stunde lang zu erklären, was für ein eigenartiges Fach das ist, das ihn fesselt, gefragt zu werden, ob er denn verrückt sei, und wie es sei, unter der Brücke zu schlafen, ist ihm häufig zu qualvoll. Manchmal ertappt er sich sogar dabei, wie er einer Kommilitonin auf die Schnelle "ich mach BWL" antwortet. Damit hätte der 25-jährige Münchner allerdings kaum eine Magisterarbeit über die Grabrede eines byzantinischen Gelehrten aus dem 15. Jahrhundert schreiben können.

"Mir ist oft die Frage gestellt worden, warum ich mich für Byzantinistik entschieden habe. Aber wenn ich mal arbeitslos sein sollte, kann ich wenigstens sagen: Ich habe studiert, was mir Spaß gemacht hat. Und ich hab's voll getroffen, es war genau die richtige Wahl."

"Man muss ein Liebhaber seines Gebietes sein"

Riehles Studienobjekt ist die Geschichte und Kultur des Byzantinischen Reiches, also jenes Staatsgebildes, das als östlicher Teil des römischen Imperiums bis ins Jahr 1453 fortlebte und heute an finstere Palastintrigen erinnert. Ein echtes Exotenfach: Gerade einmal 122 Studenten waren im Wintersemester 2005/06 an einem halben Dutzend Standorten in Deutschland eingeschrieben, nur 6 machten einen Abschluss.

"Im Hauptstudium waren wir meist zu dritt, im besten Fall saßen zehn Leute in einem Seminar", erzählt Riehle. "Daneben sind bei uns die üblichen Parkstudenten eingeschrieben, Karteileichen. Die fangen bei A an, ein Fach zu suchen, und wenn sie über Assyriologie hinauskommen, landen sie bei Byzantinistik." Mit der Einführung von Studiengebühren dürfte sich das allerdings ändern. In München etwa zahlen die Byzantinisten seit diesem Sommersemester 300 Euro pro Studienhalbjahr.

Vielleicht sitzen dann nur noch Griechen in den Vorlesungen, die wie Riehle, dessen Mutter aus Athen stammt, über ihre Biografie zur Byzantinistik fanden. Deutsche seien schon jetzt kaum anwesend, erzählt er. Und wenn sein Plan, Professor zu werden, doch teurer wird als geplant, stellt sich Riehle vielleicht wieder hinter einen Empfangstresen im Hotel oder spielt Trompete in der Kirche, um seinen Traum zu finanzieren. Von der Warnung seines Doktorvaters, dass ein Byzantinist draußen auf dem Arbeitsmarkt nur "mit extrem viel Glück etwas werde", lässt er sich jedenfalls nicht abschrecken. Er ist ja auf einem guten Weg: Ende Februar hielt er bei einer Tagung von Byzantinisten in Berlin seinen ersten Vortrag.

Die akademische Laufbahn ist die Königskarriere unter Orchideenfächlern. Denn andere fachspezifische Arbeitsplätze in Museen oder Stiftungen sind rar gesät. Ist der Weg zum gelehrten Taxifahrer also vorprogrammiert?

Guido Weber hat es zwar noch nicht getan, würde aber nie ausschließen, eine Ägyptologin oder einen Byzantinisten einzustellen. Der Pressesprecher für den Bereich Forschung und Entwicklung bei Siemens schaut vor allem auf die analytischen Fähigkeiten potentieller Mitarbeiter - und auf ihr kreatives Können. "In unserem Bereich arbeiten die unterschiedlichsten Teams an Zukunftsvisionen, das können auch Berufsspinner sein. Wir haben sogar einen Ingenieur, der nebenbei Konzertmeister war, solche Leute denken wirklich um die Ecke!" Aber auch Sprach- und Kulturkenntnisse seien von Vorteil - und das Wichtigste: Leistung. Die Fähigkeit, über sich selbst hinauszuwachsen.

Weber erinnert sich an seinen Vater, der sich mit Grauen abwandt, als ihn der Sohn in seine Zukunftspläne einweihte, statt BWL lieber Pädagogik und Psychologie zu studieren. Ohne Zusatzqualifikationen wie Praktika und Technikkenntnisse wäre ihm der Quereinstieg bei Siemens allerdings auch nicht geglückt.

Obwohl vor allem die kleinen, stark spezialisierten Disziplinen zu den Orchideenfächern gehören, werden heute oft auch Fächer mit vermeintlich schlechten Berufsaussichten dazugezählt: Philosophie, Pädagogik, Soziologie, Ethnologie, kurzum: viele Geistes- und Sozialwissenschaften. Sie haben ihre Leitfunktion an den Hochschulen eingebüßt und galten lange Zeit als karrierehemmend, ihre Absolventen als schwer vermittelbar.

Jürgen Kluge, verantwortlich für das weltweite Recruiting bei McKinsey, rät dennoch davon ab, ausschließlich auf den Markt zu schielen: "Entscheidend ist, dass jeder Studierende ein konkretes Ziel vor Augen hat, das ihm Freude macht, dass er sich schon früh mit der Berufswahl beschäftigt und konzentriert darauf hinarbeitet."

Manchmal verändert sich auch der Weltenlauf zugunsten der Orchideenfächer. Sinologen sind seit dem Aufstieg Chinas keine bedrohten Uni-Spezies mehr. Die Nachfrage ist groß: Höchstens 10.000 Menschen im deutschsprachigen Raum lernen die weltweit meistgesprochene Muttersprache, und das, obwohl laut Weltbank China die USA bis 2020 als größte Wirtschaftsmacht ablösen wird. Von einem regelrechten Run auf die Studienplätze sprechen die Fachbereiche: In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Studierenden im ersten Fachsemester um 45 Prozent. Doch das Studium ist vergleichsweise anspruchsvoll, bis zum Magister hält nach Schätzungen nur jeder Zehnte durch.

Im Trend liegen natürlich die Islam-Wissenschaften. Nicht aus ökonomischem Kalkül, sondern aus purer Neigung schrieb sich Tanja Boldt* in den achtziger Jahren in das "kleine Fach" mit dem "riesigen Gegenstand" ein. Die Norddeutsche hatte lange Zeit im Nahen Osten gelebt und sprach bereits Arabisch.

Nun lag vor ihr: ein Kulturkreis von Marokko bis Java zu erfassen, Geschichte, Politik, Religion, Philosophie, Literatur, Recht, Kunst und Architektur inbegriffen, Arabischkurse zu belegen und eine zweite orientalische Sprache wie Türkisch, Persisch oder Urdu zu meistern. Dass Absolventen bestenfalls in Volkshochschulen unterkamen, und manch einer am Postschalter stempelte, störte sie nicht.

Dann kam der 11. September, und aus den belächelten Islam-Verstehern wurden Verfassungsschützer, Politikberater, Entwicklungshelfer, Diplomaten und Dialogbeauftragte der Kirchen.

Auch Boldt arbeitet fortan für eine deutsche Sicherheitsbehörde. Was nicht immer unproblematisch war: "Kulturspezifische Fragen sind für die meisten Behörden immer noch Neuland, dort tut man sich schwer mit geisteswissenschaftlichen Ansätzen. Und wir Uni-Absolventen wurden ja nicht als Terrorismus-Experten ausgebildet." Dass ihr Fach weder Friedens- noch Gegnerforschung, sondern ein philologisches Studium war, machte die Zusammenarbeit mit ihren Kollegen nicht immer einfach. Videos von potentiellen Gewalttätern auszuwerten oder Verhöre zu übersetzen, darin allerdings glänzte Boldt.

Inzwischen scheint der Sturm auf die Islam-Wissenschaftler aber wieder abzuflauen. "Wir haben unseren Bedarf gedeckt. Es gibt derzeit keine neuen Stellen", heißt es etwa beim Berliner Verfassungsschutz. Auch Boldt rät, den 11. September nicht überzubewerten. Die Berufschancen seien eher zyklisch. Zudem: Wer den gesamten Kulturkreis unter Generalverdacht stelle, werde mit einem Arabistik-Studium sowieso nicht glücklich, schließlich müssen die Studenten auch in die betreffenden Länder reisen, dort Sprachkurse belegen und sich mit den Menschen auseinandersetzen.

"Man muss ein Liebhaber seines Gebietes sein", sagt Maren Schentuleit, die Ägyptologin. Dann aber sei das Studium eines Orchideenfachs eine absolute Erfüllung. Auch wenn sich die anderen mit tollen Einstiegsgehältern aufplustern mögen, "von echter Gelehrsamkeit sieht man da doch wenig", so die Altertumsforscherin.

Selbst mit dem Halbwissen hake es bei den meisten: "Da wollen mir immer alle erzählen, dass die Pyramiden von Sklaven errichtet worden seien. Falsch! Es waren Bauern und Arbeiter, die vom Pharao entlohnt wurden."


* Name geändert.

Mehr lesen über