Kinderwelten "Beide bringen Geld rein"
SPIEGEL: Aycan, Leoni, Lasse, Thorbjörn, wenn ihr an eure Zukunft denkt, wie soll die Familie aussehen, die ihr mal gründen wollt?
Lasse: Zwei bis drei Kinder, schönes Haus, schöne Familie, am liebsten mit Haus in der Stadt und auf dem Land. Am besten mit 30 ausgesorgt haben, als Profi-Sportler oder sonst was.
Leoni: In der siebten Klasse haben wir mal Collagen gemacht, wie wir uns unser Traumleben vorstellen. Da hatte ich keine Familie.
SPIEGEL: Wie sah dein Traumleben aus?
Leoni: Viel Geld. Ein tolles Haus, Luxus. Ein Mann, aber ich hatte keine Kinder in meiner Collage. Fast alle hatten ein Baby aufgeklebt, aber ich nicht. Ich kann mir das noch nicht vorstellen. Das muss doch anstrengend sein.
SPIEGEL: Warum?
Leoni: Na ja, man muss sich immer um das Kind kümmern. Man hat nicht so viel Freizeit. Ein eigenes Leben kann man so nicht führen.
SPIEGEL: Also willst du gar keine Kinder haben?
Leoni: Ich weiß noch nicht. Aber wenn, dann auf jeden Fall zwei. Eine große Schwester oder einen großen Bruder, das ist schon was Schönes. Man kann sich mit denen gut über das unterhalten, worüber man mit den Eltern nicht reden will.
Aycan: Ich möchte auf jeden Fall Kinder haben und einen guten Beruf. Ich will für mich selber sorgen. Ich will auf keinen Fall vom Staat abhängig sein, aber auch nicht von einem Mann.
SPIEGEL: Wie würdet ihr euer Familienleben organisieren?
Leoni: Die Frau und der Mann arbeiten. Beide bringen Geld rein. Nicht, dass man abhängig voneinander ist. Beide kümmern sich um die Kinder.
Thorbjörn: Ich würde gern arbeiten, meine Frau müsste das für sich selber entscheiden. Mir wäre es eigentlich egal, ob sie arbeitet oder nicht.
SPIEGEL: Könntest du dir auch vorstellen, halbtags zu arbeiten und dich den Rest der Zeit um die Familie zu kümmern?
Thorbjörn: Wenn sich das so ergeben würde, sicherlich. Ich würde das jedenfalls nicht unmännlich finden oder so.
SPIEGEL: Gehört es zu einer Familie dazu, dass die Eltern verheiratet sind?
Lasse: Nein, Kinder sind nicht unbedingt ein Grund zum Heiraten. Ich finde, man muss überhaupt nicht heiraten. Man kann auch gut 20 Jahre zusammenleben, ohne verheiratet zu sein. Es ist aber auch schön, wenn man es tut. Das sollte jeder selbst entscheiden.
Leoni: Man kann sich auch ohne Ring lieben, finde ich. Meine Mutter ist ja auch nicht mit meinem Stiefvater verheiratet, und die sind schon lange zusammen.
Die vier über Familie: "Meine Mutter ist die einzige, die mir zuhört"
SPIEGEL: Ihr lebt in sehr unterschiedlichen Elternhäusern. Was hält eurer Meinung nach eine Familie zusammen?
Leoni: Liebe auf jeden Fall, bei allen Mitgliedern einer Familie. Das ist wichtig.
Lasse: Gemeinsamkeiten sind wichtig, und dass man sich auch mal streitet, dass man miteinander über alles redet. Vertrauen und so was. Vor allen Dingen auch gegenseitiges Interesse.
SPIEGEL: Wie äußert sich das?
Lasse: Mein Vater spielt Fußball, er geht zu den Spielen vom FC St. Pauli, da hat er mich als Kind immer mitgenommen. Ich spiele Eishockey, da guckt er dann auch meistens zu und fiebert mit. So haben wir auch Sachen, über die wir reden können.
Thorbjörn: Ich denke, man muss viel reden und auch Zeit miteinander verbringen. Jeder sollte Zeit für sich haben, aber wer alles alleine macht, versteht sich mit den anderen nicht wirklich gut. Dann hat es auch nicht mehr so viel mit Familie zu tun.
Leoni: Ja, die Eltern müssen schon nachhaken, was die Kinder machen, mit welchen Leuten sie zu tun haben, die Freunde vielleicht auch kennenlernen, wenn es denn sein muss. Eltern sollten Kinder nicht zu sehr einengen, sie auch mal allein lassen, aber sich doch sehr um sie kümmern und sie nicht vernachlässigen.
SPIEGEL: Aycan, deine Familie stammt aus Kurdistan, du hast viele Geschwister. Hast du das Gefühl, dass die deutschen Familien weniger Zusammenhalt haben als ihr?
Aycan: Nein, ich denke sogar manchmal, die haben mehr.
SPIEGEL: Woran machst du das fest?
Aycan: In deutschen Familien wird sehr viel miteinander geredet. Wir sprechen auch miteinander, aber bei uns setzen sich nicht alle zusammen und diskutieren. Wir reden eher zu zweit.
SPIEGEL: Deine Mutter ist alleinerziehend, du bist das älteste von fünf Kindern. Wann habt ihr Zeit, euch zu unterhalten?
Aycan: Abends, wenn die anderen schlafen. Dann sitzen wir vor dem Fernseher und reden, auch über Probleme. Ich habe ja keinen Vater, mit dem ich etwas besprechen kann, und es wäre ein bisschen doof, wenn ich mit meinen Problemen zu meinen kleinen Geschwistern ginge. Meine Mutter ist die einzige Person, die mir zuhört. Sie gibt sich jedenfalls Mühe.
... über ihre Eltern: "Schule, Freunde, Sport, was auch immer - sie mischen sich in wirklich alles ein"
SPIEGEL: Wie ist das bei euch anderen: Wann und worüber sprecht ihr mit euren Eltern?
Lasse: Wenn es Essen gibt, dann sitzen wir alle zusammen, und dann schnackt man, wie der Tag war. Dann lässt man ein bisschen Frust ab. Wenn ich Stress mit Lehrern habe, dann lästere ich mit meinem Bruder, weil der die Lehrer auch kennt.
SPIEGEL: Würdest du dir wünschen, dass deine Eltern mehr mitreden?
Lasse: Nee, eher ein bisschen weniger.
SPIEGEL: Wo mischen sie sich denn ein?
Lasse: Schule, Freunde, Sport, was auch immer. In wirklich alles.
SPIEGEL: Wie reagierst du darauf, wenn du eigentlich in Ruhe gelassen werden willst?
Lasse: Einfach genervt. Dann sagen meine Eltern: "Okay, toll, danke schön für das nette Gespräch" und stehen auf.
Leoni: Mit meiner Mutter ist das auch so. Immer, wenn ich esse, kommt sie mit der Schule an. Das stört mich total, vor allem beim Essen.
SPIEGEL: Was will sie wissen?
Leoni: "Wie war es heute?", "Was hast du für Noten geschrieben?" So geht das die ganze Zeit.
SPIEGEL: Was machst du dann? Gehst du in dein Zimmer?
Leoni: Nein. Ich esse erst auf, und dann gehe ich ins Zimmer.
Thorbjörn: Wenn ich mich mit meiner Mutter streite, dann geht auch jeder in sein Zimmer, und nach einiger Zeit hat sich alles irgendwie beruhigt.
SPIEGEL: Worüber sprichst du mit deiner Mutter?
Thorbjörn: Wir diskutieren manchmal über Politik. Über den G-8-Gipfel, über Israel und die Palästinenser, über die Wahlen in Frankreich. Über alles Mögliche.
SPIEGEL: Kannst du über diese politischen Themen auch mit deinen Freunden reden?
Thorbjörn: Die sind an Politik nicht interessiert. Das ist eher was zwischen mir und meiner Mutter.
SPIEGEL: Gibt es auch ein Thema, das dich mit deinem Vater verbindet?
Thorbjörn: Ja, wir reden meistens über Sport. Wir fahren ja beide Rennrad. Manchmal reden wir auch über die Schule. Er war eher in Mathe gut und nicht in Fremdsprachen. So ist das auch bei mir, während meine Mutter Sprachen besser konnte als Mathe. Deshalb versteht mein Vater mich meistens besser, wenn ich von der Schule erzähle.
SPIEGEL: Leoni, du lebst mit deiner Mutter, dem Lebensgefährten deiner Mutter und dessen Sohn zusammen. Außerdem hast du noch eine ältere Schwester, die in England lebt, und eine jüngere Halbschwester. Wie ist das bei dir in deiner Patchwork-Familie?
Leoni: Für mich ist meine Familie gar nicht ungewöhnlich.
SPIEGEL: Bist du in deinem Freundeskreis keine Ausnahme mit deinen Stief- und Halbgeschwistern?
Leoni: So habe ich das noch gar nicht gesehen. Für mich ist das einfach eine ganz normale Familie. Wir hatten letztes Jahr auch mal ein Jahrestreffen mit der ganzen Verwandtschaft, darunter auch welche, die nur entfernt mit uns verwandt sind. Das waren über 50 Leute, meine Mutter hat das organisiert.
SPIEGEL: Hattest du bei den vielen Menschen noch das Gefühl, die sind meine Familie?
Leoni: Nein. Es war schon lustig, aber ich kenne die ja gar nicht alle. Da kamen auch Leute aus Frankreich. Ich kann mir gar nicht merken, wer das alles war.
SPIEGEL: Wer gehört für euch zur Familie?
Thorbjörn: Ich finde, es gibt drei verschiedene Familien. Einmal Frau, Mann, Kinder, dann Oma, Opa, Tanten, Cousins, Cousinen und schließlich noch alle, die mit einem verwandt sind.
SPIEGEL: Also quasi ein Kern mit zwei Ringen darum?
Aycan: Eigentlich schon. Ich habe eine Riesenfamilie. In der Türkei sind einige, und hier sind auch noch welche über ganz Deutschland verteilt.
Lasse: Wir haben Glück. Bei uns lebt fast die ganze Familie in Hamburg und Umgebung. Wir feiern zum Beispiel Weihnachten ganz groß. Da kommen echt alle, vom besten Freund über die Cousine bis zur Oma. Dann sitzen wir am großen Tisch und essen Bratkartoffeln und Roastbeef. Unsere Oma kommt immer auch dazu.
... über ihre Zukunftspläne: "Die Frau hinter dem Herd, das finde ich nicht Ordnung"
SPIEGEL: Wie sehr hängt ihr an den Großeltern?
Leoni: Sie sind mir sehr wichtig. Wenn mein Opa oder meine Oma Geburtstag haben, fahren wir hin und feiern mit denen.
Thorbjörn: Meine Oma und mein Opa wohnen auf dem Land, da bin ich total gerne.
Aycan: Ich habe meine Großeltern seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen.
SPIEGEL: Seit du aus Kurdistan weggegangen bist. Vermisst du sie?
Aycan: Manchmal, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Am ehesten vermisse ich meine Oma. Zu der habe ich den meisten Kontakt. Bei den anderen Verwandten ist das nicht so, auch nicht bei denen in der Türkei. Die kann ich gar nicht vermissen, weil ich sie nicht kenne.
SPIEGEL: Wie würdest du eine kurdische Familie beschreiben?
Aycan: Die kurdische Familie in der Türkei ist immer noch sehr traditionell. Es ist meistens so, dass die Frauen nur zu Hause sind und die Männer arbeiten. Die Töchter dürfen nicht rausgehen. Alles ist sehr streng dort.
SPIEGEL: Könntest du dieses Familienmodell leben?
Aycan: Auf keinen Fall. Das Familienbild da ist ein bisschen frauenfeindlich, und das finde ich nicht in Ordnung. Dass Frauen einfach nicht dieselben Chancen haben wie Männer.
SPIEGEL: Und wie erzieht deine Mutter dich und deine Geschwister?
Aycan: Ihr ist es sehr wichtig, dass wir gut in der Schule sind. Sie ist selber in einem Dorf aufgewachsen und nicht zur Schule gegangen. Sie weiß, wie es ist, wenn man kein Deutsch kann und immer eine Übersetzerin braucht. Sie weiß, was das für ein Gefühl ist, wenn man nichts versteht und sich nicht unterhalten kann. Sie will nicht, dass wir dasselbe erleben. Sie will nicht, dass wir Außenseiter sind.
SPIEGEL: Wie organisiert ihr euer Leben in Deutschland, wenn deine Mutter kaum Deutsch spricht?
Aycan: Es ist so, dass sie öfter Arzttermine hat, und dann muss ich mit ihr dahin gehen, weil ihr Deutsch nicht reicht. Ich muss auch immer mit zu den Ämtern. Ich hasse das einfach. Ich will das nicht. Schule, Freunde, Sport, was auch immer. Bei mir soll das auf jeden Fall nicht so sein.
SPIEGEL: Was wollt ihr später anders machen als eure Eltern?
Lasse: Ich bin eigentlich ganz zufrieden damit, wie meine Eltern uns erzogen haben. Ich würde aber noch mehr versuchen, alle Kinder gleich zu behandeln. Bei uns ist es ein bisschen so, dass mein Vater den mittleren, also meinen zweiten Bruder, als Liebling hat, und meine Mutter mich. Ich finde, so eine Aufteilung sollte man nicht machen, dass ein Elternteil dem einen Kind mehr erlaubt als dem anderen.
Leoni: Meine Mutter hat die Schule vor dem Abitur abgebrochen, das will ich anders machen. Ich möchte das Abi unbedingt schaffen. Meine Mutter will das auch, weil sie meint, es würde ja immer schwieriger, Arbeit zu finden.
Lasse: Mein Vater sagt auch immer, dass Schule eigentlich das Wichtigste ist, nach Freunden und Familie. Er meint, alles außer Abi kommt eigentlich gar nicht in Frage. Meine Eltern geben uns auch einen Ansporn: Wir wetten um kleine Geldbeträge. Wenn ich im Zeugnis gute Noten kriege, gewinne ich was.
Thorbjörn: Meine Eltern sehen das mit der Schule eher locker. Ich bin derjenige, der unbedingt Abitur machen will.
Aycan: Ich auch. Vielleicht studiere ich dann, entweder Medizin oder etwas in Richtung Bank.
SPIEGEL: Und wie willst du Job und Familie kombinieren?
Aycan: Ich finde, Mann und Frau sollten arbeiten gehen und sich beide auch um die Erziehung kümmern. Das sollte nicht nur die Frau machen. Die Frau hinter dem Herd, das finde ich nicht Ordnung.
... über die große Liebe: "Er muss liebevoll sein, lustig, eigentlich alles, was gut ist"
SPIEGEL: Was für ein Partner wäre dir am liebsten?
Aycan: Am ehesten ein Kurde, der hier in Deutschland lebt. Es ist mir schon wichtig, dass er ein bisschen die gleiche Kultur hat wie ich.
SPIEGEL: In Familien sind Gemeinsamkeiten wichtig. Was ist mit der großen Liebe? Glaubt ihr daran?
Thorbjörn: Weiß nicht.
Leoni: Ja.
SPIEGEL: Und wie erkennt man die?
Leoni: Kann man, glaube ich, am Anfang gar nicht so erkennen. Man muss sich erst mal kennenlernen. Es heißt ja, es gibt Liebe auf den ersten Blick. Aber da kann auch viel schiefgehen.
SPIEGEL: Erzähl!
Leoni: Bei der Liebe auf den ersten Blick ist es ja so: Man hat sich gesehen, und einen Tag später ist man zusammen. Dann aber lernt man denjenigen erst kennen und findet ihn überhaupt nicht mehr toll.
SPIEGEL: Welche Eigenschaften muss denn der Mann haben, mit dem du Kinder kriegen würdest?
Leoni: Humor. Er soll keine Dumpfbacke sein. Er muss einen guten Job haben. Er muss liebevoll sein, lustig. Eigentlich alles, was gut ist.
SPIEGEL: Aycan, Lasse, Leoni, Thorbjörn, wir danken euch für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Jan Friedmann und Merlind Theile.
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